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19.12.2016

23:34 Uhr

Attentat in Ankara

Der gemeinsame Feind

VonGerd Höhler

Ein Polizist erschießt den russischen Botschafter in Ankara. Noch ist unklar, warum. Sicher ist: Weder die türkische noch die russische Regierung will den Mord an dem Diplomaten hochspielen – zu viel steht auf dem Spiel.

Opfer eines Attentats in Ankara: Im russischen Außenministerium umringen Blumen ein Bild des russischen Botschafters Andrej Karlow. dpa

Andrej Karlow

Opfer eines Attentats in Ankara: Im russischen Außenministerium umringen Blumen ein Bild des russischen Botschafters Andrej Karlow.

„Allahu Akbar“, Gott ist groß, rief der Angreifer nach den tödlichen Schüssen auf Botschafter Andrej Karlow immer wieder, und: „Nur der Tod wird mich von hier fortbringen“. Dann wurde er selbst von anrückenden Polizisten niedergestreckt. Für den Diplomaten kam jede Hilfe zu spät, Wiederbelebungsversuche im Krankenhaus hatten keinen Erfolg.

Schnell stand die Identität des Mörders fest: Es war ein 22-jähriger Polizist. Mit seinem Dienstausweis hatte sich der in Zivil gekleidete Mann Zugang zu der Fotoausstellung verschafft hatte, die Botschafter Karlow eröffnen sollte. Unklar ist, ob er allein handelte oder Hintermänner hat.

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Wenige Stunden nach dem Attentat nahm die Polizei in seinem Heimatort Söke in der westtürkischen Provinz Aydin die Mutter und die Schwester des Attentäters fest – wohl eher die übliche, reflexartige Reaktion der türkischen Sicherheitsbehörden.

Während die Ermittler noch versuchen, die Vorgeschichte des Attentäters und seine möglichen Verbindungen auszuleuchten, ist die politische Marschroute klar vorgezeichnet: Ankara und Moskau wollen trotz des Mordes möglichst schnell zur Tagesordnung übergehen. Und die steht ganz klar unter dem Motto: Kooperation.

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Schon kurz nach dem Anschlag telefonierte der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan mit Kremlchef Wladimir Putin. Über den Inhalt des Gesprächs wurde zunächst nichts bekannt. Aber: „Erdogan und Putin dürften nun noch enger zusammenrücken“, meint ein EU-Diplomat in Ankara. „Sie haben einen gemeinsamen Feind: den Terrorismus.“

Im November 2015 hatte der Abschuss eines russischen Bombers für schwere Spannungen zwischen Moskau und Ankara gesorgt. Die türkische Luftwaffe hatte die MIG vom Himmel geholt, als die russischen Piloten an der syrischen Grenze den türkischen Luftraum verletzten. Kremlchef Wladimir Putin reagierte mit Sanktionen, die vor allem die türkische Reisebranche trafen – die Zahl der russischen Urlauber ging um 80 Prozent zurück.

Unter dem Druck des Tourismusdesasters entschuldigte sich Staatschef Recep Tayyip Erdogan im Sommer für den Abschuss und versöhnte sich mit Putin. Die Fotoausstellung in Ankara, bei deren Eröffnung Botschafter Karlow erschossen wurde, war Teil dieser Wiederannäherung. Die Bilderschau trug den Titel „Russland, wie es von den Türken gesehen wird“.

Kommentare (2)

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Lothar dM

20.12.2016, 10:43 Uhr

Wir trauern um die vielen Opfer (gestern und auch davor) dieser verfehlten Politik! Dieses Land hat viel verloren in den letzten 1,5 Jahren! Die politische Verantwortung ist eindeutig und sie sollte endlich Konsequenzen zeigen.

Ich habe Fragen. Zum Beispiel: Was bedeutet es praktisch, dass hunderttausende Menschen aus den gefährlichsten Regionen des Planeten ohne Sicherheits-Überprüfung nach Deutschland kamen? Wir kontrollieren die Einfuhr von Hundefutter nach Schadstoffen, aber verzichten bei Reisenden aus Gegenden, in denen der Terror wohnt, darauf. Angeblich, weil es “diskriminiert”, verdächtigt, und weil ähnliche Sprachformeln Selbstverständliches verhindern: Dass Kontrolle gelegentlich hilfreich ist.

Warum gibt es eigentlich keine Terroranschläge in Ungarn, Tschechien oder Polen? Was bedeutet es für mich, wenn mein Gegenüber mich als »Ungläubigen« betrachtet?

Und wessen Idee war das alles?

Herr Paul Kersey

20.12.2016, 11:55 Uhr

So traurig es ist, so sicher ist es: Russland wird seine Quittung für Aleppo noch von den Islamisten bekommen. Aleppo werden die Islamisten Russland nicht verzeihen.

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