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27.03.2012

15:44 Uhr

Attentate in Toulouse

Al-Dschasira will Mordvideo nicht zeigen

Der TV-Sender Al-Dschasira will das ihm zugespielte Mordvideo des Toulouse Attentäters nicht veröffentlichen. Die Polizei rätselt, wer das Video verschickt haben könnte und sucht nach einem weiteren Komplizen.

Eine Frau legt weiße Rose bei einem Gedenkschild nieder. Die Angehörigen der Opfer hatten sich gegen eine Ausstrahlung des Tätervideos ausgesprochen. AFP

Eine Frau legt weiße Rose bei einem Gedenkschild nieder. Die Angehörigen der Opfer hatten sich gegen eine Ausstrahlung des Tätervideos ausgesprochen.

Der arabische TV-Sender Al-Dschasira wird die ihm zugespielten Mordvideos des Toulouse-Attentäters Mohamed Merah nicht veröffentlichen. Die Aufnahmen enthielten keine neuen Informationen und eine Ausstrahlung sei nicht mit den eigenen ethischen Standards zu vereinbaren, teilte der Sender am Dienstag auf seiner Website mit.

Das Video zeige weder das Gesicht des Attentäters, noch enthalte es eine Stellungnahme. „Es scheint, als ob der Angreifer allein gehandelt habe“, kommentierte Al-Dschasira.  Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hatte die Fernsehstationen des Landes aufgerufen, das Mordvideo auf keinen Fall auszustrahlen. Das erfordere der Respekt vor den Opfern, mahnte Sarkozy in einer vom TV-Nachrichtensender BFM übertragenen Ansprache.

Fremdenfeindliche Übergriffe in Frankreich

Traurige Tradition

Angriffe auf Juden, Synagogen oder andere jüdische Einrichtungen gibt es in Frankreich seit Jahren immer wieder; meist werden Molotow-Cocktails oder andere Gegenstände auf Gebäude geworfen. Als Motiv werden Anti-Semitismus, Israel-Hass oder Rechtsextremismus angenommen.

3. Oktober 1980

„Es ist schrecklich. Ich musste an das Attentat in der Rue Copernic vor 30 Jahren denken“, sagte der Vorsitzende des Rates jüdischer Einrichtungen in Frankreich (Crif), Richard Prasquier. Damals waren vier Menschen bei einem Anschlag auf eine Synagoge in Paris gestorben. Am 3. Oktober 1980 war im Zentrum von Paris eine Bombe explodiert, die in einer Satteltasche eines Motorrades versteckt war. Bei dem Anschlag vor der Synagoge starben drei Franzosen und eine junge Israelin, neun Menschen wurden verletzt. Es war der erste tödliche Angriff auf Juden in Frankreich seit der Besatzung durch die Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs.

9. August 1982

Entsetzen löste weltweit auch das Attentat auf das jüdische Restaurant Goldenberg in Paris aus, bei dem am 9. August 1982 sechs Menschen getötet und 22 verletzt wurden. Mit einer Maschinenpistole hatten die Täter unterschiedslos auf die anwesenden Gäste und Angestellten gefeuert, nachdem vor dem Lokal eine Handgranate gezündet worden war. Das in der Rue des Rosiers inmitten des alten jüdischen Viertels Marais gelegene Lokal war ein Treffpunkt der jüdischen Gemeinschaft von Paris.

In beiden Fällen wurden bis heute keine Täter verurteilt. Die Ermittlungen zum Restaurant Goldenberg verliefen im Sande, nachdem die französische Justiz zunächst von palästinensischen Tätern ausgegangen war. Der Überfall wurde von einem fünfköpfigen Kommando verübt.

Im Fall des Anschlages auf die Synagoge wurde Ende 2008 in Kanada ein Tatverdächtiger festgenommen. Der libanesischstämmige Mann Hassan D. bestreitet allerdings eine Tatbeteiligung und sieht sich als Opfer einer Namensgleichheit. Die französische Justiz hatte im Oktober 2007 neue Ermittlungen aufgenommen und geht von einem palästinensischen Kommando aus. Kanada stimmte schließlich im vergangenen Sommer einer Auslieferung von Hassan D. zu, nannte die Beweise gegen ihn aber schwach.

8. September 1995

Am 8. September 1995 explodierte eine Bombe vor der jüdischen Schule von Lyon; 14 Menschen wurden verletzt. Für den Anschlag wurden Islamisten verantwortlich gemacht. Ende März 1985 waren bei einer Explosion in einem Kino in Paris während eines jüdischen Filmfestes 18 Menschen verletzt worden.

31. Dezember 2001

Ein Klassenzimmer der jüdischen Schule Ozar Hatorah in Créteil bei Paris wird durch Brandstiftung zerstört.

1. April 2002

Die Synagoge Or Aviv in Marseille wird vermutlich durch Brandstiftung zerstört, gleichzeitig werden andere Synagogen mit Molotow-Cocktails attackiert.

10. April 2002

Ein Schulbus wird im 20. Arrondissement von Paris mit Steinen beworfen, ein Schüler wird leicht verletzt.

8. Juli 2003

Mehrere Schüler der Schule Beth Lubawitsch in Paris werden mit Eisenstangen angegriffen.

25. Mai 2005

Zwei junge Männer werfen Brandsätze auf eine jüdische Schule im 18. Arrondissement von Paris.

5. Januar 2009

Vor dem Zaun einer Synagoge in Toulouse wird ein Auto in Brand gesetzt, es gibt keine Verletzten.

Das Pariser Büro des arabischen Fernsehsenders Al-Dschasira hatte am Montag den Film mit dem Zusammenschnitt der Morde des 23-Jährigen erhalten und Kopien an die Polizei übergeben. Zunächst war unklar, ob der Sender die Bilder ausstrahlen will.

Neben Sarkozy forderten auch die Familien der Opfer sowie die französische Fernsehaufsicht CSA die Medien auf, den Film nicht auszustrahlen. Der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande sagte, Al-Dschasira würde ansonsten seine Präsenz in Frankreich aufs Spiel setzen.

Merah hatte im Raum Toulouse in Südfrankreich sieben Menschen erschossen, darunter drei Kinder und einen Lehrer vor einer jüdischen Schule. Seine drei Bluttaten nahm er mit einer Videokamera auf, die er umgeschnallt hatte.

„Das ist eine Videomontage mit Bildern der verschiedenen Morde mit Musik und Koranversen“, berichtete ein Ermittler der Nachrichtenagentur AFP. Der Film sei auf einem USB-Stick gespeichert gewesen und außerhalb von Toulouse abgeschickt worden. Zudem enthielt die Sendung einen handschriftlichen Bekennerbrief, der von Merah unterzeichnet worden sei.

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