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23.11.2013

17:43 Uhr

Atomgespräche mit Iran

Die Hängepartie von Genf

Der Durchbruch stünde bevor, hieß es aus Uno-Kreisen zu den Erfolgsaussichten der Atomverhandlungen mit dem Iran. Doch bisher sind die Außenminister der Vetomächte umsonst herbeigeeilt: Keine Partei zeigt sich überzeugt.

Gespräche in Genf: Die Verhandlungen mit dem Iran schreiten nicht wirklich voran. AFP

Gespräche in Genf: Die Verhandlungen mit dem Iran schreiten nicht wirklich voran.

GenfIn den Genfer Atomgesprächen ringen nun erneut die Außenminister der beteiligten Staaten um eine Übergangslösung. Am vierten Tag der Verhandlungen versuchten die fünf UN-Vetomächte USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich sowie Deutschland (5+1) verbliebene Differenzen mit dem Iran zu überbrücken. Eine Einigung werde es nur geben, wenn diese lohnend sei, sagte der britische Außenminister William Hague. „Wir sind nicht hier, weil die Dinge schon beendet sind, wir sind hier, weil die Dinge schwierig sind und schwierig bleiben“, sagte Hague.

Aus der iranischen Delegationen kam nach der Kritik an als unverhältnismäßig bezeichneten Forderungen optimistischere Töne. „Die Differenzen werden allmählich verringert, daher ist die Unterzeichnung eines Abkommens heute Abend durchaus als realistisch einzuschätzen“, sagte der iranische Außenminister und Delegationsleiter Mohammed Dschawad Sarif im iranischen Fernsehen. Staatspräsident Hassan Ruhani twitterte: „Ein Abkommen könnte Grundlage für eine langfristige Zusammenarbeit (mit dem Westen) werden und daher sowohl regionalen als auch internationalen Interessen dienen.“

Vertreter der 5+1-Gruppe verhandeln mit dem Iran über eine Übergangslösung, die nach Angaben aus Delegationen für sechs Monate gelten und ein erster Schritt sein soll. Der Iran soll dafür Teile seines Atomprogramms einstellen, einschließlich der Urananreicherung auf 20 Prozent, und den Bau eines Schwerwasserreaktors in Arak stoppen. Im Gegenzug soll es Lockerungen bei den schmerzlichen Wirtschaftssanktionen gegen den Iran geben. Teheran pocht auf ein Recht auf ein ziviles Atomprogramm. Den Verdacht, der Iran wolle einen Bau von Atomwaffen vorbereiten, weist Teheran zurück.

Die iranischen Atomanlagen

Schwerwasserreaktor in Arak

Eine zentrale Rolle im Atomstreit spielt der geplante Schwerwasserreaktor in Arak, rund 250 Kilometer südwestlich von Teheran. Solche Reaktoren werden mit gewöhnlichem, nicht angereichertem Uran befeuert und mit sogenanntem schwerem Wasser, einer molekularen Variante, gekühlt. Schwerwasserreaktoren sondern als Nebenprodukt mehr Plutonium ab als Reaktoren, die mit gewöhnlichem Wasser gekühlt werden. Plutonium wiederum kann für die Herstellung von Atomwaffen eingesetzt werden.

Der Bau des Reaktors in Arak begann 2004 und ist fast fertig. Ein Datum für die Inbetriebnahme ist jedoch noch nicht bekannt. Der Iran gibt an, die Anlage für die Herstellung von Isotopen für medizinische und industrielle Zwecke nutzen zu wollen. Die UN-Inspektoren haben die Anlage bereits besichtigt. Vor knapp zwei Wochen sagte die Regierung ihnen überdies zu, weitere Kontrollen zu ermöglichen.

Urananreicherungsanlage in Natans

Der Iran betreibt zwei bedeutende Urananreicherungsanlagen. Die älteste und größte befindet sich in Natans, rund 260 Kilometer südwestlich von Teheran. Die Schutzmaßnahmen sind aufwendig: Die Zentrifugen stehen unter der Erde und die Anlage wird von mehreren Luftabwehrgeschützen verteidigt. Seit 2006 drehen sich die Zentrifugen und reichern Uran an. Insgesamt soll der Iran nach UN-Angaben 18.000 Zentrifugen besitzen

Urananreicherungsanlage in Fordo

Die zweite Anlage liegt in Fordo, im bergigen Süden der Hauptstadt Teheran. Die Regierung hielt die Urananreicherungsanlage lange geheim. Erst 2009 wurde ihre Existenz durch ausländische Geheimdienste bekannt. Das Gelände wird von den elitären Revolutionsgarden geschützt. Die UN-Inspektoren haben beide Anlagen in Natans und in Fordo bereits besucht und Systeme für eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung eingerichtet. Der Iran will aber nach eigenen Angaben zehn weitere Anlagen zur Urananreicherung bauen. Details zu den Plänen sind jedoch noch nicht bekannt.

