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07.10.2014

21:41 Uhr

Arbeitslosengeld

Frankreich kopiert Schröders Reformen

VonThomas Hanke

Frankreichs Premierminister Valls wandelt auf den Spuren Gerhard Schröders und greift die üppigen Leistungen der Arbeitslosenversicherung an. Zudem endet die „Supersteuer“.

Frankreichs Premier Manuel Valls: Der Sozialist bricht eines der letzten Tabus. AFP

Frankreichs Premier Manuel Valls: Der Sozialist bricht eines der letzten Tabus.

ParisMehr Schröder, weniger Sozialismus scheint die neue Devise des französischen Premierministers Manuel Valls zu sein. Eine Reise nach London mit Auftritt in der City nutzte er, um am Dienstag ein Tabu zu brechen: „Die Frage der Arbeitslosenversicherung muss erneut gestellt werden, sowohl was die Höhe als auch die Dauer der Unterstützung angeht“, forderte der sozialistische Politiker. Bereits vor zwei Wochen hatte er vor dem Bundesverband der deutschen Industrie gesagt, seine Regierung setzte sich für die Unternehmen und für niedrigere Arbeitskosten. An das Arbeitslosengeld aber hatte er sich bisher nicht getraut.

Nun scheint Valls auf den Spuren des Agenda-Kanzlers zu wandeln. „Wir müssen die Anreize zur Arbeitsaufnahme erhöhen, Tausende von freien Stellen werden nicht besetzt“, beklagte er. Und mit bitterer Selbstkritik fügte Valls hinzu: „In Großbritannien und Deutschland haben Teilzeit und Kurzarbeit erlaubt, Beschäftigung zu sichern und schneller wieder zu steigern, als das Wachstum zurückkam. Wir in Frankreich dagegen haben die Wahl einer hohen und sehr gut bezahlten Arbeitslosigkeit getroffen.“

Das Arbeitslosengeld kann in Frankreich maximal 6000 Euro erreichen und wird bis zu zwei Jahre gezahlt. Valls setzte noch eins drauf: Die bislang erreichte Flexibilisierung der 35-Stunden-Woche reiche nicht aus. Diese Aussagen dürften seine linken Kritiker zur Weißglut treiben. Die hatten noch vor wenigen Wochen den Arbeitsminister Franҫois Rebsamen heftig kritisiert, weil der es wagte, in den Arbeitsämtern schärfer zu kontrollieren, „ob sich jemand nach einem Job umsieht“. Damals hatte Valls es vorgezogen, seinen Minister zum Schweigen zu verdonnern.

Warum Frankreich in der Krise steckt

Arbeitslosigkeit

Eines der sichtbarsten Probleme ist die Arbeitslosigkeit im Land. Sie bewegt sich seit Monaten auf Rekordniveau. Zuletzt waren fast 3,4 Millionen Menschen ohne Job. Damit liegt die Quote fast doppelt so hoch wie in Deutschland.

Wachstum

Gleichzeitig kommt das Wachstum in der nach Deutschland zweitgrößten Volkswirtschaft der Eurozone nicht in Gang. In den ersten beiden Quartalen dieses Jahres stagnierte die Wirtschaft sogar.

Handelsdefizit

Zudem hat Frankreich eine negative Bilanz beim Austausch mit anderen Wirtschaftsnationen. Das Außenhandelsdefizit lag im ersten Halbjahr 2014 bei 29,2 Milliarden Euro.

Sparprogramm

Im Kampf gegen die Krise hat sich die Regierung ein Sparprogramm vorgenommen. Bis 2017 plant Paris Einsparungen in Höhe von 50 Milliarden Euro.

Neuverschuldung

Es ist fraglich, ob Frankreich wie zugesagt im kommenden Jahr das EU-Defizitkriterium wird einhalten können. Demnach darf die Neuverschuldung nicht mehr als drei Prozent der Wirtschaftskraft betragen. An dieser Hürde war Frankreich in den vergangenen Jahren stets gescheitert.

Der Meinungswandel kommt nicht von Ungefähr: In Brüssel kämpft die französische Regierung darum, ihren Haushalt für 2015 genehmigt zu bekommen. Die EU-Kommission verlangt offenbar drei bis acht Milliarden an zusätzlichen Einsparungen – die will Valls auf jeden Fall vermeiden. „Wir sparen mit 21 Milliarden Euro im nächsten Jahr so viel wie nie“, ließ er am Dienstag seinen Finanzminister Michel Sapin erklären, „mehr geht nicht“. Doch trotz des Sparprogramms kommt Frankreich 2015 nicht an die versprochenen drei Prozent Budgetdefizit heran: Die Neuverschuldung wird 4,3 Prozent betragen. Ein Ausweg aus dem Konflikt mit Brüssel könnte darin bestehen, radikalere Strukturreformen als bisher auf den Weg zu bringen. Vor gut einem Jahr hatte die Regierung eine erste Arbeitsmarktreform aufgelegt, die aber lediglich das Verfahren bei einer Unternehmens-Restrukturierung vereinfacht.

Valls steht allerdings vor dem Problem, dass die Arbeitslosenversicherung bislang paritätisch von Arbeitgebern und Gewerkschaften verwaltet wird. Will der Premier die Änderungen durchsetzen, die er jetzt andeutet, muss er die Verwaltung dieses Zweigs der Sozialversicherung an sich ziehen. Rein rechtlich geht das offenbar, doch wohl erst ab 2016 und vorher dürfte ein Konflikt mit den Gewerkschaften garantiert sein. Und es steht die Frage, wie Valls in der Zwischenzeit die EU von der Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit seiner Reform überzeugen kann. Den Briten versicherte er, seine Regierung sei „pro-business“ – was er mit dem Hinweis untermauerte, die umstrittene Supersteuer von 75 Prozent laufe Anfang 2015 aus.

Kommentare (11)

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Herr Rene Weiß

08.10.2014, 07:41 Uhr

Schade ist, dass die Sozialisten das Land erst bis an den Rand des Ruins regieren, bis sie einsehen, dass auch sie mit ihrer Ideologie Gesetzmäßigkeiten und Zusammenhängen nicht außer Kraft setzen können. Metaphorisch, auch für die Linken geht die Sonne im Osten auf, ob sie wollen oder nicht.

Frau Ellis Müller

08.10.2014, 08:30 Uhr

Nichts hält sich mehr als ein Mythos:
Forscher entlarven Hartz-IV-Wunder als Mythos
""Falsch", schreiben jetzt vier Forscher, die die Wandlung Deutschlands vom "kranken Mann Europas" zu einer international hoch wettbewerbsfähigen Volkswirtschaft untersucht haben. Sie kommen zu dem Schluss, dass der Beitrag der sogenannten Hartz-Reformen nur gering war."
http://www.welt.de/wirtschaft/article124489299/Forscher-entlarven-Hartz-IV-Wunder-als-Mythos.html

Herr Josef Schmidt

08.10.2014, 10:20 Uhr

Raubkapitalismus ist die Lösung, 1€ Jobs und Hartz4 für alle die arbeiten bis zum Umfallen und kein ausreichendes Einkommen beziehen. Dann ist endlich Vollbeschäftigung erreicht.

Mal schauen wer dann die überflüssigen teueren Luxuskarren noch kauft und was die Aktienmärkte mit ihrem wertlosen Schulden dann machen.

Ein kluger Mann hat einmal gesagt: Autos kaufen keine Autos. Das ist der wichtigste Zusammenhang den viele nicht verstehen können.

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