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24.01.2015

14:22 Uhr

Arabischer Frühling in Ägypten

Vom Traum zum Albtraum

VonMartin Gehlen

Vor vier Jahren brach in Ägypten der „Arabische Frühling“ aus. Junge Ägypter träumen seither von Freiheit und einem modernen Leben. Anwältin Mahienour El-Massry ist eine davon – frisch aus dem Gefängnis entlassen.

Vor vier Jahren begann der „Arabische Frühling“, ein politischer „Sommer“ ist auch in 2015 nicht in Sicht. Getty Images

Vor vier Jahren begann der „Arabische Frühling“, ein politischer „Sommer“ ist auch in 2015 nicht in Sicht.

ÄgyptenMahienour El-Massry wirkt völlig unbeeindruckt. Vier Monate saß die junge Anwältin im Gefängnis – seit kurzem ist sie auf freiem Fuß und kann jederzeit wieder eingesperrt werden. Wenn die bekannteste Aktivistin von Alexandria über die Lage der Demokratiebewegung in Ägypten redet, greift sie gerne zu Metaphern aus der Boxersprache. „Wir haben schwer eingesteckt“, sagt die 29-Jährige. „Eine Runde haben wir verloren, aber nicht den gesamten Kampf.“

Und so ist sie weiterhin mit schier unermüdlichem Elan unterwegs – mal verteidigt sie inhaftierte junge Muslimbrüder vor Gericht, mal wacht sie in einer Polizeistation bei syrischen Bootsflüchtlingen, die von der Küstenwache verhaftet wurden, damit diese nicht gefoltert werden. Mal klettert sie auf schwindelnd hohe Fabrikmauern, wie bei der Arzneifirma „Pharco“, um den für mehr Lohn streikenden Arbeitern auf der anderen Seite Essen herunterzuwerfen.

Oder mal harrt sie, wie an diesem Vormittag, zusammen mit einer Handvoll anderer Aktivisten in windiger Kälte bei den Beschäftigten der „Alexandria Textilfaser-Werke“ aus. Alle 400 sollen entlassen werden, weil der indische Investor den ehemaligen Staatsbetrieb abreißen und das Grundstück teuer verkaufen will.

Mahienour El-Massry, kurz Mahie, ist Anwältin und Aktivistin. Katharina Eglau

Mahienour El-Massry, kurz Mahie, ist Anwältin und Aktivistin.

Mahie, wie ihre Freunde sie nennen, gehört zu den Revolutionären Sozialisten, einer der wenigen säkularen Parteien, welche die vom Militär erzwungene Absetzung des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi am 3. Juli 2013 nicht bejubelte, sondern ablehnte. Ihre Tante Sanaa war ihr Vorbild – aktive Kommunistin und bis zu ihrem Tod 2001 das rote Schaf in der ansonsten strenggläubig-islamischen Familie. Ihr Vater dagegen, der 2009 starb, war immer strikt gegen die politische Arbeit seiner ältesten Tochter.

Einmal zerrte er die Widerspenstige sogar eigenhändig aus einer Demonstration, so dass ihre Freunde dachten, der wütende Mann gehöre zur Staatssicherheit. Nach dem Sturz Mubaraks am 11. Februar 2011 ging Tochter Mahienour zu seinem Grab, wie sie in einer Dokumentation über Frauen im Arabischen Frühling erzählt: „Vater, Du hast immer gesagt, die Welt wird sich niemals ändern, es gibt keine Hoffnung, Leiden gehört zum menschlichen Dasein“, sagte sie dem Toten. „Ich wünschte, Du wärst hier und könntest sehen, dass die, die du immer Sklaven genannt hast, keine Sklaven mehr sind. Ihr Leben wird besser sein, denn sie haben an ihre Träume geglaubt.“

Fragen und Antworten zur Reise nach Ägypten

Was sagt das Auswärtige Amt?

Das Auswärtige Amt in Berlin hat seinen Sicherheitshinweis für Ägypten entschärft. Es rät seit Ende September nicht mehr grundsätzlich von Reisen dorthin ab. Touristen sollten aber im ganzen Land – ausdrücklich auch in den Badeorten am Roten Meer – besonders vorsichtig sein, rät das Ministerium.

