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23.03.2016

13:16 Uhr

Atomkraftwerke

Im Fokus von Terroristen

VonNils Wischmeyer

Die Brüsseler Terroristen haben Atomforscher ausspioniert, das belgische AKW Tihange musste evakuiert werden. Atomreaktoren gelten als mögliche Anschlagsziele. Gibt es Methoden, um die Meiler vor Angriffen zu schützen?

Die Gefahr vor einem terroristischen Anschlag gegen ein Atomkraftwerk steigt. In Deutschland wird die Lage von den Behörden als sicher eingeschätzt. dpa

Möglicher Anschlag

Die Gefahr vor einem terroristischen Anschlag gegen ein Atomkraftwerk steigt. In Deutschland wird die Lage von den Behörden als sicher eingeschätzt.

DüsseldorfDie Brüsseler Terrorzelle steckte offenbar hinter einem Spionageangriff gegen einen Atomforscher. Die beiden Selbstmordattentäter Ibrahim und Khalid El Bakraoui sollen eine heimlich vor dem Wohnhaus des Wissenschaftlers angebrachte Überwachungskamera abmontiert haben, berichtet die Tageszeitung „La Dernière Heure“. Was wollten die Terroristen? Eine Theorie lautet, dass von ihm radioaktives Material für eine sogenannte schmutzige Bombe erpresst werden sollte.

Die Angst vor Angriffen mit atomarem Material und auf atomare Ziele alarmiert die Ermittler. Auch am Tag der Anschläge in Brüssel meldeten Nachrichtenagenturen, dass das Atomkraftwerk in Tihange evakuiert werde. Schnell kam die Frage auf: Hatten die Terroristen das Atomkraftwerk im Visier? Droht jetzt der Super-Gau?

Kurze Zeit später bemühten sich die Betreiber um Beruhigung. Die Atomkraftwerke in Tihange und Doel seien nur teilgeräumt worden. Nur Mitarbeiter, die unbedingt notwendig seien, sollten auf dem Gelände bleiben. „Wir gehen kein Risiko ein“, kommentierte die belgische Atombehörde.

Verdächtige der Anschläge von Brüssel und Paris (24.3.)

Khalid El Bakraoui

Der 27-jährige Belgier hat sich der Staatsanwaltschaft zufolge am Dienstag in einem Zug nahe der Brüsseler Metro-Haltestelle Maelbeek in die Luft gesprengt. Bereits 2011 war er wegen Autodiebstahls zu fünf Jahren Haft verurteilt worden, hatte sich der Strafe aber entzogen. Er soll einen gefälschten Ausweis benutzt haben, um eine Wohnung in Brüssel anzumieten, in der sich weitere Mitglieder der Extremisten-Miliz Islamischer Staat (IS) versteckt haben sollen.

Ibrahim El Bakraoui

Der 29-jährige Bruder Khalids hat sich den Ermittlungen zufolge am Brüsseler Flughafen in die Luft gesprengt. Er war 2010 zu zehn Jahren Haft verurteilt worden, nachdem er bei einem versuchten Raub auf Polizisten geschossen hatte. Seit seiner zwischenzeitlichen Haftentlassung im August 2015 war er untergetaucht. Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan hatte am Mittwoch erklärt, dass der Belgier 2015 an der türkisch-syrischen Grenze festgenommen und auf eigenen Wunsch in die Niederlande ausgewiesen worden sei. Belgien habe die Warnung, dass es sich um einen Extremisten handle, ignoriert.

Najim Laachraoui

Najim Laachraoui soll Medienberichten zufolge der zweite Selbstmordattentäter am Flughafen von Brüssel gewesen sein. Die DNS des 25-jährigen Belgiers wurde nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft auch in Wohnungen der Attentäter von Paris gefunden. Bereits im Februar 2013 war Laachraoui nach Syrien gereist, wo er wahrscheinlich von IS-Kämpfern ausgebildet wurde. Unter falschem Namen wurde er zusammen mit Salah Abdeslam im September 2015 auf dem Weg von Ungarn nach Österreich gesehen.

Salah Abdeslam

Der 26-jährige Franzose war vorige Woche als mutmaßlicher Drahtzieher der Anschläge von Paris in Brüssel festgenommen worden. Nach eigenen Worten wollte er sich vor dem Fußballstadion in die Luft sprengen, in dem zu diesem Zeitpunkt ein Spiel zwischen Frankreich und Deutschland stattfand, machte aber im letzten Moment einen Rückzieher. Ob er auch in die Planungen der Brüssel Anschläge involviert war, ist noch unklar.

