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11.12.2016

13:47 Uhr

Außenminister Paolo Gentiloni

Der „proletarische Graf“ soll Italien führen

Er ist eine Art italienischer Steinmeier: Außenminister Paolo Gentiloni soll neuer Regierungschef werden. Mit seiner ruhigen Art muss er Italien durch eine schwierige Übergangsphase führen.

Überraschend schnelle Entscheidung

Paolo Gentiloni wird Renzis Nachfolger

Überraschend schnelle Entscheidung: Paolo Gentiloni wird Renzis Nachfolger

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RomIn Italien steht der Nachfolger von Regierungschef Matteo Renzin fest: Der bisherige Außenminister Paolo Gentiloni soll den Posten übernehmen. Der 62-Jährige sei von Staatspräsident Sergio Mattarella mit der Regierungsbildung beauftragt worden, teilte das Präsidentenbüro am Sonntag in Rom mit. Die neue Regierung solle das Land zu den Wahlen im Jahr 2018 führen. Der bisherige Amtsinhaber Renzi war nach einem gescheiterten Verfassungsreferendum zurückgetreten.

An seinen Job ist Gentiloni zufällig gekommen. Als Renzis Außenministerin Federica Mogherini nach langem Taktieren der italienischen Regierung im Herbst 2014 als Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik nach Brüssel geschickt wurde, rückte er nach. Der 62-jährige Römer ist einer der engsten Parteifreunde von Matteo Renzi, vom Charakter her aber das genaue Gegenteil. Er ist nicht laut und kann zuhören, dazu kommt eine ruhige Art – ein italienischer Steinmeier. In Interviews antwortet er nie spontan, dafür spricht er dann aber druckreif.

Italiens Regierungswechsel in Zahlen

Regelmäßige Veränderungen

Italien ist an häufige Regierungswechsel gewöhnt. Das illustrieren einige Zahlen.

66. Regierung vor dem Start

Das ab Februar 2014 amtierende Kabinett von Matteo Renzi war die 65. italienische Nachkriegsregierung und die 63. der 1946 gegründeten Republik Italien. Der bisherige Außenminister Paolo Gentiloni bildet also das 66. Kabinett.

28 Ministerpräsidenten in 70 Jahren

Nicht mit jedem Kabinett kam ein neuer Ministerpräsident an die Macht, einige kehrten mehrfach zurück. So führte Andreotti zwischen 1972 und 1992 sieben Kabinette. Gentiloni ist der 28. Regierungschef seit der Gründung der Republik.

Die kürzeste Amtszeit

Das sechste Kabinett von Ministerpräsident Amintore Fanfani war eines mit der kürzesten Regierungszeit. Es trat am 28. April 1987 nur wenige Tage nach der Vereidigung offiziell zurück, als ihm das Parlament das Vertrauen verweigerte. Es blieb aber noch bis zur Bildung einer neuen Regierung im Amt. Auch das fünfte Kabinett von Giulio Andreotti hielt sich im März 1979 nur kurz.

Die längste Amtszeit

Silvio Berlusconi hat bislang – mit Unterbrechungen – am längsten regiert. Allein mit seinem zweiten und dritten Kabinett war er fast fünf Jahre lang, von Juni 2001 bis Mai 2006, hintereinander im Amt.

Der Adelsfamilie Gentiloni Silveri entstammend, hat sich der „proletarische Graf“ nach seinem Studium der Politikwissenschaft zum Kommunikationsexperten gemausert. Er arbeitete als Journalist und wurde in den 90er Jahren Sprecher des Bürgermeisters in Rom. Unter dem früheren Ministerpräsidenten Romano Prodi war er Kommunikationsminister. Gentiloni spricht neben Englisch und Französisch auch Deutsch.

Im Amt ist der Abgeordnete der Regierungspartei Partito Democratico (PD) gewachsen. Er ist gut international gut vernetzt und hat vor allem bei zwei Krisenherden Italien gut vertreten: Beim Syrien-Krieg und in der Libyen-Politik. Dazu kommt natürlich das Flüchtlingsproblem. Eindrucksvoll war sein Appell an die EU bei einem Besuch auf Lampedusa, Italien nicht allein zu lassen mit dem Problem.

Als neuer Premier muss er, wenn seine Regierung die Vertrauensabstimmung im Parlament gewinnt, als erstes das Wahlgesetz reformieren. Und er muss Italien in Europa und international vertreten bei zwei wichtigen Terminen im nächsten Jahr: dem 60. Jubiläum der EU im März in Rom und im Mai in Taormina auf Sizilien beim G7-Gipfel. Italien hat 2017 die Präsidentschaft der G7.

Renzi habe sich für Gentiloni stark gemacht, weil er sich parteipolitisch auf ihn verlassen könne und auch, weil er ihm nicht die Schau stehlen könne, heißt es in Rom. Denn Renzi spekuliert darauf, bei Neuwahlen als Spitzenkandidat der PD wieder anzutreten. Gentiloni, der in der Regierung Prodi von 2006 bis 2008 Kommunikationsminister war, hat außerdem einen engen Draht zu Staatspräsident Sergio Mattarella – dem Regisseur der Bewältigung der Regierungskrise in Italien. 

Gentiloni ist verheiratet, hat aber keine Kinder und spielt in seiner Freizeit gerne Tennis.

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