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19.07.2016

20:48 Uhr

Attentate in Orlando, Nizza und Würzburg

Radikalisierte Einzeltäter – die wachsende Gefahr

Terroristen nutzen viele Wege, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Am unberechenbarsten für Polizei und Verfassungsschutz sind radikalisierte Einzeltäter – wie in Orlando, Nizza oder nun in Würzburg.

Dieses Propaganda-Plakat der IS-Terrormiliz zeigt Omar Mateen, der 49 Menschen in einem Nachtclub in Orlando tötete. AP

IS-Propaganda

Dieses Propaganda-Plakat der IS-Terrormiliz zeigt Omar Mateen, der 49 Menschen in einem Nachtclub in Orlando tötete.

BerlinDen Erkenntnissen der Ermittler zufolge deutet alles darauf hin, dass der Axt-Angreifer von Würzburg ein Einzeltäter war – mit Sympathien für radikalen Islamismus. Ein gleiches Muster stellten die Sicherheitsbehörden auch bei dem Attentäter von Nizza fest. Auch wenn der Anschlag in Frankreich vergangene Woche weit größere Dimensionen hatte, so verbindet beide Täter offenbar eins: Den Sicherheitsbehörden waren sie nicht als Gefährder bekannt, beide Männer radikalisierten sich unterhalb des Radars von Polizei und Geheimdiensten.

Der 31-jährige Nizza-Attentäter tunesischer Herkunft war der Polizei lediglich als Kleinkrimineller bekannt. Der 17-jährige Afghane, der mehrere Menschen am Montagabend in einem Zug in Bayern mit einer Axt schwer verletzte, war bislang nicht auffällig geworden. Zeugen beschreiben ihn als ruhig und ausgeglichen, der gläubige Muslim sei lediglich zu religiösen Feiertagen in die Moschee gegangen. Im Zimmer des Täters wurde ein Text in paschtunischer Sprache entdeckt, was laut bayerischem Innenminister Joachim Herrmann darauf hindeutet, dass sich der Mann innerhalb kürzester Zeit selbst radikalisierte.

Axt-Angriff im Regionalzug – Was wir wissen

Täter

Der Täter war ein 17-jähriger Afghane, der den Ermittlungen zufolge vor etwa zwei Jahren als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen war.

Herkunft

Seit dem vergangenem Jahr war er als Asylbewerber registriert. Seit März war er in einem Heim im Landkreis Würzburg untergebracht, die vergangenen zwei Wochen lebte er in einer Pflegefamilie.

Beruf

Der 17-Jährige machte nach Angaben des bayerischen Sozialministeriums ein Praktikum mit der Aussicht auf eine Lehrstelle.

Tathergang

Der Täter soll am Montagabend gegen 20.00 Uhr seine Pflegefamilie verlassen haben. Nach ersten Erkenntnissen ist er in Ochsenfurt in den Zug gestiegen und hat dann „sehr schnell“ Fahrgäste attackiert.

Opfer

Der Jugendliche hat sich nach derzeitigem Kenntnisstand seine Opfer zufällig ausgesucht.

Schaden

In dem Regionalzug wurden Mitglieder einer Familie aus Hongkong verletzt, die Urlaub in Deutschland machte. Auf seiner Flucht verletzte der Täter zudem eine Passantin. Mehrere Menschen im Zug erlitten einen Schock. Drei der Verletzten schwebten am Dienstag laut Würzburger Uniklinik in Lebensgefahr.

Die Sicherheitsbehörden warnen seit längerem vor solchen Einzeltätern. Inzwischen ist mit einer ganzen Palette von Szenarien zu rechnen, bei denen Täter in Erscheinung treten können, wie der Bundesverfassungsschutz beschreibt:

  • Zum einen sind da sogenannte „Hit-Teams“, die im Auftrag der Extremistenorganisation IS oder auch von Al-Kaida in ein Land einreisen, um Anschläge zu verüben.
  • Als Bedrohung gelten auch sogenannte Schläfer, die von den Extremistenorganisationen aktiviert werden können.
  • Sorge bereiten den Behörden auch Personen, die sich aus Deutschland oder anderen Ländern auf den Weg nach Syrien machen, um an der Seite des IS zu kämpfen – und später enthemmt und mit Kampferfahrung zurückkehren. 820 Personen sind bislang aus Deutschland in den Dschihad gezogen.
  • Die wohl unberechenbarste Gruppe stellen die besagten Einzeltäter dar, die sich meist über das Internet oder über Kontakte in die islamistische Szene radikalisieren. Auch Kleingruppen, die sich in Deutschland im Stillen radikalisiert haben, könnten hier ohne Auftrag des IS tätig werden. Die Internetpropaganda spielt hier ebenfalls die wesentliche Rolle.

Die Propaganda des IS läuft auf allen Kanälen: In sozialen Netzwerken, auf Youtube oder in geheimen Chatgruppen. Oft dürften die Urheber selbst gar nicht wissen, wo ihr radikales Weltbild auf offene Augen und Ohren stößt.

„Diese Menschen sind in einer Krise, sind unzufrieden und suchen nach einem Platz, wo sie sich wohlfühlen“, sagt der Berliner Psychologe und Programmdirektor der European Foundation for Democracy, Ahmed Mansour, der früher selbst in radikal-islamistischen Kreisen unterwegs war. „Es sind Menschen, die einen ungeheuren Hass auf die Menschen, ihre Werte und die Gesellschaft haben, wo sie nie angekommen sind.“

Axt-Angriff im Regionalzug – Was wir nicht wissen

Terrorverbindungen

Stand der 17-Jährige in Verbindung mit der Terrormiliz Islamischer Staat? Ermittler haben bei der Durchsuchung der Wohnung eine handgemalte IS-Fahne gefunden. Zudem hat der IS die Tat für sich beansprucht. Dem bayerischen Innenministerium zufolge gibt es aber bisher „keinerlei Indizien“ für eine Vernetzung mit islamistischen Netzwerken.

Abschiedsbrief

Der Täter hat möglicherweise einen Abschiedsbrief hinterlassen. Es gebe ein Schriftstück, das nach erster Durchsicht als „Abschiedstext an den Vater“ interpretiert werden könnte, sagte der bayrische Innenminister Joachim Herrmann. Der Inhalt ist bislang unbekannt.

Schusswaffengebrauch

Warum haben Einsatzkräfte den jungen Mann erschossen? Weil der Täter mit Axt und Messer die Polizisten angriff, blieb laut Polizeigewerkschaft nur der Schusswaffengebrauch. Das Landeskriminalamt hat dazu interne Ermittlungen aufgenommen, ein üblicher Vorgang beim Schusswaffengebrauch von Beamten.

Die verschiedenen Terrorgruppen würden unterschiedliche Typen von Anhängern anziehen, ist sich Mansour sicher. Beim IS seien es vor allem Menschen, die schon einmal Gewalt ausgeübt haben oder mit dem Gesetz in Konflikt standen. „Während die Gesellschaft das nicht akzeptiert, werden sie von der Ideologie des IS sogar noch für ihre Gewaltaffinität belohnt. Genauso wie von ihrem nächsten Umfeld – und letztlich sogar von Gott“, sagt Mansour.

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