Brahim Abdeslam

Der ältere Bruder von Salah sprengte sich im November in einem Pariser Café in die Luft. Der 31-Jährige war zuvor von der Türkei in seine Heimat Belgien ausgewiesen worden, weil der Verdacht bestand, er könnte sich in Syrien einer Extremistenmiliz anschließen. Nach seiner Rückkehr nach Belgien wurde er zwar verhört, aber nicht festgenommen.

Mohammed Abrini

Der 30-jährige Belgier gilt als Freund der Abdeslam-Brüder und wird von Europol gesucht. Medienberichten zufolge könnte er der dritte Mann sein, der am Brüsseler Flughafen einen Selbstmord geplant hatte, dann aber seine Bombe zurück ließ und flüchtete. Abrini soll in Syrien gekämpft haben. Er war kurz vor den Pariser Anschlägen mit Salah Abdeslam in der französischen Hauptstadt gefilmt worden.

Abdelhamid Abaaoud

Der 28-jährige Belgier ist bei einer Schießerei mit der französischen Polizei in einem Pariser Vorort im November 2015 getötet worden. Er hat vermutlich in Syrien gekämpft und wird verdächtigt, dem Angriff auf das Jüdische Museum in Brüssel 2014 und einen gescheiterten Anschlag auf einen Zug von Frankreich nach Belgien 2015 unterstützt zu haben.

Mehdi Nemmouche

Der Franzose soll 2013 in Syrien gekämpft haben, bevor er bei dem Angriff auf das Jüdische Museum in Brüssel im Jahr 2014 vier Menschen getötet hat. Er wurde wenig später festgenommen und sitzt derzeit in dem Gefängnis in Brüssel, in dem auch Salah Abdeslam festgehalten wird.

Mohammed Belkaid

Der 35-jährige Algerier wurde mehrfach mit Laachraoui und Abdeslam gesehen. Er wurde am Freitag bei der Fahndung nach Salah Abdeslam von einem Scharfschützen getötet.

Amine Choukri oder Monir Ahmed Alaaj

Ein Mann, der die falschen Identitäten Amine Choukri und Monir Ahmed Alaaj benutzt hat, wurde am Freitag mit Saleh Abdeslam festgenommen. Der Mann war im Oktober 2015 mit Abdeslam in der Nähe von Ulm gesehen worden und soll ebenfalls in die Anschläge von Paris involviert gewesen sein.

Unberechtigt waren die Sorgen nicht. Denn das ist nicht der einzige Vorfall, der den belgischen Ermittlern Kopfzerbrechen bereitet: 2012 schleuste sich ein Terrorist der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) über eine externe Dienstleistungsfirma in das AKW Doel in Belgien ein. Dort arbeitete er im Hochsicherheitsbereich, studierte jahrelang die Abläufe, konnte sich einen Überblick über den Aufbau und mögliche Sicherheitsmaßnahmen verschaffen. Dann reiste er nach Syrien, kämpfte für den IS und teilte dort sein Wissen.

Die Angst vor dem Anschlag auf die Meiler, sie ist da. Die belgische Zeitung „DH“ schrieb, die Bedrohung sei „so groß wie nie zuvor.“

Wichtige Fragen zu Anschlägen in Brüssel

Wie liefen die Anschläge im Flughafen ab?

Die Terrorserie beginnt um 07.58 Uhr mit zwei Explosionen auf dem Flughafen, kurz hintereinander. Zwei Männer sprengen sich in die Luft. Einer von ihnen wird anhand der Aufnahmen einer Überwachungs-Kamera als Ibrahim El Bakraoui (29) identifiziert, ein Belgier. Der Polizei ist er durch verschiedene Straftaten bekannt, aber nicht als Islamist. Vom zweiten Selbstmord-Attentäter in der Abflughalle kennt man die Identität noch nicht. Ein dritter Mann - auf dem Foto der Überwachungskamera ganz links, mit dem größten Sprengsatz auf seinem Gepäckwagen - sprengt sich nicht in die Luft. Warum, weiß man nicht. Er überlebt, kann fliehen. Neu auch: Das Trio kam mit dem Taxi zum Flughafen. Beim Gepäck wollten sich die drei keinesfalls helfen lassen.

Was ist über den Anschlag in der U-Bahn bekannt?

