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21.02.2011

14:39 Uhr

Aufstand in Libyen

Tripolis steht in Flammen

Brennende Regierungsgebäude und Schüsse in Tripolis, in Benghasi haben Demonstranten die Macht übernommen - Libyen versinkt im Chaos. Der Justizminister tritt ab, Ausländer fliehen. Gaddafis Sohn aber will kämpfen.

Proteste erreichen Tripolis

Video: Proteste erreichen Tripolis

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TripolisIn Libyen haben sich die Massenproteste gegen Machthaber Muammar Gaddafi dramatisch verschärft und auf die Hauptstadt Tripolis ausgeweitet: Am Sonntag kam es dort erstmals zu schweren Zusammenstößen zwischen Tausenden Regierungsgegnern und Anhängern Gaddafis. Dabei sollen nach Angaben aus Krankenhauskreisen in der Nacht und am Montag über 60 Menschen getötet worden sein, berichtete der arabische Sender Al-Dschasira. Auf dem Grünen Platz in Tripolis hätten sich wieder tausende Demonstranten versammelt.

Der libysche Justizminister Mustafa Abdel-Jalil trat am Montag aus Protest gegen den „exzessiven Einsatz von Gewalt gegen unbewaffnete Demonstranten“ zurück. Das berichtete die libysche Zeitung „Quryna“. Die Zeitung hat enge Beziehungen zu Saif al-Islam, einem der Söhne von Revolutuionsführer Muammar al-Gaddafi. Insgesamt haben demnach zahlreiche Funktionäre und Diplomaten in Libyen ihren Rücktritt erklärt.

Demonstranten besetzten Militärstützpunkte und beschlagnahmten Waffen. Augenzeugen berichteten von Schüssen und brennenden Autos und erklärten, Heckenschützen hätten von den Dächern aus auf Regierungsgegner geschossen. Die Polizei ging mit aller Härte gegen die Demonstranten vor. In der Hauptstadt Tripolis stand einem Reuters-Reporter zufolge ein zentrales Regierungsgebäude in Flammen. „Ich kann die brennende Halle des Volkes sehen, die Feuerwehr ist vor Ort und versucht, das Feuer zu löschen“, berichtete der Reporter. In einem Vorort von Tripolis brennt nach einem weiteren Bericht eine Polizeiwache. Laut libyschen Medien steht auch das Gebäude des Olympischen Komitees in Flammen - es wird von Mohammed al-Gaddafi, einem Sohn des Staatschefs Muammar al-Gaddafi geleitet.

Die östliche Stadt Benghasi, dem Zentrum des seit fünf Tagen anhaltenden Aufstands, ist inzwischen offenbar in der Hand der Demonstranten. Der Professor Hanaa Elgallal von der Universität Benghasi sagte Al-Dschasira: „Bewaffnete Jugendliche haben die Kontrolle über die Stadt übernommen“. Salahuddin Abdullah, der sich selbst als Protest-Organisator bezeichnete, sagte dem Sender, die Lage in Benghasi sei ruhig: „Die Demonstranten haben die Macht ganz übernommen". Nun werde versucht, selbstverwaltete Komitees zu gründen, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen.

Die Anti-Gaddafi-Revolte schlägt nun auch auf internationale Firmen durch: Der britische Ölkonzern BP hat wegen der Unruhen in Libyen seine Geschäfte vor Ort eingestellt. Betroffen seien Vorbereitungsarbeiten für die Gas- und Ölproduktion im Westen des Landes, sagte ein Firmensprecher am Montag. Bislang produziert BP in dem nordafrikanischen Land noch kein Öl oder Gas, bereitet sich aber auf eine Förderung in mehreren Jahren vor. Der japanische Öl- und Gas-Konzern JX Nippon Oil & Gas Exploration hat seinen libyschen Bürochef nach Hause beordert. Andere Mitarbeiter seien bereits außer Landes. Auch der Energiekonzern RWE und die BASF-Tochter Winterhall kündigten an, Mitarbeiter und Angehörige aus Libyen nach Deutschland auszufliegen.

