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08.03.2013

12:38 Uhr

Atomschlag-Provokation

EU droht mit weiteren Sanktionen gegen Nordkorea

Nordkorea bringt die Welt gegen sich auf: Deutschland kündigt weitere Sanktionen der EU an – und selbst dem großen Verbündeten China gehen die Drohgebärden deutlich zu weit. Experten sehen aber keine akute Kriegsgefahr.

Nordkoreas Machthaber bringen die Weltgemeinschaft gegen ihr Land auf. dpa

Nordkoreas Machthaber bringen die Weltgemeinschaft gegen ihr Land auf.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle hat Nordkoreas Aufkündigung des Nichtangriffspakts mit Südkorea "in aller Schärfe" verurteilt. "Die Kriegsrhetorik in Nordkorea muss ein Ende haben", sagte Westerwelle am Freitag in Berlin. Das Land müsse "seine Raketen- und seine Atomtests umgehend einstellen". Die Außenminister der Europäischen Union hätten nun am Montag bei einem Treffen in Brüssel darüber zu beraten, "ob wir über die Sanktionen der Vereinten Nationen hinaus weitere europäisch Maßnahmen gegen Nordkorea ergreifen müssen".

Es gehe darum, "dass der Druck auf das Regime in Nordkorea nicht nachlässt", sagte Westerwelle. Der UN-Sicherheitsrat habe mit seinen "neuen Sanktionen gegen Nordkorea eine unmissverständliche Botschaft gesendet." Die internationale Gemeinschaft werde "die von Pjöngjang verfolgte Politik der nuklearen Erpressung nicht hinnehmen", sagte Westerwelle.

Nordkoreas Säbelrasseln in den vergangenen Jahrzehnten

Januar 1951:

Auftakt eines verbalen Feldzuges: Ein halbes Jahr nach Nordkoreas Invasion des Südens bezeichnet Staatsgründer Kim Il Sung die südkoreanischen Soldaten und die US-Truppen als Invasoren. Er schwört, die Feinde des Nordens zu vernichten.

Januar 1952:

Kim Il Sung bezeichnet die US-Truppen als Nazis und verspricht, der Krieg werde sie in ein Massengrab bringen.

Mai 1972:

In einem Interview mit der „New York Times“ sagt Kim Il Sung, sein Land bereite sich fortwährend auf einen Krieg vor. „Diese Angelegenheit verschleiern wir nicht“, sagt er.

März 1993:

Aus Protest gegen ein gemeinsames Manöver der USA und Südkoreas erklärt Nordkorea einen „halben Kriegszustand“. Der Streit über sein Atomprogramm steckt in einer Sackgasse und die Regierung in Pjöngjang droht mit einem Austritt aus dem Atomwaffensperrvertrag.

1994:

Ein nordkoreanischer Unterhändler droht, Seoul in ein „Meer aus Feuer“ zu tauchen. Aus Angst vor einem Krieg stürmen die Südkoreaner die Supermärkte und decken sich in Hamsterkäufen mit Fertignudeln, Wasser- und Gasvorräten ein.

September 1996:

Nordkoreanische Agenten dringen mit einem U-Boot in südkoreanische Gewässer ein und werden gefangen oder getötet. Der Norden kündigt „hundertfache und tausendfache Vergeltung“ an.

Januar 2002:

US-Präsident George W. Bush erklärt Nordkorea zusammen mit dem Iran und dem Irak zur „Achse des Bösen“. Pjöngjang reagiert, die Äußerungen seien „kurz vor einer Kriegserklärung“. Das Außenministerium zeigt Zähne und verspricht, niemals die „rücksichtslosen Versuche“ zu tolerieren, Nordkorea „mit Waffengewalt zu ersticken“.

Januar 2010:

Auf einen mutmaßlichen Katastrophenplan der südkoreanischen Regierung gegen mögliche Unruhen im Norden reagiert Nordkorea mit der Drohung eines „Heiligen Kriegs der Vergeltung“.

Mai 2010:

Die Fronten verhärten sich. Südkorea wirft dem Norden vor, mit einem Torpedo ein Kriegsschiff des Südens versenkt zu haben. 46 Seeleute sterben. Nordkorea reagiert gereizt und warnt vor einem „umgehenden Schlag“. Im November greifen nordkoreanische Truppen eine Insel an und töten vier Südkoreaner.