Reaktor Buschehr

Das Kraftwerk Buschehr befindet sich im Südwesten des Landes an der Küste des Persischen Golfs. Das Projekt hatte schon vor der islamischen Revolution 1979 mit deutscher Beteiligung begonnen, später wurde es mit russischer Unterstützung weiter betrieben. 2011 wurde Buschehr als erstes iranisches Atomkraftwerk ans Netz angeschlossen.

Reaktor Teheran

Der wichtigste Forschungsreaktor steht in der iranischen Hauptstadt. Dort werden vor allem Isotope für medizinische Zwecke produziert. Die UN-Experten haben Zugang zu der Anlage.

Reaktoren in Planung

In den kommenden 20 Jahren plant der Iran den Bau mehrerer neuer Reaktoren. Wenige Details sind bekannt. Der meistdiskutierte Vorschlag ist ein Reaktor zur Energiegewinnung in Darchowin in der südwestlichen Provinz Chusestan. Er soll ausschließlich mit iranischer Technologie konstruiert werden. Der Iran hat der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) versprochen, seine Pläne zu erläutern.

Uranmine Saghand

Die bedeutendste Uranmine des Landes liegt in Saghand in der zentralen Provinz Jasd. Dort lagern die größten iranischen Vorkommen. Die Inspektoren dürfen die Mine betreten.

Uranmine Gachin

Eine kleinere Uranmine liegt am Persischen Golf. Ganz in der Nähe gibt es eine Raffinerie in Bandar Abbas. Seit 2006 wurden hier kleine Mengen von sogenanntem Yellowcake hergestellt. Dabei handelt es sich um ein gelbes, pulverförmiges Material aus Uranverbindungen, aus dem Brennstäbe hergestellt werden.

Uranmine Ardakan

Rund 500 Kilometer südlich von Teheran ist eine Raffinerie zur Produktion von Yellowcake geplant. Sie ist noch nicht in Betrieb.

Militäranlage Parchin

In Parchin südöstlich von Teheran befindet sich ein Militärgelände, auf dem konventionelle Waffen getestet werden. Die IAEA vermutet, dass dort eine unterirdische Anlage existiert, in der Zünder für Atomsprengköpfe getestet worden sein sollen. Der Iran weist die Vorwürfe zurück. Zwar konnten die Inspektoren den Stützpunkt 2005 besuchen, seither verlangt die IAEA aber erneut Zugang, den sie aber bislang nicht bekam.

Der amtierende Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte nach seiner Ankunft in Genf, es gebe eine Chance auf eine Einigung, aber auch noch Differenzen. „Es ist eine realistische Chance dafür da, aber es ist noch eine Menge Arbeit zu tun“, sagte er. Im Bemühen um einen Durchbruch war am Morgen auch US-Außenminister John Kerry angereist. Nachdem er sich mit der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton beraten hatte, traf er den französischen Außenminister Laurent Fabius, dann den russischen Außenminister Sergej Lawrow.

„Wir werden nur einen Deal machen - die sechs Nationen - , wenn dieser ein lohnender Deal ist“, sagte Hague bei seiner Ankunft in Genf. „Die Geschichte des iranischen Atomprogrammes in den vergangenen Jahren ist eine der Verschleierung und sie richtet sich gegen internationale Vereinbarungen und Resolutionen“, sagte er. „Deswegen ist es so wichtig, dass ein Übereinkommen sorgfältig ist, detailliert und umfassend, und dass es alle Aspekte des iranischen Atomprogramms abdeckt“, betonte er.

Der russische Vizeaußenminister Sergej Rjabkow sagte der Agentur Interfax zufolge, dass die Sechsergruppe und der Iran „sehr nah an einem Durchbruch“ seien, aber es noch keine „endgültige Überzeugung“ gebe. Zu den wesentlichen Fragen, die noch zu klären seien, gehöre das Schicksal des Atomreaktors in Arak. „Die Fragen lassen sich an Fingern abzählen. Arak ist eine der bedeutendsten Fragen“, sagte Rjabkow.

Bei einem Treffen der Außenminister mit der iranischen Delegation vor zwei Wochen in Genf schien eine Lösung bereits in greifbarer Nähe. Zu einem Durchbruch kam es aber nicht.

Von

dpa

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