Von Reisen nach Kairo, in die Touristenzentren in Oberägypten (Luxor, Assuan, Nil-Kreuzfahrten) und in das Nildelta wird abgeraten. Auch in die anderen Gebiete wie die Touristen-Hochburgen am Roten Meer sollten Deutsche derzeit aber nicht fahren. Demonstrationen und Menschenansammlungen, insbesondere vor religiösen Stätten sollten unbedingt gemieden werden.

Das Auswärtige Amt rät außerdem von Reisen in entlegene Gebiete der Sahara eindringlich ab. Dies gilt insbesondere für die Grenzregionen zu Libyen und zum Sudan.

Kann ich meine Reise jetzt kostenlos stornieren?

Da unterscheiden sich die Meinungen. Zahlreiche Reiseveranstalter akzeptieren kostenlose Stornierungen nur bei einer offiziellen Reisewarnung des Auswärtigen Amtes, wie sie für den Nordsinai und das Grenzgebiet zu Israel gilt. Der Reiserechtler Paul Degott sagt aber, eine Kündigung sei immer in einer Situation höherer Gewalt möglich, wenn diese die Reise konkret betreffe und so zum Beispiel „der planmäßige Erholungsurlaub nicht mehr möglich ist“. Dies sei in Ägypten mittlerweile der Fall. Die Anbieter müssten bei Stornierung also den gesamten Reisepreis zurückzahlen. Bei vorzeitiger Abreise müsse vom Verbraucher nur der erbrachte Teil der Reise und die Rückreise bezahlt werden.

Wie reagieren die Anbieter in der aktuellen Situation?

Zahlreiche Anbieter haben ihre Reisen für die kommenden Wochen komplett abgesagt. Andere bieten ihren Kunden kostenlose Umbuchungen, wollen aber keine Stornierungen akzeptieren. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen weist darauf hin, dass Verbraucher eine Umbuchung durch ihren Reiseveranstalter nicht akzeptieren müssen.

Was sollten Touristen tun, die schon vor Ort sind?

Das Auswärtige Amt hält die Lage in den Touristenorten am Roten Meer noch für „ruhig“. Nach Angaben von TUI und Thomas Cook können Urlauber, die bereits in Ägypten sind, ihre Reise fortsetzen. Sie sollten sich lediglich an die Vorgaben der örtlichen Reiseleitungen halten und wie gebucht zurückfliegen. In Hurghada ist das Auswärtige Amt bereits durch einen Honorarkonsul vertreten, auch in andere Reiseorte soll Botschaftspersonal entsandt werden, das für Fragen zur Verfügung steht.

Hilft mir eine Reiserücktritt-Versicherung?

Selbst wer eine Reiserücktritt-Versicherung abgeschlossen hat, ist bei Streit mit dem Reiseveranstalter nicht auf der sicheren Seite. Die Police schließt Ereignisse höherer Gewalt wie Anschläge oder Naturkatastrophen regelmäßig aus. Sie deckt nur persönliche Risiken ab, etwa eine schwere Krankheit oder der Tod eines Angehörigen vor Reiseantritt. Sollte der Anbieter eine kostenlose Stornierung verweigern und wollen Verbraucher dagegen vorgehen, wären sie also auf eine Rechtsschutz-Versicherung angewiesen.

Heute, im Ägypten von Ex-Feldmarschall Abdel Fattah al-Sisi, jedoch dominieren vor allem die Albträume. Mindestens 20.000 politische Gefangene sitzen hinter Gittern, mehr als 1800 Menschen sind nach Sisis Machtübernahme durch Polizeikugeln gestorben – die Hälfte allein am 14. August 2013 auf dem Rabaa Adawiyya Platz in Kairo, dem schlimmsten Massaker durch Sicherheitskräfte in der modernen Geschichte Ägyptens.

Allein im vergangenen Jahr sind nach Zählung von Bürgerrechtlern etwa 100 Menschen in Arrestzellen an Misshandlungen gestorben. Im Gegenzug wächst der Terror. Auf dem Sinai hat sich eine Filiale des „Islamischen Staates“ etabliert. Nahezu 600 Soldaten und Polizisten sind durch Attentäter ums Leben gekommen.

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