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18.02.2011

14:20 Uhr

Aufstand in Arabien

Der Nahe Osten brennt

Libyen, Oman, Kuwait und Jordanien - jetzt steht ganz Arabien in Flammen. Der Wandel zeigt Wirkung: Ägypten hat die Grenzen zum Gaza-Streifen geöffnet: Öffnen sich nun die Schleusen der Instabilität in ganz Nahost?

Proteste in Libyen. Quelle: Reuters

Proteste in Libyen.

Manama/Tripolis/WashingtonTrotz Panzern und Polizeigewalt lässt sich die Demokratie-Bewegung in der arabischen Welt nicht einschüchtern. In Bahrain, wo vier getötete Demonstranten zu Grabe getragen wurden, protestierten erneut Tausende gegen die politische Führung des Golfstaates. Auf dem Lulu-Platz im Zentrum Manamas sollen Soldaten neue Proteste verhindern. In Libyen schickt Staatschef Muammar al-Gaddafi seine Söhne in die Zentren der Proteste nach Bengasi und Al-Baidha. Unruhen wurden auch aus den Golfstaaten Kuwait und Oman gemeldet, bei Zusammenstößen in der jordanischen Hauptstadt
Amman wurden mindestens zehn Demonstranten verletzt.

Allein in der libyschen Stadt Al-Baidha sollen seit Donnerstag nach unbestätigten Augenzeugenberichten mehr als 30 Menschen ums Leben gekommen sein, darunter auch mehrere Soldaten. Die
Armee-Brigade von Gaddafis Sohn Chamies habe damit begonnen, die Demonstranten dort zu vertreiben. Sie ist laut einer Depesche der US-Botschaft vom Dezember 2009 die am besten ausgebildete und ausgerüstete Einheit der libyschen Streitkräfte. Die Zahl der Toten in der zweitgrößten Stadt Bengasi, wo Gaddafi-Sohn Al-Saadi aktiv werden soll, wurde mit 10 bis 14 angegeben.
Auf Amateurvideos, die von libyschen Demonstranten ins Netz gestellt wurden, waren mehrere Leichen junger Männer zu sehen. Andere Aufnahmen zeigten Hunderte Demonstranten, die in der Mittelmeerstadt Tobruk ein Denkmal für das von Gaddafi verfasste „Grüne Buch“ niederrissen, in dem der Revolutionsführer einst sein politisches Programm formuliert hatte.

Regierungsfeindliche Demonstranten in Libyen haben nach Darstellung von zwei Exilgruppen die Kontrolle in der Stadt Al-Baida im Osten des Landes übernommen. Einige Polizisten hätten sich auf die Seite der Protestierenden geschlagen, teilten zwei Gruppen am Freitag mit. „Al-Baida ist in der Hand des Volkes“, sagte ein Sprecher der Gruppe „Libysche Menschenrechtssolidarität“ der Nachrichtenagentur Reuters. Die Gruppe „Libysches Komitee für Wahrheit und Gerechtigkeit“ bestätigte die Darstellung. Beide Gruppen beriefen sich auf telefonische Kontakte in die Stadt mit 250 000 Einwohnern. Ein unabhängige Bestätigung gab es nicht.

Oberst Gaddafi ließ sich in der Nacht zum Freitag von Anhängern in Tripolis feiern. Auf dem zentralen Grünen Platz nahm er gegen 3.00 Uhr ein Bad in der Menge. In mehreren libyschen Städten waren
Gaddafi-Gegner am Donnerstag einem Aufruf zu einem „Tag des Zorns“ gefolgt. Sie zerstörten die in Libyen allgegenwärtigen Bilder des seit 1969 amtierenden Staatschefs.

Tote bei Demonstration in Bahrain

Video: Tote bei Demonstration in Bahrain

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In Bahrain waren bei Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten laut Augenzeugen und Oppositionellen fünf Menschen ums Leben gekommen, mehr als 220 wurden verletzt. US-Außenministerin Hillary Clinton zeigte sich „tief besorgt“. Die USA verurteilten Gewalt gegen Demonstranten und unterstützten demokratische Reformen, sagte sie in Washington. Sie habe mit ihrem Amtskollegen, Chalid al-Chalifa, telefoniert und die Vorgänge kritisiert. Bahrain ist strategisch wichtig für die USA: Das kleine Königreich ist ein enger Verbündeter Amerikas in der Golfregion und Hauptquartier der 5.US-Flotte, mit der Amerika seine Interessen im gesamten Nahen Osten durchsetzt.

Nach der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste in Bahrain richtet sich die Wut der Demonstranten inzwischen gegen das gesamte Regime und das Königshaus. „Wir wollen, dass die komplette Regierung stürzt“, sagte der Demonstrant Mohamed Ali am Freitag. Bei Trauerfeiern gingen Soldaten mit Tränengas und Warnschüssen gegen tausende Menschen vor, die trotz eines Versammlungsverbots auf die Straße gingen. Nach Krankenhausangaben wurden mindestens 20 Menschen teils schwer verletzt.
Ein Kameramann der Nachrichtenagentur AP berichtete, Soldaten hätten mit Flugabwehrkanonen Warnschüsse über die Köpfe der Demonstranten hinweg abgegeben. Die Proteste in Bahrain begannen
zunächst mit der Forderung nach politischen Reformen. Mittlerweile stehen sich in dem Konflikt aber zunehmend das sunnitische Herrscherhaus und die überwiegend schiitische Bevölkerung gegenüber.
Die Menschen hätten das Vertrauen in die Regierung verloren, sagte der 40 Jahre alte Ali.
Die anderen Golfmonarchien stärkten König Hamad bin Issa al-Chalifa von Bahrain bei einem Außenministertreffen in Manama den Rücken. Sie erklärten, die Staaten des Golfkooperationsrates (GCC) seien bereit, Mitgliedstaaten zu unterstützen, wenn deren „Sicherheit und Stabilität“ gefährdet sei. Zum GCC gehören Bahrain, Saudi-Arabien, Kuwait, Oman, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar. Beobachter fragen sich, ob das benachbarte Saudi-Arabien Truppen nach Bahrain schicken würde.

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