Der Selbstmord-Anschlag in der Metro-Station Maelbeek geht auf das Konto von Khalid El Bakraoui, dem jüngeren Bruder des identifizierten Flughafen-Attentäters. Wegen verschiedener Vorstrafen waren seine Fingerabdrücke bei der Polizei gespeichert. Der 27-Jährige - ebenfalls Belgier - zündet die Bombe Punkt 09.11 Uhr im mittleren von drei Wagen. Wie der jüngere El Bakraoui dorthin kam und ob er dort Mittäter hatte, weiß man nicht. Am Flughafen kann er eigentlich nicht gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft gibt aus ermittlungstaktischen Gründen keine weitere Auskunft.

Wie viele Todesopfer gibt es?

Noch sind nicht alle Opfer identifiziert. Die belgischen Behörden stellten über Ostern klar, dass die bislang genannte Zahl von 31 Toten die drei Selbstmordattentäter einschließt, die sich selbst in die Luft sprengten. Damit fielen 28 Menschen dem Terror der Attentäter zum Opfer. Zudem gab es circa 260 Verletzte. Unter den Verletzten sind auch mehrere Deutsche, darunter ein schwer verletzter Mann.

Gibt es einen Zusammenhang zum Terror in Paris?

Vieles deutet darauf hin: der Ablauf, der Sprengstoff, die Tatorte. Und auch einiges davon, was man über die Täter weiß. Einer der beiden Brüder - Khalid - soll unter falschem Namen eine Wohnung angemietet haben, die zur Vorbereitung der Anschläge mit 130 Toten im November in Paris genutzt wurde. An der Adresse im Stadtteil Schaerbeek, wo der Taxifahrer das Flughafen-Trio abgeholt hatte, wurden 15 Kilogramm hochexplosives Azetonperoxid (TATP), ein Koffer mit Nägeln und Schrauben, sowie weiteres Material für den Bombenbau gefunden. Von Ibrahim El Bakraoui wurde auch ein Testament entdeckt. Darin soll es heißen: „Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.“

Wer wird noch gesucht?

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft fandet man noch nach einer ganzen „Reihe von Personen“. Zahlen und Namen nannte Staatsanwaltschaft Frédéric Van Leeuw keine. Der Verdacht richtet sich aber insbesondere gegen ein Mann namens Najim Laachraoui (24), der bereits seit dem Wochenende offiziell gesucht wird. Er soll - zusammen mit Salah Abdeslam, der am Freitag in Brüssel festgenommen wurde - einer der Drahtzieher der Paris-Anschläge gewesen sein. Am Vormittag meldeten belgische Medien bereits seine Festnahme. Das stimmte aber nicht.

Hat sich die Lage in Belgien beruhigt?

Weiterhin gilt Terrorstufe 4 - die höchstmögliche. Das öffentliche Leben funktioniert mittlerweile halbwegs wieder. Aber das ganze Land trauert. Um 12.00 Uhr gab es eine Schweigeminute. Bis Karfreitag ist noch offiziell Staatstrauer. Die Flaggen wehen auf halbmast. Die Metro-Station Maelbeek wird vermutlich noch mehrere Wochen geschlossen bleiben. Der Flughafen Brüssel bleibt auf jeden Fall auch am Donnerstag noch geschlossen.

Doch wie sieht es in Deutschland aus? Sind wir vor einem Anschlag auf ein Atomkraftwerk geschützt? Und wie wahrscheinlich ist so ein Angriff?

„Grundsätzlich gehören die deutschen Atomkraftwerke zu den sichersten der Welt“, sagt Terrorismusexperte Rolf Tophoven dem Handelsblatt. „Die deutschen Standards sind beispielsweise wesentlich höher als in Belgien.“ Eine akute Gefahr sieht er deshalb nicht.

Auch das Bundeskriminalamt (BKA), das mit dem Bundesnachrichtendienst (BND) und dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) für die Sicherheit der Atomkraftwerke zuständig ist, stuft die Wahrscheinlichkeit terroristischer Anschläge auf kerntechnische Einrichtungen als „eher gering“ ein. Derlei Angriffe seine „aber grundsätzlich in Betracht“ zu ziehen.

Anders sieht das Heinz Smital. „Man muss davon ausgehen, dass terroristische Attentäter auf eine größere Organisation von vielfältigen Sachexpertisen zurückgreifen, die auch nukleare Sachkenntnisse einschließt“, sagt der Kernphysiker, der bei Greenpeace beschäftigt ist. Das heißt, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist, müsse man neue Maßnahmen ergreifen, um das zu verhindern. „Das Schadenspotenzial ist extrem hoch“, sagt Smital. Bis zu 100.000 Quadratkilometer wären von einer Kernschmelze betroffen – knapp ein Drittel Deutschlands.

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