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27.12.2011

14:57 Uhr

Argentinien

Die Mutter aller Pleiten

VonKlaus Ehringfeld

Vor zehn Jahren befand sich Argentinien in einer ähnlichen Lage wie heute Griechenland. Das Land konnte seine Schulden nicht mehr zurückzahlen. Ein Rückblick und ein Seitenblick nach Griechenland.

Im Winter 2001 gingen die Argentinier in Buenos Aires auf die Straße. AFP

Im Winter 2001 gingen die Argentinier in Buenos Aires auf die Straße.

Buenos AiresZehn Jahre danach sitzt Roberto Lavagna entspannt in seinem hellen, großzügigen Büro in Buenos Aires. Es ist Frühsommer auf der Südhalbkugel, draußen auf der mondänen Avenida 9 de Julio pulsiert das Leben. Die Argentinier kaufen, gehen aus, bevölkern die Straßencafés. Auf einem Tisch steht Lavagnas neustes Buch: „Pensando un país“, heißt es. „Nachdenken über ein Land“.

Lavagna muss das öfters in diesen Wochen, denn immer wieder wird er gefragt, wie das war vor zehn Jahren, als Argentinien einfach Bankrott ging. Nicht nur die Regierungen der Krisenstaaten Südeuropas fragen nach, wie er denn geschafft hat, sein Land nach der größten Staatspleite der Geschichte wieder auf Kurs zu bringen. Neulich erst bat die Weltbank den eleganten 69-Jährigen zu einer Tagung nach Madrid.

Heute ist das Fundament solider. Soja und Weizen, Argentiniens Gold, sind gefragte Rohstoffe, das Land baut immer mehr Autos. Argentinien wächst seit fast zehn Jahren kontinuierlich um acht bis neun Prozent. Lavagna, ein schlanker Mann im blauen Hemd, lächelt dieses Siegerlächeln. Denn der Politiker, der von April 2002 bis November 2005 Wirtschaftsminister war, hat mit seinen ungewöhnlichen Maßnahmen von damals Teile des Fundaments für den Aufschwung von heute gelegt.

Argentinien: Chronik einer Pleite

November 2001

Die Argentinier heben täglich große Summen Peso ab, um sie in Dollar zu tauschen. 1,5 Milliarden Dollar fließen an einem Tag aus dem Finanzsystem ab.

3. Dezember 2001

18 Millionen Konten werden gesperrt, insgesamt 66 Milliarden Dollar eingefroren. Ab sofort dürfen die Argentinier pro Woche nur 250 Pesos (250 US-Dollar) abheben.

19. Dezember 2001

In Buenos Aires werden Supermärkte geplündert und Banken attackiert.

20. Dezember 2001

Präsident De la Rúa flieht aus dem Land.

Januar 2002

Präsident Eduardo Duhalde hebt die Wechselkurs-Bindung auf.

März 2003

Néstor Kirchner wird zum neuen Präsidenten gewählt. Er setzte gegen die Gläubiger einen Verzicht auf ihre Gelder von rund 70 Prozent durch.

Wie jedem Argentinier haben sich auch Lavagna diese Wochen Ende Dezember 2001 in die Erinnerung eingebrannt, als den Menschen zwischen Weihnachten und Silvester nicht nach Einkehr, sondern nach Krawall zumute war, als Argentinien in die Knie ging unter der Schuldenlast von 140 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, als die Mittelklasse verarmte, die Armen verelendeten. Als die Konten eingefroren wurde, die Menschen Banken und Geschäfte stürmten und sie alle Politiker zum Teufel jagen wollten: „Que se vayan todos“ – „Haut bloß alle ab“. Ein Satz, der damals die Stimmung eines ganzen Landes ausdrückte.

Am 20. Dezember floh Präsident Fernando de la Rúa vor der aufgebrachten Menge aus dem Präsidentenpalast „Casa Rosada“ mit einem Hubschrauber. In den Tagen danach, die einem Bürgerkrieg glichen, starben 25 Menschen. Die meisten wurden bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der repressiven Polizei getötet. Am Ende wird die größte Staatspleite der Geschichte nicht nur 130 Milliarden Dollar vernichtet haben, sondern auch 39 Menschenleben.

Kommentare (15)

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27.12.2011, 15:29 Uhr

Das hier gezogene positve Resümee ist realitätsfremd und verkennt die tatsächliche Situation in Argentinien. Argentinien ist im lateinamerikanischen Vergleich neben Ecuador und Surinam das Schlusslicht. Was für Venezuela oder Ecuador das Öl ist, ist für Argentinien Soja und Weizen. Man muss betonen, dass Argentinien darüber hinaus nicht viel zu bieten hat. Venezuela, Ecuador und Argentinien können Investoren keine Rechtssicherheit bieten - eine unabhängige Justiz existiert nicht. Kommt es in China zu einem Rückschlag, werden die Chinesen weniger Schwein essen und die Sojaexporte brechen ein. Argentinien ist für diesen Fall nicht gerüstet, ist seiner agrarischen Monostruktur absolut ausgeliefert.

Account gelöscht!

27.12.2011, 15:42 Uhr

Solange die Weltbevölkerung wächst können Nahrungsmittel nicht verkehrt sein. Die finden immer einen Abnehmer...

Account gelöscht!

27.12.2011, 16:30 Uhr

argentinien hat es vorgemacht..so wie alle "pleitestaaten" in der geschichte...

abwerten - wettbewerbsfähig werden.
das kann griechenland leider nicht mit dem euro..
also im sinne der grichen: austritt aus dem euro

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