November 2011:

Nordkorea will ein Manöver des Südens nicht hinnehmen und nimmt den Präsidentenpalast in Seoul verbal ins Visier. Er soll erneut in ein „Meer aus Feuer“ getaucht werden.

April 2012:

Südkoreas konservativer Präsident Lee Myung Bak wird als „Ratte“ bezeichnet, die von einem „Blitz der Vergeltung“ erschlagen werden sollte.

Juni 2012:

Nordkoreas Artillerie zielt angeblich auf südkoreanische Medien und will damit kritische Berichterstattung aus dem Süden eindämmen. Ein „gnadenloser Heiliger Krieg“ steht im Raum.

Oktober 2012:

Die Angst vor einer Invasion aus dem Süden geht angesichts eines Raketenabkommens zwischen Washington und Seoul um. Die USA befänden sich in der Reichweite nordkoreanischer Raketen, warnt ein nicht identifizierter Sprecher des Nordens.

Auch Bundeskanzlerin Merkel zeigte sich „sehr besorgt“. Die Staatengemeinschaft werde sich davon aber nicht unter Druck setzen lassen, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. „Die Rechnung geht nicht auf, dass die Welt sich von Kriegsdrohungen beeindrucken lässt.“ Dies habe auch der UN-Sicherheitsrat mit seinen jüngsten Sanktionsbeschlüssen klar gestellt.

Seibert betonte, dass die Staatengemeinschaft trotz der jüngsten Eskalation weiterhin gesprächsbereit sei. „Sollte sich das nordkoreanische Regime entschließen, dass es seine Verantwortung gegenüber der eigenen Bevölkerung und der Welt wahrnehmen will, muss es nur die ausgestreckte Hand ergreifen.“ Zugleich appellierte er an Nordkorea, die „technischen Kommunikationsmöglichkeiten“ wieder herzustellen. Pjöngjang hatte angekündigt, auch den „Heißen Draht“ nach Seoul zu kappen, einen Verbindungskanal im Grenzort Panmunjom.

Hungerland mit Atomwaffen

Einwohner und Fläche

Der abgeschottete Staat hat knapp 25 Millionen Einwohner und ist mit gut 120.000 Quadratkilometern etwa so groß wie die frühere DDR.

Militärmacht

Das mehrfach von Hungersnöten erschütterte Nordkorea unterhält mit mehr als 1,2 Millionen Soldaten eine der größten Streitkräfte Asiens.

Menschenrechte

Nordkorea zählt zu den Ländern mit den schwersten Menschenrechtsverletzungen. Die Zahl der politischen Gefangenen wird auf 200.000 geschätzt.

Diktatur seit 1948

An der Spitze der von einem Geflecht aus Arbeiterpartei und Militär beherrschten Diktatur stand bis zu seinem Tod der „Geliebte Führer“ Kim Jong Il. Unter der Führung seines Vaters Kim Il Sung war die „Demokratische Volksrepublik Korea“ 1948 gegründet worden. Seit einiger Zeit wurde Kim Jong Ils Sohn Kim Jong Un als Nummer drei der kommunistischen Dynastie aufgebaut.

Misswirtschaft und Hungerkatastrophe

Misswirtschaft ruinierte das an Bodenschätzen reiche Land. Die Industrieproduktion ging seit 1990 um mehr als zwei Drittel zurück. Die meisten Einwohner sind bitterarm. 1997 führte eine durch Unwetter, Missernten und Zwangswirtschaft ausgelöste Hungerkatastrophe zu einem Massensterben. Nach UN-Schätzung sind gegenwärtig sechs Millionen Nordkoreaner von Hunger bedroht.

Atomwaffen

Trotz der hungernden Bevölkerung haben Ausgaben für das Militär Vorrang. Internationale Besorgnis löste Nordkoreas Atomprogramm aus, das zusammen mit dem Raketenprogramm des Landes als Bedrohung in der Region gilt. Nordkoreas Propaganda berichtet von Fortschritten bei der Produktion von schwach angereichertem Uran. Die US-Regierung befürchtet, dass das Uran-Programm letztlich dem Bau von Atomwaffen dient. Für die Herstellung von Atomsprengköpfen muss hochangereichertes Uran vorliegen.

