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05.12.2015

11:32 Uhr

Attentat von San Bernardino

Terror für Trump

VonAxel Postinett

Durch die Attentate von San Bernardino und Paris könnte die Stimmung im hitzigen US-Vorwahlkampf kippen – zugunsten des Radikalismus. Republikaner Trump räumt ein: Bei solchen Tragödien „gehen meine Umfragewerte hoch“.

Der republikanische Präsidentschaftsanwärter profitiert mit seiner populistischen Linie von dem Terroranschlag in San Bernadino. Reuters

Donald Trump

Der republikanische Präsidentschaftsanwärter profitiert mit seiner populistischen Linie von dem Terroranschlag in San Bernadino.

San FranciscoMit furchtbarer Gewalt ist der globale Terrorkrieg über das beschauliche San Bernardino im kalifornischen Süden hereingebrochen, und niemand weiß, wie man damit umgehen soll. Amerika ist verwirrt und verstört. Nicht, weil es noch nie Terroranschläge gegeben hätte.

Aber in San Bernardino gibt es nichts, was den Terror hätte anziehen können – keine Twin Towers, keine Armeebasis, keine Ministerien. Nur gepflegte Vorstadt-Langeweile und normales Alltagsleben für 200.000 Einwohner. Das sorgt für Gänsehaut an amerikanischen Stammtischen. Niemand mehr nirgendwo sicher – das ist die Botschaft, die mitschwingt. Zusammen mit den Anschlägen von Paris könnte San Bernardino die entscheidende Wende und Verschärfung im Umgang mit Radikalismus eingeleitet haben.

Was wir über das Attentat von San Bernardino wissen

Die Tat

Das Ehepaar Syed Farook und Tashfeen Malik eröffnete am Mittwoch, 2. Dezember, in einer Sozialeinrichtung in San Bernadino, Kalifornien, das Feuer. Farook hatte in der Einrichtung gearbeitet. 14 Menschen starben, 21 weitere wurden schwer verletzt. Nach einer Verfolgungsjagd wurde das Paar von der Polizei in ihrem gemieteten SUV erschossen. Nach Darstellung der Behörden gaben Malik und Farook am Tatort bis zu 75 Schüsse ab, sie ließen außerdem drei Rohrbomben in einem ferngesteuerten Sprengsatz zurück, der allerdings nicht funktionierte. Bei den Leichen fanden sich weitere 1600 Schuss Munition. Zwei bei der Tat verwendete Handfeuerwaffen soll Farook legal besessen haben.

Die Täter

Tashfeen Malik stammte aus Pakistan, Syed Farook wurde in den USA geboren. Kennen lernte sich das Paar über eine Online-Dating Plattform und traf sich im Sommer 2014 in Saudi-Arabien, wo Malik vor der gemeinsamen Übersiedlung in die USA zuletzt gelebt hatte. Ende Juli 2014 reiste Malik in die USA ein, das Paar heiratete einen Monat später. Seit Juli 2015 besaß Malik offenbar eine Greencard, nach Angaben der Anwälte von Farooks Familie soll sie allerdings als „fürsorgliche Hausfrau“ sehr zurückgezogen gelebt und Burka getragen haben. Farook soll regelmäßig am Schießstand trainiert haben, allein in der Wiche vor dem Attentat zwei Mal. Das Paar scheint seine Tat lange geplant zu haben, der SUV mit dem Farook und Malik vor der Polizei flohen und in dem sie schließlich erschossen wurden war gemietet, beide hatten ihre Handys entsorgt und versucht, ihre digitalen Spuren zu verwischen. Im Haus und der Garage fand die Polizei zwölf Rohrbomben und mehr als 4500 Schuss Munition. „Die beiden waren möglicherweise auf dem Weg zu weiteren Angriffen“, erklärte Polizeichef Jarrod Burguan. „Wir haben sie vorher gestellt.“ Das Paar hatte eine sechs Monate alte Tochter.

