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12.04.2011

14:24 Uhr

Aufnahme-Debatte

Europäer beweisen bei Flüchtlingen ihren Egoismus

VonKatharina Kort

Nordafrika brennt. Tausende Flüchtlinge suchen ihr Heil in einer Fahrt über das Mittelmeer. Und Europa? Es zeigt sich mal wieder: Wenn es hart auf hart kommt, ist sich in der Union jeder selbst der Nächste.

In Europa sind nationale oder auch nur regionale Wahlen wichtiger als gemeinsame Ziele. Italien fühlt sich mit dem Menschenstrom aus Nordafrika alleingelassen. Die Regierung in Rom fordert, dass sich auch andere Länder an der Lösung beteiligen und Flüchtlinge aufnehmen. Doch damit stößt sie in Deutschland und Frankreich seit Wochen auf Ablehnung. Deshalb haben sich der Regierungschef Silvio Berlusconi und sein Innenminister Roberto Maroni einen Trick ausgedacht: Sie geben den Ankömmlingen sechsmonatige Aufnahmegenehmigungen - wohl wissend, dass vor allem die Tunesier damit gleich ihre Reise nach Frankreich antreten, das eigentliche Ziel für die meisten.

Der Aufschrei ist groß: Schengen ist in Gefahr! Frankreich praktiziert wieder Grenzkontrollen gegenüber Italien, Deutschlands Minister und südliche Landesfürsten drohen, ebenfalls ihre Schlagbäume wieder aufzustellen. Und das, obwohl nur wenige Nordafrikaner überhaupt nach Deutschland wollen.

Mal ganz sachlich: Wir reden über 26 000 Menschen, die seit Beginn des Jahres die kleine italienische Mittelmeerinsel Lampedusa erreicht haben. 26 000 Menschen kommen auf eine Bevölkerung von 60 Millionen in Italien oder 350 Millionen in Europa. Wir Europäer bejubeln die mutigen Aufstände von Tunesien bis Ägypten. Doch angesichts von einem Flüchtling pro 13 460 Einwohner geraten wir in Panik. Zum Vergleich: Allein Tunesien hat in diesen Wochen 160 000 Flüchtlinge aus Libyen aufgenommen.

Bis vor wenigen Monaten konnte Europa sich dank fragwürdiger Abkommen mit dem Diktator Gaddafi in Sicherheit wiegen, der auch Flüchtlinge aus Schwarzafrika in Lagern abfing. Diesen Gefallen tut er den Europäern nun nicht mehr. Italien hat die menschenunwürdige Situation auf Lampedusa sicher absichtlich gären lassen, um die europäischen Partner zum Einlenken zu bewegen. Dennoch hat das Land recht, wenn es grundsätzlich mehr Solidarität von Europa fordert. Denn mit seiner geografischen Position als Zunge im Mittelmeer bleibt Italien die Hauptanlaufstätte für die Einwanderer. Und Deutschland macht es sich zu einfach, wenn es sich im Vertrauen auf die umliegenden Pufferländer aus der Affäre zieht.

Als vor zwei Jahrzehnten der Eiserne Vorhang fiel, haben sich die EU-Länder nicht abgeschottet gegen die Menschenströme aus dem Osten. Auch damals suchten viele Flüchtlinge "nur" ein besseres Leben im Westen, ohne politisch verfolgt zu sein. Viele gingen später zurück. Die Menschen, die vor Krieg und Not aus Nordafrika fliehen, sind nicht weniger wert. Gerade Deutschland, das beim Militäreinsatz abseitssteht, sollte das beherzigen.

Die Autorin ist Korrespondentin in Mailand.

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