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23.04.2012

15:59 Uhr

Aung San Suu Kyis Umgang mit der Macht

Wenn Politiker zu Helden werden

VonUrs Wälterlin

In Myanmar lehrt Nobelpreisträgerin Suu Kyi das Regime das Fürchten: Nachdem sie gegen den Willen der Mächtigen Wahlen gewonnen hat, stellt sie Bedingungen für den Amtseid. Erinnerungen an berühmte Vorbilder werden wach.

Aung San Suu Kyi am Zaun ihres Hauses. dpa

Aung San Suu Kyi am Zaun ihres Hauses.

Yangon/NaypyidawDer Garten des Hauses von Aung San Suu Kyi in Yangon ist groß und liegt direkt am Inya-See. Nur ein martialischer Stacheldrahtzaun verhindert den Zugang. Dutzende von Journalisten warten an diesem Tag im Februar - eine Stunde, dann eine weitere. Einige schützen sich gegen die gnadenlose Sonne, indem sie ihren Notizblock über den Kopf halten. Wasserflaschen werden verteilt. Sechs Fernsehkameras sind in Position, ein ganzes Arsenal von Mikrofonen zeigt gegen die Veranda. Dann kommt sie.

Durch die Flügeltüren aus Tropenholz tritt Aung San Suu Kyi, milde lächelnd, mit erhobenem Haupt. Hinter ihr der deutsche Entwicklungsminister Dirk Niebel, ein paar Mitglieder des Bundestages, Offizielle. Als Suu Kyi ans Mikrofon tritt, kann man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Sogar das Dröhnen des Verkehrs auf der Hauptstraße scheint für eine Sekunde ausgeblendet.

„Willkommen“, sagt Suu Kyi in sauberstem Englisch. Eloquent und besonnen erzählt sie von den Gesprächen mit der Delegation, von der Bedeutung des Besuchs aus Deutschland. Die Friedensnobelpreisträgerin ist noch kleiner, noch schmächtiger als sie auf Bildern und im Fernsehen scheint. Neben der wuchtigen Figur des deutschen Ministers, einem ehemaligen Fallschirmjäger, wirkt sie zerbrechlich. Doch ihre kurzen, klaren Sätze sind geprägt von kraftvoller Bestimmtheit. Jegliche Aggression aber fehlt, auch als sie von ihren Peinigern spricht, der Militärjunta.

Zwei Monate später scheint Suu Kyi fast am Ziel. Nach ihrem Wahlerfolg sollte sie im Triumph ins Parlament einziehen. Aber nur zu ihren eigenen Bedingungen. Daher wagt sie eine weitere Kraftprobe mit der Regierung Myanmars: Sie weigert sich, einen Amtseid abzulegen, in dem sie den Schutz der umstrittenen Verfassung geloben soll, und blieb der Parlamentssitzung fern. 36 weitere Mitglieder ihrer Partei, die am 1. April auch Sitze im Unterhaus gewonnen hatten, taten es ihr gleich. Ungeachtet der Auseinandersetzung setzte die Europäische Union in Anerkennung der Reformbemühungen des einstigen Militärdiktatur praktisch alle Sanktionen gegen Birma am Montag aus.

Suu Kyi hatte mit ihrer Partei Nationalliga für Demokratie (NLD) bei den Nachwahlen am 1. April zum Parlament 43 von 45 Sitzen gewonnen, davon 37 im Unterhaus. Die siegreichen Kandidaten sollten am Montag an ihrer ersten Sitzung teilnehmen.

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Das Charisma einer „Bodhisattva“ habe sie, meint ein Kenner von Myanmar, einer Erleuchteten, einer Art buddhistischen Messias‘. Seit Monaten geben sich hochrangige Politiker und hunderte von Journalisten aus aller Welt an der University Avenue in Yangon die Klinke in die Hand. Dutzende von Besuchern empfängt Aung San Suu Kyi jeden Tag, von Premierministern bis zu Hausfrauen, Helferinnen ihrer Partei, der Nationalen Liga für Demokratie (NLD). Es gibt niemanden, der nicht von der Ausstrahlung der Friedensnobelpreisträgerin gefangen ist. „Nur Nelson Mandela und der Dalai Lama können da noch mithalten“, schwärmt ein westlicher Diplomat in Yangon gegenüber dem Handelsblatt. „Es ist nicht nur ihr Charme und ihre Intelligenz, die diese Frau so besonders machen“, meint er, „sondern wie sie ihr Schicksal getragen hat“.

Politik wurde Suu Kyi in die Wiege gelegt. Sie ist die Tocher von Aung San, der die moderne burmesische Armee gegründet und 1947 mit London die Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Grossbritannen ausgehandelt hatte - nur um sechs Monate vor der Erreichung dieses Ziels 1948 ermordet zu werden. 1960 folgte Aung San Suu Kyi ihrer Mutter Hin Kyi nach Indien, wo sie als Botschafterin Burmas lebte. Sie studierte in Oxford Philosophie, Wirtschaft und Politik. Dort lernte sie auch ihren späteren Ehemann kennen, den Akademiker Michael Aris. Nach ein paar Jahren in Bhutan und Japan ließ sich Suu Kyi in Großbritannien nieder. Sie gebar zwei Kinder, Kim und Alexander. 

Das Leben sollte sich für Suu Kyi für immer verändern, als sie 1988 in ihre Heimat zurückkehrte. Eigentlich wollte sie sich um ihre todkranke Mutter kümmern. Stattdessen fand sie sich mitten in einem Konflikt zwischen demokratischen Kräften und dem Militärregime, das seit 1962  Burma – oer Birma, wie man das Land auch nannte - brutal unterjochte. In kurzer Zeit war die Tochter eines Helden der Unabhängigkeit selbst in einer führenden Rolle im Kampf gegen Unterdrückung – gegen den damaligen Diktator, General Ne Win.

Kommentare (1)

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Huerlimann

23.04.2012, 17:12 Uhr

Wenn ich Frau Suu Kyi mit Frau Merkel vergleiche möchte, sagt mit mein Hirn, dass das nicht geht. Man kann Äpfel nicht mit Birnen vergleichen! Denn es gibt Frauen mit Charakter und welche ohne...
Diese Suu Kyi ist etwas ganz Besonderes.

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