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30.12.2013

18:01 Uhr

Arbeitslosigkeit in Griechenland

Kein Licht am Ende des Tunnels

VonGerd Höhler

Die griechische Regierung versucht, den Menschen Mut zu machen. Aber zwei von drei Landsleuten blicken pessimistisch in die Zukunft. Von der Arbeitslosigkeit ist es nur ein sehr kleiner Schritt in die totale Armut.

Griechische Depression: Fast zwei Drittel erwarten, dass sich ihre Lebenssituation weiter verschlechtert. Getty Images

Griechische Depression: Fast zwei Drittel erwarten, dass sich ihre Lebenssituation weiter verschlechtert.

AthenFrohe Weihnachten? Elena Riga kam dieser Wunsch in den vergangenen Tagen nicht leicht über die Lippen. Sie hatte kein frohes Fest. Vor zehn Monaten verlor die 42-jährige Griechin ihren Job als Geschäftsführerin einer Supermarkt-Filiale im Athener Stadtteil Pangrati – die Kette ging in die Insolvenz. „Es war ein stressiger Job, viele unbezahlte Überstunden, aber ich hatte immerhin ein Gehalt von knapp 1.200 Euro netto“, erzählt Elena. Jetzt muss sie mit 360 Euro im Monat auskommen, der staatlichen Arbeitslosenunterstützung.

Und auch die fließt nicht mehr lange. Im März wird sie wohl zum letzten Mal bei der Arbeitsverwaltung OAED um ihr Geld anstehen, denn die Hilfe wird maximal zwölf Monate gewährt. Danach ist Schluss. Sozialhilfe oder eine Grundsicherung wie Hartz IV gibt es in Griechenland nicht. Und wer kein Arbeitslosengeld mehr bekommt, verliert auch seine Krankenversicherung. Elena wirkt mutlos, fast verzweifelt: „Ich weiß nicht, was dann aus uns werden soll“, sagt die Frau, die seit der Scheidung von ihrem Mann vor vier Jahren auch eine 15-jährige Tochter allein ernähren muss.

Im Sommer haben Mutter und Tochter ihre Zweizimmerwohnung aufgegeben und sind zu Elenas Eltern gezogen. Das Rentner-Ehepaar, 68 und 71 Jahre alt, teilt seine Pension jetzt mit Tochter und Enkelin. Elena hat die Hoffnung, doch noch einen neuen Job zu finden, nicht aufgegeben. Hunderte Bewerbungen hat sie schon geschrieben. Aber bei realistischer Betrachtung weiß sie: Die Aussichten auf eine neue Stelle sind minimal.

So stehen die Euro-Sorgenländer da

Frankreich

Deutschlands wichtigster Handelspartner wächst nicht mehr: Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte im Sommer überraschend um 0,1 Prozent. Die EU-Kommission traut dem Nachbarn nur einen blutleeren Aufschwung zu. 2014 soll es nur zu einem Plus von 0,9 Prozent reichen, was etwa halb so viel ist wie in Deutschland. "Steigende Arbeitslosigkeit und Steuererhöhungen wirken sich negativ auf die Einkommen aus", befürchtet die Kommission, was wiederum den Konsum bremst. Obwohl das Wachstum 2015 auf 1,7 Prozent anziehen soll, dürfte die Arbeitslosenquote bis dahin auf 11,3 Prozent zulegen.

Italien

Die drittgrößte Volkswirtschaft der Währungsunion schrumpfte im Sommer nun schon das neunte Quartal in Folge und steckt damit in der längsten Rezession seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Während die Industrie zulegte, gingen die Geschäfte der Dienstleister und Landwirte zurück. Zwei Rezessionsjahren dürfte eine kraftlose Erholung folgen: 2014 wird ein Wachstum von 0,7 Prozent erwartet, das sich 2015 auf 1,2 Prozent erhöhen soll. Eine steigende Exportnachfrage dürfte die Unternehmen zwar zu mehr Investitionen ermutigen, erwartet die EU-Kommission. Die Arbeitslosenquote soll aber im kommenden Jahr weiter steigen.

Spanien

Die viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone hat sich im Sommer aus der Dauer-Rezession befreit. Anziehende Exporte und der boomende Tourismus ließen das Bruttoinlandsprodukt um 0,1 Prozent wachsen. Zuvor war es neun Quartale in Folge geschrumpft. 2014 könnte die spanische Wirtschaft nach zwei Rezessionsjahren in Folge erstmals wieder wachsen. Die EU-Kommission erwartet ein Plus von 0,5 Prozent, das sich 2015 auf 1,7 Prozent erhöhen soll. "Die großen Anpassungen werden die Erholung einschränken", befürchtet die Kommission. Das reicht nicht, um die Arbeitslosigkeit kräftig zu drücken. Die Quote soll von 26,6 Prozent in diesem Jahr lediglich auf 25,3 Prozent im übernächsten Jahr fallen.

Griechenland

Im Frühjahrsquartal – neuere Daten liegen noch nicht vor – ging es um 3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bergab. Das am schwersten von der Schuldenkrise betroffene Land wird aber für 2014 ein kleines Comeback zugetraut: Das Bruttoinlandsprodukt soll dann erstmals seit sechs Jahren wieder wachsen, wenn auch nur um 0,6 Prozent. Das reicht nicht annähernd aus, um den für 2013 erwarteten Einbruch von 4,0 Prozent auszugleichen. "2015 dürfte die Erholung an Kraft gewinnen, wenn die Investitionen zum Motor der Belebung werden", erwartet die EU-Kommission, die dann mit einem Plus von 2,9 Prozent rechnet. Allerdings bleibt die Arbeitslosigkeit hoch. Sie soll von rund 27 Prozent auf 24 Prozent im Jahr 2015 sinken.

