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02.03.2006

22:35 Uhr

Aus für "Moskwitsch"-Hersteller

Der Tod des „russischen Opels“

VonMathias Brüggmann

„Erst qualmte er, dann stand er, und am Ende ging nichts mehr.“ Jurij Borodin, langjähriger Generaldirektor des Moskauer Autowerks AZLK, kann es nicht fassen, was „seine“ Fabrik produziert.

MOSKAU. Der hagere Mann ruft schließlich beim russischen Fernsehen an, um seinem Ärger Luft zu machen. Der TV-Sender schickt ein Kamerateam und filmt den aufgebrachten früheren Firmenchef: „So einen Dreck haben wir zu meiner Zeit nicht produziert.“ Der Mann mit der Robbenpelzmütze zeigt auf den Wagen hinter ihm. Die Motorhaube ist offen, Rauch steigt auf. „Das hier ist kein Auto mehr“, poltert Borodin.

Das war 1999. Drei Jahre zuvor hatte er seinen Posten als Boss des Autowerks geräumt. Schon kurze Zeit später wurden die massiven Probleme, mit denen AZLK kämpfte, unübersehbar. Der Absatz war eingebrochen, die Qualität hatte deutlich nachgelassen. Schon lange war nicht mehr in neue Modelle, in die technischen Anlagen, in Fortschritt investiert worden. Der Niedergang hatte begonnen.

Jetzt kam das endgültige Aus. Das Autowerk des Leninschen Komsomol (AZLK) in Moskau – eine der letzten nach Lenin benannten Fabriken in Russland – wird geschlossen. Das Moskauer Schiedsgericht erklärte AZLK für bankrott, wie am Dienstagabend bekannt wurde. 830 Millionen Dollar Schulden haben den Autobauer erdrückt. Die Last der Kredite und Steuerrückstände wiegt nach Ansicht der Richter so schwer, dass die Fabrik nicht einmal mehr zum Fertigen von Ersatzteilen erhalten werden kann.

In der Hochphase haben die Autowerker 110



000 Wagen pro Jahr von den Bändern rollen lassen – Autos der Marke „Moskwitsch“. Einen „russischen Opel“ haben die Menschen ihn häufig genannt, da der „Moskwitsch“ mal auf einem Opel Kadett basierte. 1999 produzierte AZLK immerhin noch 30



000 Stück. Dann warf der damalige Generaldirektor Ruben Asatrjan den Chef der Entwicklungsabteilung raus – mit der Begründung, die Modelle hätten sich seit zehn Jahren bis auf ein paar neue Lampen nicht verändert. Asatrjan übernahm den Posten als Chefentwickler in Personalunion.

Geändert hat es nichts: 2001 stellte AZLK gerade noch 810 Wagen der Marke „Moskwitsch“ her – ein Auto, das sich auch der Mittelstand leisten konnte. Dann wurden die Bänder angehalten. Die Stadtwerke Mosenergo drehten den Strom ab – wegen unbezahlter Rechnungen. Fünf Jahre lang hatte das Unternehmen dafür kein Geld überwiesen.

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