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06.11.2016

13:00 Uhr

Arabisches Scheidungsrecht

Wenn die Frau zur Ehe gezwungen wird

Frauen werden in vielen arabischen Ländern im Scheidungsrecht schwer benachteiligt. Oft müssen sie auf finanzielle Unterstützung verzichten, um die Ehe auflösen zu können. Gewalt und Demütigung reichen nicht aus.

Die Juristin Schamasneh glaubt, dass die Gesetze von Männern geschrieben wurden und darum Frauen benachteiligen. AP

Reema Shamashneh

Die Juristin Schamasneh glaubt, dass die Gesetze von Männern geschrieben wurden und darum Frauen benachteiligen.

RamallahDie junge Krankenschwester schildert vor Gericht ihre verzweifelte Lage: Ihr Ehemann hat sie geschlagen, mit brühendem Tee übergossen und sie nicht zu ihrer sterbenden Mutter gehen lassen. Eine Scheidung kann sie trotzdem nur schwer durchsetzen. Erst als sie bereit ist, auf jeglichen Unterhalt zu verzichten – auch auf die im Ehevertrag vereinbarten umgerechnet 13.000 Euro – stimmt der Ehemann zu. Die Scheidung wird vollzogen und die Frau kann ihren Sohn behalten. Für ihre Anwältin Reema Schamasneh ist es dennoch ein bitterer Sieg.

„Sie hat bekommen, was sie wollte, aber dennoch bin ich nicht glücklich, weil sie ihre Rechte aufgegeben hat“, erklärt die 39-jährige Juristin in Ramallah. Die gläubige Muslima, bekleidet mit Kopftuch und der langen Robe, setzt sich Schamasneh für arabische Frauen in einem äußerst intimen Bereich ein: Ehe und Scheidung.

Krisenherde in der arabischen Welt

SYRIEN

Seit 2011 wird das Land von einem Bürgerkrieg und dem Terror des Islamischen Staates (IS) erschüttert, mehr als 400.000 Menschen kamen bereits ums Leben. Millionen wurden vertrieben.

IRAK

Der zeitweilige Vormarsch des IS hat viele Menschenleben gekostet. 2015 starben in dem zerrütteten Land mehr als 7.500 Zivilpersonen eines gewaltsamen Todes. Dieses Jahr waren es bis September mehr als 4.000.

GAZA

Seit 2008 gab es drei Gaza-Kriege. Allein während des jüngsten Konflikts im Sommer 2014 wurden mehr als 2.200 Menschen getötet.

TÜRKISCHES KURDISTAN

Im Kurdenkonflikt starben seit 1984 mehr als 40.000 Menschen. Er strahlt in Nachbarländer ab. Seit 2015 eine Waffenruhe endete, herrschen in Teilen der Südosttürkei bürgerkriegsähnliche Zustände.

JEMEN

Im Bürgerkrieg zwischen der von Saudi-Arabien unterstützten sunnitischen Regierung und den schiitischen Huthi-Rebellen sind seit März 2015 mehr als 4.000 Zivilisten getötet worden.

SINAI

Das ägyptische Militär kämpft auf der Halbinsel gegen das Terrornetzwerk Islamischer Staat. Hunderte Menschen starben seit 2011 bei Anschlägen radikaler Islamisten auf der Halbinsel und in Kairo.

LIBYEN

Libyen ist nach dem Sturz von Langzeitmachthaber Muammar al-Gaddafi 2011 in Chaos und Bürgerkrieg versunken. Das Land gilt als Sammelbecken für IS-Kader aus dem Kerngebiet in Syrien und dem Irak.

In Tunesien und Marokko wurden Reformen des Eherechts verabschiedet, in anderen Ländern dagegen muss die Braut noch immer von einem männlichen Vormund vertreten werden, der für sie den Ehevertrag unterzeichnet. Männer können sich mit einem Federstrich scheiden lassen, während Frauen ausführliche Begründungen für diesen Schritt vorlegen müssen – dabei sind ihre Aussagen vor Gericht nur halb so viel wert wie die eines Mannes. Und die Vielehe ist nur für Männer legal.

Solche Ansichten sind keinesfalls Minderheitsmeinungen. Das Meinungsforschungsinstitut Pew ermittelte 2013, dass in sieben arabischen Ländern eine deutliche Mehrheit die Einschätzung vertritt, dass eine Frau ihrem Ehemann gehorchen müsse. 74 Prozent waren es im Libanon, 87 Prozent in den palästinensischen Gebieten und 93 Prozent in Tunesien. „Wir können die westlichen Gesetze nicht kopieren, weil die westlichen Gesellschaften anders sind und sie sehr komplizierte Probleme haben“, erklärt Marjam Saleh, Vertreterin der islamistischen Hamas im früheren palästinensischen Parlament.

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Die Übergriffe auf Frauen in Köln sorgen seit Tagen für Schlagzeilen in Deutschland. In vielen arabischen Ländern gehört die sexuelle Belästigung zur Tagesordnung. Das liegt vor allem am patriarchalen Frauenbild.

Schamasneh glaubt dagegen, dass die Gesetze von Männern geschrieben wurden und darum Frauen benachteiligen. „Sie sind in einer Kultur aufgewachsen, die ihnen sagt, dass Männer besser sind als Frauen und das spiegelt sich in den Gesetzen wider.“ Sie selbst erlebte als Kind auf dem Dorf die vielen Benachteiligungen der Mädchen, die Beschneidung ihrer Rechte und Freiheiten. Ihr Vater Mohammed wollte aber, dass seine Töchter genauso wie die Söhne eine Ausbildung erhält.

Schamasneh entschied sich für Jura. Ihr Erfolg macht ihre Mutter Amneh heute stolz, auch wenn sie damals nicht von der Notwendigkeit eines Studiums überzeugt war. Amneh selbst wurde im Alter von 13 Jahren verheiratet und bekam mit 15 ihr erstes Kind. Vier von Schamasnehs Schwestern heirateten dagegen erst in ihren 20ern. Eine fünfte wurde mit 16 in eine arrangierte Ehe gezwungen und musste zwei Jahre später eine langwierige Scheidung durchstehen.

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