Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.04.2015

15:53 Uhr

Australien und die Flüchtlingspolitik

Modell der Abschreckung

VonUrs Wälterlin

Die EU-Regierungs- und Staatschefs kommen zum Sondergipfel zur Flüchtlingslage zusammen. Unterdessen preist die Regierung in Down Under ihre harte Asylpolitik an – in Deutschland.

Ein winziges Boot auf dem aufgewühlten Meer: Dieses Szenario steht an Anfang des Videos, mit dem Bootsflüchtlinge von der Küste des Fünften Kontinents ferngehalten werden sollen. dpa

Video soll Bootsflüchtlinge von der Küste Australiens fernhalten

Ein winziges Boot auf dem aufgewühlten Meer: Dieses Szenario steht an Anfang des Videos, mit dem Bootsflüchtlinge von der Küste des Fünften Kontinents ferngehalten werden sollen.

Canberra„Die Menschen sind in einem katastrophalen psychischen Zustand“, sagt Professor David Isaacs, Kinderarzt aus Sydney. Der Mediziner kehrte jüngst von einem Besuch auf der kleinen Pazifikinsel Nauru zurück, wo Australien jene Asylsuchenden interniert, die es trotz extensiver Überwachung als Bootsflüchtlinge in australische Gewässer geschafft hatten und von der Marine aufgegriffen wurden.

Er sei schockiert gewesen von Lebensbedingungen, die an ein Gefangenenlager erinnerten, sagt Isaacs. Frauen lebten in Angst vor Übergriffen durch andere Inhaftierte und Wärter. Das Warten auf einen Asylentscheid in Nauru oder einem zweiten Lager in Papua-Neuguinea kann Monate dauern, Jahre.

Die Kinder litten am schwersten: „Ich sah ein sechsjähriges Mädchen, das sich mit einer Zeltschnur aufhängen wollte. Es hatte Verbrennungsspuren am Hals.“ Selbst wer schließlich als Flüchtling anerkannt wird – der Großteil der Internierten – soll nie einen Fuß auf australischen Boden setzen dürfen, so will es Premierminister Tony Abbott. Ein neues Leben ist nur in Nauru, Papua-Neuguinea und Kambodscha möglich.

Zahlen und Fakten zu Flüchtlingen

219.000 Menschen...

...flohen laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2014 über das Mittelmeer nach Europa; 2015 waren es bis zum 20. April 35.000.

3500 Menschen...

...kamen 2014 bei ihrer Flucht ums Leben oder werden vermisst; im laufenden Jahr sind es bis zum 20. April 1600.

170.100 Flüchtlinge...

...erreichten 2014 über das Meer Italien (Januar bis März 2015: mehr als 10.100); weitere 43.500 kamen nach Griechenland, 3500 nach Spanien, 570 nach Malta und 340 nach Zypern.

66.700 Syrer...

...registrierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex 2014 bei einem illegalen Grenzübertritt auf dem Seeweg, 34.300 Menschen kamen aus Eritrea, 12.700 aus Afghanistan und 9800 aus Mali.

123.000 Syrer...

...beantragten im vergangenen Jahr in der EU Asyl (2013: 50.000).

202.700 Asylbewerber...

...wurden 2014 in Deutschland registriert (32 Prozent aller Bewerber), 81.200 in Schweden (13 Prozent) 64.600 in Italien (10 Prozent), 62.800 in Frankreich (10 Prozent) und 42.800 in Ungarn (7 Prozent).

Um 143 Prozent...

...stieg die Zahl der Asylbewerber im Vergleich zu 2013 in Italien, um 126 Prozent in Ungarn, um 60 Prozent in Deutschland und um 50 Prozent in Schweden.

Mit 8,4 Bewerbern...

... pro tausend Einwohner nahm Schweden 2014 im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Flüchtlinge auf. Es folgten Ungarn (4,3), Österreich (3,3), Malta (3,2), Dänemark (2,6) und Deutschland (2,5).

600 000 bis eine Million Menschen...

...warten nach Schätzungen der EU-Kommission allein in Libyen, um in den nächsten Monaten die Überfahrt nach Italien oder Malta zu wagen.

Die Internierung von Asylsuchenden, die per Boot von Indonesien, Sri Lanka und Vietnam nach Australien zu kommen versuchen, ist eines von zwei Standbeinen einer Flüchtlingspolitik, die Abbott in diesen Tagen Europa als Methode vorschlagen will, um die Welle von Flüchtlingen aus Afrika zu stoppen.

Das andere ist die kompromisslose Rücksendung von Booten in die Herkunftsländer. „Seit Januar 2014 gab es kein Boot mehr, keine Toten auf dem Meer“, so Außenministerin Julie Bishop am Mittwoch in Gesprächen mit ihrem deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier.

Noch 2013 hätten insgesamt 300 Boote mit 20.000 Menschen an Bord „die gefährliche Reise nach Australien unternommen“. 1200 seien im Meer gestorben. Die meisten Bootsflüchtlinge stammen aus Iran, Irak, Afghanistan und Sri Lanka und bezahlten Menschenschlepper für die Fahrt. Diesen wolle man „das Geschäft entziehen“, so Abbott.

Kommentare (31)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

G. Nampf

23.04.2015, 16:06 Uhr

Die jetzige Situation in D und Europa mag - für alle Beteiligten, auch die Flüchtlinge - sehr unbefriedigend sein, aber wie Australien mit Flüchtlingen umgeht, ist einfach unmenschlich.

Australien gehört für mich nicht mehr zur zivilisierten Welt.

Herr Peter von Frosta

23.04.2015, 16:14 Uhr

In Australien scheint noch echte Demokratie zu herrschen. Beneidenswert. Die Berufsbetroffenen schreien natürlich Zeter und Mordio, wenn und weil ihre Verdienstmöglichkeiten beschnitten werden. In der BRD leben mittlerweile zigtausende von Trauma-Psychologen, Sozialarbeitern, Dolmetschern, Sprachlehrern, Immobilienvermietern, Wachdiensten, Caterern vom Flüchtlingszirkus. Logisch dass deren australischen Gegenstücke die "unhaltbaren Zustände" beklagen.

Herr richard roehl

23.04.2015, 16:34 Uhr

Sie glauben also, dass wenn aufgrund der legitimen Interessen eines souveränen Staates, Menschen unter sicher suboptimalen Umständen leben, aber immerhin überleben, Menschen, die ihr Schicksal selbst gewählt haben, dieser Staat unmenschlicher ist als Europa, das diese zu tausenden verrecken lässt. Einen seltsamen Sinn für Gerechtigkeit und Humanität haben sie

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×