Irland

Von allen Krisenländern steht Irland am besten da. Bereits im Frühjahr wurde die Rezession abgeschüttelt mit einem Wachstum von 0,4 Prozent. 2013 soll die Wirtschaft das dritte Jahr in Folge zulegen, wenn auch nur um 0,3 Prozent. Das Tempo dürfte sich 2014 auf 1,7 Prozent und 2015 sogar auf 2,5 Prozent beschleunigen. Sowohl Konsum als auch Exporte dürften immer besser in Schwung kommen. Bis 2015 soll die Arbeitslosenquote auf 11,7 Prozent fallen, nachdem sie 2012 noch bei 14,7 Prozent lag.

Portugal

Das kleine Land ist von Juli bis September bereits das zweite Quartal in Folge gewachsen - und zwar um 0,2 Prozent. 2014 soll nach drei Minus-Jahren wieder ein Plus folgen: Dann dürfte ein Wachstum von 0,8 Prozent herausspringen, das sich 2015 auf 1,5 Prozent nahezu verdoppeln soll. "Die Exporte sind der Wachstumstreiber, während die Binnennachfrage 2014 wieder anziehen wird", prophezeit die EU-Kommission. 2015 soll die Arbeitslosenquote mit 17,3 Prozent einen Tick unter den diesjährigen Wert fallen.

Zypern

Der Inselstaat steckt noch mitten im Abschwung: Im dritten Quartal 2013 brach die Wirtschaftsleistung mit 0,8 Prozent so stark ein wie in keinem anderen Euro-Land. Um 8,7 Prozent soll das Bruttoinlandsprodukt im gesamten Jahr 2013 zurückgehen. 2014 wird ein weiteres Minus von 3,9 Prozent erwartet. "Die zyprische Volkswirtschaft sieht sich starkem Gegenwind ausgesetzt", so die Kommission. Sowohl der Konsum als auch die Exporte dürften sinken. Erst 2015 wird wieder mit einem Wachstum gerechnet, das aber mit 1,1 Prozent dünn ausfallen soll. Die Arbeitslosenquote dürfte 2014 auf 19,2 Prozent hochschnellen und erst 2015 wieder leicht auf 18,4 Prozent nachgeben.

Im November wurden in Griechenland zwar 98.108 Menschen neu eingestellt, im gleichen Monat verloren aber 115.322 ihre Arbeit. Landesweit lag die Arbeitslosenquote im September – neuere Zahlen hat die Statistikbehörde Elstat noch nicht gemeldet – bei 27,4 Prozent. Unter den Frauen betrug die Quote sogar 31,4 Prozent.

Unermüdlich versichert Ministerpräsident Antonis Samaras seinen Landsleuten, das Schlimmste sei überstanden, die Talsohle der Rezession durchschritten. Im dritten Quartal 2013 schrumpfte die griechische Wirtschaft um drei Prozent. In jedem anderen EU-Land wäre das eine Hiobsbotschaft gewesen. Aber in Griechenland ist es eine Erfolgsmeldung. Schließlich war das Bruttoinlandsprodukt in den zwei Quartalen zuvor um 5,5 und 3,7 Prozent zurückgegangen. Die Talfahrt verlangsamt sich also. Und im nächsten Jahr soll die Wirtschaft sogar zum ersten Mal seit 2007 wieder wachsen, wenn auch nur um 0,6 Prozent. Premier Samaras sieht „Licht am Ende des Tunnels“.

Die meisten seiner Landsleute können dieses Licht aber nicht erkennen. Fast zwei Drittel der Griechen erwarten, dass sich ihre Lebenssituation in den kommenden zwei bis drei Jahren weiter verschlechtern wird, so eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts GPO von Ende November. Auch die meisten Ökonomen sind eher pessimistisch: Selbst wenn Griechenlands Wirtschaft im kommenden Jahr wieder wachsen sollte (wovon überdies nicht alle Experten ausgehen), werden die Menschen von der Wende wenig spüren.

Kommentare (16)

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curiosus_

30.12.2013, 18:14 Uhr

Wie hat unser Vorzeigeeuropäer, Jean-Claude Juncker, 1999 visioniert:

"Der Bundesstaat Europa wird sogar eine Art Multikulti-Staatsvolk aufweisen. Hielten die Leute 2002 erst einmal die Banknoten und Münzen des Euro in den Händen, sagt Luxemburgs Juncker voraus, "dann bildet sich bald ein neues Wir-Gefühl: wir Europäer"." (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-15317086.html)

Na ja. Das übliche Politiker-Dummgeschwätz, so à la "blühende Landschaften".

Wenn keine Substanz vorhanden ist muss halt heiße Luft herhalten.

Frank3

30.12.2013, 18:15 Uhr

Und Dank Merkel und EU , trotz Forderung , nicht mal Sozialrecht , auf Essmarken zum Überleben . . .
. . .
. . ., . . .

am003

30.12.2013, 18:26 Uhr

Griechenland steht in seiner Wirtschaftskraft nun wieder da, wo es vor dem Euro stand.
Na dann, ein Hoch auf den Euro.
Vermutlich wird es ein einer Reihe von Ländern ähnlich sein.
Der Euro lässt die Menschen leiden, aber es wird nicht so sehr um die Menschen gehen in dieser halbdemokratischen Organisation names EU

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