Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.12.2015

16:32 Uhr

Attentäter von Paris

Salah Abdeslam entkam der Polizei in Umzugswagen

Nächtliche Wohnungsdurchsuchungen sind in Belgien verboten – das half einem der mutmaßlichen Attentäter von Paris offenbar bei der Flucht. Ermittler vermuten, dass Salah Abdeslam in einem Umzugswagen entkam.

Seit den Terroranschlägen in Paris wird nach Salah Abdeslam gefahndet. Seine Rolle bei den Anschlägen ist noch unklar. dpa

Von Salah Abdeslam fehlt jede Spur

Seit den Terroranschlägen in Paris wird nach Salah Abdeslam gefahndet. Seine Rolle bei den Anschlägen ist noch unklar.

BrüsselDer nach Belgien geflohene mutmaßliche Attentäter von Paris, Salah Abdeslam, ist der belgischen Polizei einem Medienbericht zufolge wenige Tage nach den Anschlägen nur knapp entkommen – versteckt in einem Umzugswagen oder einem Möbelstück. Wie der belgische Rundfunksender RTBF berichtete, sind sich die Ermittler mittlerweile sicher, dass Abdeslam ein Versteck im Brüsseler Problemviertel Molenbeek unmittelbar vor einer Razzia verließ. Um ihn aus dem Haus zu schmuggeln, hätten seine Komplizen einen Umzugswagen oder vielleicht sogar ein Möbelstück genutzt.

Bei den bislang schlimmsten Attentaten in Frankreich waren am 13. November in Paris 130 Menschen getötet und mehr als 350 weitere verletzt worden. Mehrere Attentäter hatten in Cafés, Restaurants und im Konzertsaal Bataclan sowie vor der Fußballarena Stade de France wahllos auf Menschen geschossen oder sich selbst in die Luft gesprengt. Die meisten Angreifer sind inzwischen identifiziert.

Wie die Anschläge von Paris die Konjunktur beeinflussen

Tourismus

Die Flugbuchungen in die französische Hauptstadt sind um mehr als ein Viertel zurückgegangen. In den Tagen nach den Anschlägen habe es im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein Minus von 27 Prozent gegeben, erklärt das Unternehmen ForwardKeys. Es wertet nach eigenen Angaben täglich die Daten von 14 Millionen Reservierungen aus. Sowohl Privatleute als auch Geschäftsreisende machen demnach einen Bogen um Paris. Frankreich ist das meistbesuchte Land der Welt. Nach Paris kamen im vergangenen Jahr 32,2 Millionen Besucher. Der französische Hotelier Accor und die Fluggesellschaft Air France-KLM verzeichneten an der Börse teils starke Kursrückgänge.

Dämpfer für Dienstleister

Hier hat sich die Stimmung in Frankreich merklich eingetrübt: Der Einkaufsmanagerindex für den Service-Sektor fiel im November um 1,4 auf 51,3 Punkte und signalisiert damit nur noch ein geringes Wachstum. Das fand das Markit-Institut bei seiner Unternehmensumfrage heraus. „Der Hauptgrund dafür sind die Anschläge“, sagt Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. „Aber die Erfahrung lehrt, dass solche Ereignisse nur einen kurzzeitigen Einfluss haben.“ Gut 60 Prozent der Antworten der Manager gingen nach den Anschlägen ein.

Unberührte Konjunktur

Anders als in Frankreich zeigen die jüngsten Indikatoren der anderen großen Euro-Länder Deutschland, Italien und Spanien nach oben. Die Stimmung in den Chefetagen deutscher Unternehmen etwa ist derzeit so gut wie seit anderthalb Jahren nicht mehr. „Die deutsche Wirtschaft zeigt sich von der zunehmenden weltweiten Unsicherheit unbeeindruckt“, betont Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn zur Umfrage seines Instituts unter 7000 Managern. „Nicht einmal die Anschläge von Paris haben sich in den Daten negativ bemerkbar gemacht.“

Erholte Aktienmärkte

Der Pariser Leitindex brach am ersten Handelstag nach den Anschlägen zunächst ein, machte seine Verluste aber rasch wieder wett. Inzwischen liegt das Barometer höher als davor. Ähnlich sieht es in Deutschland aus: Der Dax hat seit dem 13. November rund sechs Prozent zugelegt. Ein Treiber dafür ist die Aussicht auf eine weitere Lockerung der EZB-Geldpolitik. Der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock rechnet im Falle neuer Anschläge wie in Paris allerdings mit Verwerfungen. „Sollte es in den kommenden Wochen weitere Angriffe dieser Art geben, dürfte die Börse beim nächsten Mal heftig reagieren“, warnt Deutschland-Chef Christian Staub.

Mehr Staatsschulden

Frankreich wird nach Worten von Regierungschef Manuel Valls wegen steigender Ausgaben für die Sicherheit das EU-Ziel für das Staatsdefizit verfehlen. Die Vorgaben würden auf keinen Fall eingehalten, da man nicht an anderer Stelle sparen werde, sagt Valls. Die EU-Kommission müsse verstehen, dass „dies ein Kampf ist, der Frankreich betrifft und auch Europa“, betont Valls mit Blick auf das Vorgehen gegen die Extremistenmiliz IS. Die Regierung will rund Zehntausend zusätzliche Polizisten und Sicherheitskräfte einstellen. Der Haushaltsentwurf für 2016 sieht bislang vor, dass Frankreichs Defizit auf 3,3 Prozent sinkt von 3,8 Prozent 2015. Die Obergrenze in der EU für neue Schulden im Verhältnis zur Wirtschaftskraft liegt bei drei Prozent.

Verbraucher

Das Konsumklima in Frankreich blieb im November stabil. Allerdings: 93 Prozent der befragten Franzosen antworteten bereits vor den Anschlägen, weshalb es erst im Dezember ein genaueres Bild geben dürfte – ebenso in Deutschland. Die Angst vor Anschlägen kann Experten zufolge das gerade begonnene Weihnachtsgeschäft im Einzelhandel beeinträchtigen. „Es ist vorstellbar, dass sich dies auf die Konsumstimmung niederschlägt“, sagt Rolf Bürkl von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). „Es ist möglich, dass der eine oder andere die Innenstädte oder Weihnachtsmärkte meidet.“ Davon könne dann aber der Online-Handel profitieren. Auch die deutschen Einzelhändler sind besorgt. „Das alles lässt uns nicht unberührt“, sagt der Präsident des Branchenverbandes HDE, Josef Sanktjohanser.

Nach Abdeslam wird seit den Anschlägen gefahndet. Seine genaue Rolle bei der Angriffsserie ist noch unklar. Er war danach unbehelligt von Bekannten in Paris mit dem Auto abgeholt und zurück nach Belgien gebracht worden. Seitdem fehlt von ihm jede Spur.

Nach Angaben von Belgiens Justizminister Koen Geens hatte sich die Razzia in Molenbeek verzögert, weil nächtliche Hausdurchsuchungen zu diesem Zeitpunkt zwischen 21 Uhr und 5 Uhr verboten seien. Die Ermittler hätten das Haus gern schon in der Nacht durchsucht, sagte er dem Sender VTM. „Um 5 Uhr morgens war es zu spät“, fügte er hinzu. Tatsächlich hatte die Razzia sogar erst um 10 Uhr morgens begonnen.

Die belgische Regierung hatte unmittelbar nach den Anschlägen von Paris angekündigt, in Terrorismusverfahren künftig auch nächtliche Wohnungsdurchsuchungen zu erlauben. Die Neuregelung tritt jedoch erst im neuen Jahr in Kraft.

Von

afp

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×