Auch China, der einzige Verbündete Nordkoreas, verliert langsam die Geduld mit seinem Partnerland. "China ruft alle beteiligten Seiten auf, Ruhe zu bewahren und Zurückhaltung zu üben", sagte eine Sprecherin des Außenministeriums in Peking.

"Alle Handlungen, die weitere Spannungen bewirken könnten", müssten vermieden werden. China sei angesichts der Entwicklung "besorgt", sagte die Sprecherin.

Nordkorea

Säbelrasseln in Pjöngjang

Nordkorea: Säbelrasseln in Pjöngjang

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Der UN-Sicherheitsrat hatte am Donnerstag drei Wochen nach dem jüngsten nordkoreanischen Atomwaffentest die Sanktionen gegen das Land verschärft. Zuvor hatte die Führung in Pjöngjang mit einem atomaren Erstschlag gegen die USA gedroht und nun auch den Nichtangriffspakt mit Südkorea aufgekündigt.

Alle Übereinkommen über einen Waffenstillstand zwischen Nord- und Südkorea seien aufgehoben, zitierte die staatliche Nachrichtenagentur KCNA das staatliche „Komitee zur friedlichen Wiedervereinigung Koreas“. Auch das Rote Telefon als ständige Verbindung zum Süden werde mit sofortiger Wirkung gekappt.

Südkorea: Wirtschaft lässt Nordkoreas Drohung kalt

Südkorea

Wirtschaft lässt Nordkoreas Drohung kalt

Die deutschen Unternehmer in Südkorea reagieren verhältnismäßig gelassen auf Nordkoreas Aggressionen. Der Konflikt gehört zum Alltag. Einen Notfallplan bei einer weiteren Eskalation haben die Unternehmen jedoch nicht.

Experten sehen trotz der martialischen Ankündigungen Nordkoreas keine akute Kriegsgefahr. „Im Grunde genommen ist es eine rein rhetorische Provokation eines doch sehr unsicheren und verarmten Landes, das versucht, die internationale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen“, sagte die Asien-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik, Alexandra Sakaki, im Interview mit Handelsblatt Online.

Kommentare (16)

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Wolfsfreund

08.03.2013, 13:24 Uhr

"Die Außenminister der Europäischen Union hätten nun am Montag bei einem Treffen in Brüssel darüber zu beraten, "ob wir über die Sanktionen der Vereinten Nationen hinaus weitere europäisch Maßnahmen gegen Nordkorea ergreifen müssen"."
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Nicht quasseln, sondern handeln! Nord-Korea ist wirtschaftlich völlig unbedeutend. Also Handel und Finanzgeschäfte auf null reduzieren und vor allem keinerlei Technik liefern, die komplizierter ist als eine handgetriebene Kaffeemühle. Mal sehen, wie's dem Kim-Clan schmeckt, wenn die Luxusgüter inkl. Kaviar und Champus ausbleiben.

Murat

08.03.2013, 13:40 Uhr

Kindergarten Weltpolitik. Man muss sich auch mal ganz diplomatisch in diesen Typen versetzen. Der beerbt seinen Vater. Muss sich jetzt beweisen. Das will man ihm nicht zugestehen. Folge Sanktionen. Folglich mehr druck auf ihn da Volk mehr leidet somit Gefahr eines putsches wahrscheinlicher + druck von seinen Funktionären (ohne das diese wüssten was zu tun wäre..aber hey man muss ja jetzt quasi iwie "reagieren". Folge: Erste Drohnungen..agressive contra reaktionen seitens restlicher Welt und dann was..zurück rudern, aussitzen? Hmm...?!

Primitive Polit Kaste! Gerade auf solche Führer muss doch vernünftig zugegangen werden. Dem wäre doch schon geholfen wenn irgendeine vermittelnde Westmacht ein vier Augen Gespräch suchen würde. Das könnte er zumindest für sich politisch "ausschlachten".

Account gelöscht!

08.03.2013, 13:56 Uhr

Westerwelle....Ja danke reicht schon. Jetzt fehlt noch der Gauck oder MErkel mit ihrem dämlichen Gebrabbel

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