Eine Sondermaschine der Turkish Airlines hat am Montag einen wegen der schweren Unruhen organisierten Evakuierungsflug abbrechen müssen. Die Maschine habe in Bengasi, der zweitgrößten Stadt des Landes, keine Landeerlaubnis mehr bekommen und sei deswegen nach Istanbul zurückgekehrt, berichtete die türkische Nachrichtenagentur Anadolu.

"Wir werden weiterkämpfen bis zum letzten Mann"

Libyens Staatschef Gaddafi soll das Land verlassen haben und nach Venezuela verschwunden sein, berichtet der TV-Sender Al-Dschasira. Ein Einlenken der Führung war nicht abzusehen: Gaddafis Sohn Saif al-Islam warnte vor einem Bürgerkrieg: "Wir werden weiterkämpfen bis zum letzten Mann, selbst bis zur letzten Frau“. Gaddafi habe die Unterstützung des Militärs: „Die libysche Armee ist nicht die ägyptische oder tunesische Armee“, erklärte Saif al-Islam in Anspielung auf die erfolgreichen Volksaufstände in den beiden Nachbarländern. Die Armee werde die Sicherheit im Land um jeden Preis wiederherstellen. Zugleich sagte er Reformen zu, über die das Parlament noch am Montag beraten solle. Unter anderem gehe es dabei um höhere Löhne.

Gaddafis Sohn Saif al-Islam warnte im Staatsfernsehen vor einem Bürgerkrieg in Libyen. Quelle: Reuters

Gaddafis Sohn Saif al-Islam warnte im Staatsfernsehen vor einem Bürgerkrieg in Libyen.

Der Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch zufolge stieg die Zahl der Toten bei den schwersten Unruhen in Gaddafis 40-jähriger Herrschaft auf mindestens 233. Die EU forderte Libyen auf, das gewaltsame Vorgehen gegen die Demonstranten zu beenden. Die EU sei äußerst besorgt, sagte die Außenbeauftragte Catherine Ashton in Brüssel und forderte die libysche Regierung zu einem Dialog mit den Demonstranten über Reformen auf. Auch dürften Internet- und Telefonverbindungen nicht mehr eingeschränkt werden, mahnte sie.

Auch die Bundesregierung zeigte sich entsetzt über die Gewalt. „Das alles ist auf das Schärfste zu verurteilen. Die Bundeskanzlerin persönlich ist über diese Entwicklung bestürzt“, sagte Regierungssprecher Seibert. Außenminister Guido
Westerwelle (FDP) forderte am Montag in Berlin alle Bundesbürger, die sich noch in Libyen aufhalten, auf, das Land zu verlassen. Nach Schätzungen leben etwa 500 Bundesbürger in dem Land, darunter auch viele Deutsche mit doppelter Staatsbürgerschaft. Als Touristen sind dort vermutlich nur wenige Bundesbürger unterwegs.

"Nichts und niemand rechtfertigt, das friedliche Demonstrationen mit Gewalt, Mord und Totschlag niedergeknüppelt werden“, sagte Westerwelle. Mit Blick auf die Rede des Gaddafi-Sohnes Saif al-Islam, sagte Westerwelle: „Wer in einer solchen Lage sein Volk einschüchtern will, indem er in Libyen mit Bürgerkrieg droht, der zeigt nur, dass er am Ende ist.“

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

21.02.2011, 11:20 Uhr

Guten Tag:..... Fast scheint es so als ob die Hoffnung (und Rechnung) der CIA endlich aufgeht. Die Revolution von Innen. Da Ich in arabischen Laendern kaum an eine Besserung glaube:-.... hoffe Ich dass Irgendwann in Nordkorea etwas aehnliches passiert und dieser Wicht endlich zu Kittekat verarbeitet wird. Besten Dank

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