Das sagen die Medien

Der Fernsehsender CNN zitierte am Freitag mehrere Ermittler, laut denen Tashfeen Malik im Internet Kontakt zu der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) gesucht hatte. In einem Facebook-Eintrag soll Malik IS-Anführer Abu Omar al-Bagdadi ihre Gefolgschaft versprochen haben. Die „Los Angeles Times“ zitierte einen Facebook-Sprecher, laut dem das Profil mit dem entsprechenden Beitrag inzwischen gelöscht worden sei. Los Angeles' stellvertretender FBI-Direktor David Bowdich bestätigte den Facebook-Post indirekt. Er machte aber keine Angaben zu dessen Bedeutung für die Ermittlungen: „Wir haben das gesehen, was auch Sie gesehen haben.“

Das sagt die Polizei

Die US-Bundespolizei FBI untersucht die Tat inzwischen offiziell als Terrorakt. „Ab heute, auf Basis dessen was wir bis jetzt wissen, werden wir die Schießerei in San Bernardino, der 14 Menschen zum Opfer gefallen sind und 21 verwundet wurden, als einen Terrorakt behandeln“, erklärte der stellvertretende FBI-Direktor von Los Angeles, David Bowdich am Freitagnachmittag. Zunächst hatten die Ermittler vor „voreiligen Rückschlüssen“ gewarnt und auch einen persönlichen Hintergrund für die Tat nicht ausgeschlossen. Mittlerweile gehen die Ermittler davon aus, dass sich Farook und Malik im Internet radikalisierten. Angebliche Verbindungen zur Terrormiliz IS wollte das FBI, trotz Maliks Facebook-Post, hingegen nicht bestätigen. „Wir haben solche Hinweise derzeit nicht“, erklärte FBI-Direktor James Comey. Die genauen Umstände der Radikalisierung sind allerdings auch einige Tage nach der Tat nicht bekannt.

Für den republikanischen Präsidentschaftsanwärter Donald Trump jedenfalls hätte es nicht besser kommen können. FBI-Agent David Bowdich sprach auf einer Pressekonferenz am Freitagnachmittag in Los Angeles das aus, was Trumps politischen Gegnern mit einem Schlag den Wind aus den Segeln nahm: „Ab heute, auf Basis dessen was wir bis jetzt wissen, werden wir die Schießerei in San Bernardino, der 14 Menschen zum Opfer gefallen sind und 21 verwundet wurden, als einen Terrorakt behandeln“.

Die Behörden konzentrieren sich dabei offenbar immer mehr auf die 27 Jahre alte Tashfeen Malik aus Pakistan, die bei einem Schusswechsel zusammen mit ihrem Mann Syed Farook getötet worden war. Sie soll der Terrororganisation IS in einem früheren Facebook-Post die Treue geschworen haben.

Das FBI betont allerdings, dass es derzeit keine Hinweise gebe, dass die Tat vom IS in irgendeiner Weise befohlen oder vorbereitet worden sei. Der 28 Jahre alte Ehemann, geboren in den USA, hat scheinbar eine Radikalislamistin geheiratet und in die USA gebracht. Die zunehmende Radikalisierung des Ehepaars, in dessen Haus Rohrbomben gefunden wurden, war offenbar auch den engsten Familienmitgliedern verborgen geblieben.

Der Umschwung vom Verbrechen zum Terrorakt ist Wasser auf die Mühlen aller republikanischer Kandidaten. Aber der größte Gewinner heißt Trump. Er ist unangefochtener Spitzenreiter im Rennen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur. Schon sehr früh nach der Tragödie am Mittwoch hatte er alles auf die Terrorkarte gesetzt – und offenbar gewonnen. Die Verlierer sind die demokratischen Gegenkandidaten, an der Spitze Hillary Clinton. Die hatten zunächst noch gebetsmühlenartig nach schärferen Waffengesetzen gerufen. Doch jetzt sehen sie als zu schwach und nachgiebig mit dem Terror aus.

Trump hat wieder einmal die Stimmung im Lande auf seiner Seite, und er weiß es. „Es ist traurig“, konstatiert er im TV-Sender ABC, „aber jedes Mal, wenn es so eine Tragödie gibt, gehen meine Umfragewerte hoch. Die Menschen fühlen, dass ich mich um sie kümmern werde, und sie wollen Stärke.“ Tatsächlich zeigte eine aktuelle Umfrage von CNN – die vor dem Massaker in San Bernardino, aber nach einer Schießerei kurz zuvor in einer Abtreibungsklinik durchgeführt wurde – eine Zustimmungsrate von 36 Prozent unter republikanischen Wählern.

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