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30.07.2014

16:51 Uhr

Argentiniens Finanzkrise

Das Griechenland Südamerikas

VonAlexander Busch

Argentiniens Regierung bereitet sich auf einen erneuten Zahlungsausfall vor. Präsidentin Cristina Kirchner scheint das Risiko nicht zu fürchten – dabei könnte das Drama ihre politische Karriere abrupt beenden.

Keine guten Aussichten: Nach der WM-Finalpleite könnte nun ein erneuter Zahlungsausfall die Argentinier schwer treffen.

Keine guten Aussichten: Nach der WM-Finalpleite könnte nun ein erneuter Zahlungsausfall die Argentinier schwer treffen.

São PauloOffiziell verhandelt die argentinische Regierung weiterhin in New York mit den Fonds, um einen Zahlungsausfall auf seine Schulden zu vermeiden. Doch inoffiziell scheint die Regierung von Präsidentin Cristina Kirchner sich bereits darauf einzustellen, ab Mittwoch erneut von den weltweiten Finanzmärkten isoliert zu sein. Immerhin schickte die Regierung nach etlichen Verzögerungen letzten Freitag doch noch eine Delegation nach New York, um mit einem Vermittlungsanwalt über eine Lösung im Konflikt mit den Hedgefonds zu verhandeln.

Die Hedgefonds haben nach langem Verfahren in der Justiz das Recht erhalten, den vollen Wert ihrer Argentinien-Anleihen in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar ausbezahlt zu bekommen. Die argentinische Regierung weigert sich jedoch die Fonds voll zu entschädigen. Denn dann müsste sie auch alle anderen Gläubiger zum vollen Wert ausbezahlen, die bei zwei Umschuldungen Argentiniens mitgemacht haben, argumentieren argentinische Minister.

Die Gläubiger haben 2005 und 2010 auf rund zwei Drittel ihrer Forderungen verzichten müssen. Nach der damals vereinbarten Klausel – Right Upon Future Offers (Rufo) – dürfen andere Gläubiger zehn Jahre lang nicht besser gestellt werden als diejenigen, die bei den beiden Umschuldungsrunden mitgemacht haben. Diese Klausel läuft zum 1. Januar 2015 aus. Dann könnte Argentinien theoretisch die klagenden Hedgefonds auch zum Nennwert ausbezahlen, ohne Entschädigungsklagen befürchten zu müssen.

Staatspleiten sind die Regel

Argentinien

Jahr der Unabhängigkeit: 1816

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit* 1800: 32,5 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 7

*Die Berechnungen der Länder, die vor 1800 unabhängig wurden, sind von 1800-2006.

Quellen: Berechnungen von Flossbach und Vorndran (2012), sowie Standard & Poor's, Purcell und Kaufmann (1991), Reinhart, Rogoff und Savastano (2003) und darin zitierte Quellen.

Australien

Jahr der Unabhängigkeit: 1901

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Brasilien

Jahr der Unabhängigkeit: 1822

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 25,2 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 9

Deutschland

Jahr der Unabhängigkeit: 1618

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 13 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 8

Finnland

Jahr der Unabhängigkeit: 1917

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Frankreich

Jahr der Unabhängigkeit: 943

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 8

Griechenland

Jahr der Unabhängigkeit: 1829

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit 1800: 50,6 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 5

Großbritannien

Jahr der Unabhängigkeit: 1066

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Italien

Jahr der Unabhängigkeit: 1569

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 3,4 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 1

Kolumbien

Jahr der Unabhängigkeit: 1819

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 36,2 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 7

Mexiko

Jahr der Unabhängigkeit: 1821

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 44,6 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 8

Niederlande

Jahr der Unabhängigkeit: 1581

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 6,3 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 1

Norwegen

Jahr der Unabhängigkeit: 1581

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Österreich

Jahr der Unabhängigkeit: 1282

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 17,4 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 7

Portugal

Jahr der Unabhängigkeit: 1139

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit 1800: 10,6 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 3

Russland

Jahr der Unabhängigkeit: 1457

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 39,1 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 5

Schweden

Jahr der Unabhängigkeit: 1523

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Spanien

Jahr der Unabhängigkeit: 1476

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 23,7 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 13

