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02.09.2015

06:34 Uhr

Australiens Abu Ghoreib?

Kein Mensch, nur eine Nummer

Flüchtlinge in Australien: Menschen hinter Stacheldraht, Flüchtlinge an den Zaun gebunden, Frauen vergewaltigt, Kinder verstört – welche Zustände herrschen in australischen Internierungslagern für Asylsuchende?

Flüchtlingskinder nehmen am an einer Demonstration gegen die Lebensbedingungen auf der Insel Nauru (Ozeanien) teil. Nauru ist ein Inselstaat mit etwa 10.000 Einwohnern. dpa

Flüchtlinge auf der Insel Nauru

Flüchtlingskinder nehmen am an einer Demonstration gegen die Lebensbedingungen auf der Insel Nauru (Ozeanien) teil. Nauru ist ein Inselstaat mit etwa 10.000 Einwohnern.

SydneyAlanna Maycocks Stimme bebt, wenn sie an ihren Besuch im australischen Internierungslager für Flüchtlinge auf der Insel Nauru zurückdenkt. „Die Menschen werden dort nicht beim Namen, sondern nach ihrer Nummern aufgerufen - zu viele Mohammeds, sagt ein Aufseher. Die Leute werden dort nicht wie Menschen behandelt“, sagt die Kinderkrankenschwester aus Sydney der Deutschen Presse-Agentur. „Wir haben ein sechsjähriges Mädchen mit Würgemalen am Hals gesehen - sie hatte versucht, sich mit einem Plastikkabel umzubringen.“

Die Anwältin und Menschenrechtsaktivistin Kellie Tranter ist so entsetzt, dass sie von „Australiens Abu-Ghoreib-Moment“ spricht - in Anlehnung an den Folterskandal in einem Gefängnis im Irak, wo US-Soldaten Gefangene quälten. Er kam 2004 ans Licht.

Fakten zur Flüchtlingsdebatte

Flüchtlingszahlen steigen

Stellten im Juni 2012 rund 4.900 Personen einen Asylantrag in Deutschland, waren es drei Jahre später mit 35.400 mehr als siebenmal so viele.

Herkunftsländer

Die wichtigsten Herkunftsländer waren im Juni 2015 Syrien mit 7.600 Personen, Albanien mit 5.900 und Serbien mit 2.200. Insgesamt entfiel auf die sechs Westbalkanstaaten Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien mit 12.600 rund ein Drittel der Asylanträge.

Kaum Chance auf Asyl

Diese Flüchtlinge haben allerdings kaum eine Chance auf Anerkennung in Deutschland: Nur 65 der 22.200 Entscheidungen über Asylverfahren von Westbalkanflüchtlingen waren im zweiten Quartal 2015 positiv.

„Sichere Herkunftsländer“

Tatsächlich wurden Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Serbien bereits zum 6. November 2014 in die Liste „sicherer Herkunftsstaaten“ aufgenommen. Das heißt: Asylanträge von Personen aus diesen Ländern können direkt abgelehnt werden, wenn der Bewerber nicht nachweisen kann, dass ihm im Herkunftsland tatsächlich politische Verfolgung droht.

Immer mehr Anträge

Eigentlich sollte diese Eingruppierung dazu führen, dass die Zahl der laufenden Asylverfahren deutlich zurückgeht. Jedoch ist die Zahl der am Monatsende anhängigen Verfahren von Personen aus den drei genannten Ländern weiter angestiegen und lag mit 41.000 im April 2015 deutlich über dem April 2014 (24.700 Verfahren). Insgesamt waren Ende April 2015 knapp 275.000 Asylverfahren anhängig, wovon mehr als 87.000 auf Westbalkan-Flüchtlinge entfielen.

Kosovo

Im Kosovo hat man damit begonnen, die Menschen darüber zu informieren, unter welchen Voraussetzungen sie in Deutschland als Flüchtlinge anerkannt werden – die Antragszahlen von Personen aus dem Kosovo hatten im März 2015 mit 11.700 einen historischen Höchststand erreicht, bis Juni sind sie nun auf 1.600 zurückgegangen.

Der Wachmann John Nichols sprach vor einem Parlamentsausschuss sogar von „Waterboarding“, simuliertem Ertränken, im Lager auf Nauru. Diese Foltermethode wandte der US-Geheimdienst CIA unter der Regierung von George W. Bush an. Er sei nicht selbst dabei gewesen, räumte Nichols ein, aber er habe die pitschnassen Flüchtlinge aus einem Zelt mit Wachen kommen sehen: „Sie haben Wasser gespuckt.“ Er habe auch angekettete Gefangene gesehen. Maycock sah nach eigenen Angaben, wie ein Mann geschlagen wurde.

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Der Kinderarzt David Isaacs ringt im Fernsehen mit den Tränen, als er über die Zustände auf Nauru spricht. „Nach fünf Tagen bin ich mit Alpträumen zurückgekehrt“, sagt er. „Wir behandeln diese Menschen mit unglaublicher Grausamkeit. Unsere Regierung misshandelt die Kinder in unserem Namen.“ Frauen hätten von Vergewaltigungen berichtet.

Was ist da los? Seit Jahren lässt Australien Asylbewerber, die mit Flüchtlingsbooten kommen, nicht ins Land. Stattdessen zahlt die Regierung bitterarme Nachbarländer dafür, Internierungslager für sie zu unterhalten.

Die konservative Regierung hat ihre harte Politik noch einmal verschärft: Die Marine zwingt nun alle Boote zur Umkehr. Beamte dürfen nicht mehr Asylsuchende sagen, sondern müssen von „illegalen Ankömmlingen“ sprechen. Entsprechend werden die Leute hinter Stacheldraht gehalten. Die Zustände in den Lagern sollen sich in den Ländern, aus denen Flüchtlinge kommen - Afghanistan, Irak, Myanmar - durchaus als Abschreckung herumsprechen.

Kommentare (4)

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Dirk Meyer

02.09.2015, 07:48 Uhr

NO WAY! Australien macht alles richtig. Jeder weiß, wenn er illegal in Australien einreist, was passiert! Und das mit der Nummer, gut das sollte nicht sein!,

Herr Peter Spiegel

02.09.2015, 09:25 Uhr

Geht doch, Australien, USA und Israel drei Vorbilder für die EU und Deutschland.
Wichtig keine Moslems, also Gesetze und Grenzschutz kopieren und die Sache mit den Okkupanten ist erledigt.

Frau Ich Kritisch

02.09.2015, 11:00 Uhr

Die ersten Siedler in Australien waren Strafgefangene, dann kamen Huren dazu und natürlich die Wärter. Was will man von denen denn anderes erwarten...

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