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23.01.2016

17:28 Uhr

Arabischer Frühling – fünf Jahre danach

Schlimmer als je zuvor

VonMartin Gehlen

Ägypten ist fünf Jahre nach dem Arabischen Frühling ein autokratischer Polizeistaat, beherrscht von einem Ex-General. Das Bitterste daran: Um andere Länder steht es noch viel schlimmer. Ein Streifzug durch die Region.

Der Tahrir-Platz 2011. Fünf Jahre nach dem „Arabischen Frühling“ ist Ägypten wieder ein autokratisch geführter Polizeistaat. Reuters

Ende einer Hoffnung

Der Tahrir-Platz 2011. Fünf Jahre nach dem „Arabischen Frühling“ ist Ägypten wieder ein autokratisch geführter Polizeistaat.

KairoDer Millionen-Jubel auf dem Tahrir-Platz in Kairo vor fünf Jahren zog am Ende den ganzen Globus in seinen Bann. Das Volk am Nil hatte den modernen Pharao besiegt, mit geradezu übermenschlicher Anstrengung das Joch der Diktatur abgeschüttelt.

Tunesien war das erste schwere Beben, Ägypten dann der politische Vulkanausbruch im Zentrum der arabischen Welt. Endlich, so schien es, waren die arabischen Völker aufgewacht, jagten ihre Despoten davon und pusteten ihre muffigen Staatsgebilde durch.

Daten und Fakten zu Ägypten

Die Bevölkerung

Ägypten ist das bevölkerungsreichste arabische Land. Der etwa eine Million Quadratkilometer große Staat im Norden Afrikas besteht überwiegend aus Wüste. Ein Großteil der etwa 88 Millionen Einwohner lebt entlang des Nils sowie im Nildelta, die zu den am dichtesten besiedelten Regionen der Welt zählen.

Die Religion

90 Prozent sind Muslime, der Islam ist Staatsreligion.

Der Suezkanal

Kairo kontrolliert mit dem 1956 verstaatlichten Suezkanal eine der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt. Die Kanalgebühren sind eine tragende Säule des ägyptischen Budgets.

Der Tourismus

Der Tourismus, ein weiterer wichtiger Devisenbringer, hat seit der Revolution 2011 stark gelitten.

Arabischer Frühling – so hieß bald die euphorische Chiffre für die neuen Hoffnungsprojekte im Nahen und Mittleren Osten, für den scheinbar endlich bewältigten Quantensprung der islamisch-arabischen Kernregion hin zu Modernität, Pluralität und Demokratie.

Fünf Jahre später herrscht eiskalter Winter. Alle Blütenträume sind verwelkt, die altbekannte, erstickende Ohnmacht ist zurückgekehrt. Die Menschen auf den Straßen wirken stumm und verängstigt. Mit ihren politischen Sehnsüchten haben sie sich wieder zurückgezogen in die virtuelle Welt von Twitter und Facebook.

Ägypten: Aus Angst vor Demonstrationen foltert das Regime

Der ägyptische Cyberheld von damals, der Google-Manager Wael Ghonim, dessen Facebook-Seite den Aufstand gegen Staatspräsident Husni Mubarak auslöste, kämpft heute vor Gericht gegen seine Ausbürgerung wegen Staatsfeindlichkeit. „Ich war bei der Januar-Revolution dabei“, heißt das trotzige Twitter-Bekenntnis, mit dem sich dieser Tage Zehntausende junger Ägypter gegen Resignation und Verzweiflung stemmen.

Krach zwischen Kairo und Berlin: Bundesregierung fordert Aufklärung des Falls Alexandrani

Krach zwischen Kairo und Berlin

Bundesregierung fordert Aufklärung des Falls Alexandrani

Die Bundesregierung fordert, dass die Festnahme des ägyptischen Publizisten Alexandrani aufgeklärt wird. Er war nach einem Konferenzauftritt in Berlin auf einem ägyptischen Flughafen verhaftet worden.

„Trotz der Monster – ich habe das Utopia auf dem Tahrir-Platz miterlebt, ich werde das niemals vergessen“, schrieb einer. „Seid stolz darauf, an dem ägyptischen Traum beteiligt gewesen zu sein“, tweetete ein anderer. Denn viel ist nicht mehr übrig von der Hoffnung auf ein freieres, sozialeres und gerechteres Ägypten.

Der alte Mubarak-Apparat aus Militär, Polizei und Justiz hat seine im Frühjahr 2011 verlorene Macht wieder fest in der Hand. Nach dem vom Militär erzwungenen Sturz des ersten frei gewählten Präsidenten Mohammed Mursi im Juli 2013 ist mit Abdel Fattah al-Sissi auch der Präsident wieder – wie gewohnt – ein Ex-General.

Die Polizei, deren drakonischer Machtmissbrauch vor fünf Jahren den Volkszorn zum Überkochen brachte, wütet schlimmer als zuvor. Mehr als 40.000 Menschen sind als politische Gefangene hinter Gittern, mehr als 150 Menschen spurlos verschwunden. Und während das Regime hartnäckig leugnet, in seinen Verließen würde gefoltert und vergewaltigt, dringen fast täglich neue Horrorgeschichten nach draußen.

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