Türkei

Jahr der Unabhängigkeit: 1453

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 15,5 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 6

USA

Jahr der Unabhängigkeit: 1783

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: Als Folge der Wirtschaftskrise von 1837 stellten acht amerikanische Bundesstaaten ihre Zahlungen ein. Mehr als 100 Banken gingen in daraufhin Pleite. Knapp 150 Jahre schlingert die US-Wirtschaft wieder: Am 15. August 1971 erklärte der amerikanische Präsident Richard Nixon die sofortige Aufhebung der Dollar-Konvertierbarkeit in Gold, also die Aufhebung der Verpflichtung der USA, jederzeit Dollar in eine bestimmte Menge Gold umzutauschen. Diese auch als Nixon-Schock bekannte Ankündigung bedeutete faktisch die Erklärung der Zahlungsunfähigkeit beziehungsweise Zahlungsunwilligkeit, da die Aufhebung einseitig und unter Bruch bestehender Abmachungen (Bretton-Woods-System) erfolgte.

Venezuela

Jahr der Unabhängigkeit: 1830

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 38,4 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 10

Argentiniens Präsidentin wie Kabinettsmitglieder wiederholen jedoch gebetsmühlenartig, dass sie ja die Gläubiger bezahlen wollten, aber von der US-Justiz daran gehindert würden. „Die Gläubiger müssen ein neues Wort für unsere Situation finden – ein Zahlungsstopp ist es jedenfalls nicht“, erklärte Präsidentin Kirchner und wies jede Schuld am neuerlichen Default von sich. Doch inzwischen scheint es, dass Argentinien keinerlei Absicht hat die Hedgefonds auszubezahlen – mit dem fadenscheinigen Verweis auf die Rufo-Klausel.

Für Guillermo Nielsen, den Staatssekretär, welcher die erste Umschuldungsrunde mit den Gläubigern verhandelt hat, ist die Entscheidung der Regierung politisch. Es sei sehr wohl möglich sich kurzfristig mit den Gläubigern zu einigen. Argentinien würde mit seiner ablehnenden Haltung gegenüber den Gläubigern den Default in Kauf nehmen und dem Land damit nachträglich schaden.

Doch in Argentinien selbst sind die Sorgen vor einem neuen Zahlungsstopp noch nicht weit verbreitet: Der für Mittwoch drohende Zahlungsausfall wird vor allen in Wirtschafts- und Finanzkreisen diskutiert – die Regierung tut weiterhin so, als ob der erneute Zahlungsausfall kein großes Problem sei: „Nichts wird passieren“, erklärte Oscar Parrilli, der Generalsekretär der Regierung. „Wir arbeiten normal weiter – alles Schwarzmalerei.“

Kommentare (4)

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Herr Woldemar von Stechlin

29.07.2014, 17:02 Uhr

Wo soll das Problem sein???

Einfach mal kurz zahlungsunfähig werden, dann bekommt man alternativlos Kredite von IWF/Weltbank (und damit auch von uns). Ein paar Monate später begibt man wieder neue Anleihen, die von irgendwelchen Deppen auch gekauft werden.

Das haben die Südamerikaner so schon x-Mal gemacht. Also echt kein Aufreger, sondern "Business as usual"

Herr richard roehl

29.07.2014, 17:02 Uhr

Das ist eine Beleidigung Argentiniens. Sowohl was das Volumen der Verbindlichkeiten angeht, Argentinien hat schliesslich keine verblödeten Deutschen, die es durchalimentieren, da wird der externe Geldhahn viel eher zugedreht, und ebenso keine Fakelaki und Beamtenvetternwirtschaftskultur. Die sind da viel mitteleuropäischer als es Griechenland je sein wird

Herr Günter Härtel

29.07.2014, 17:42 Uhr

Wo liegt das Problem von Argentinien ?
Kirchner hat im Juli meine Unterstützung von 11Mrd. Dollar von den Chinesen erhalten,die sich damit in das Land eingekauft haben. China ist weiterhin bereit Milliarden zu investieren.
Erst kommt Argentinien und danach Brasilien.

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