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21.05.2012

06:56 Uhr

Austritt Griechenlands

Die Euro-Zone bereitet sich auf den Ernstfall vor

Man kann Griechenland nicht einfach aus der Euro-Zone herauswerfen. Die Entscheidung dafür liegt allein bei dem Krisenstaat. Mit kräftiger Unterstützung könnte der Austritt zwar funktionieren. Doch die Risiken sind hoch.

Eine griechische Flagge vor dem Parlamentsgebäude in Athen. dpa

Eine griechische Flagge vor dem Parlamentsgebäude in Athen.

Düsseldorf/Athen/London/BrüsselIn Berliner Regierungskreisen wird ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone in diesen Tagen gerne mit dem Sprung aus einem Hochhaus verglichen. "Vor zwei Jahren wäre dies dem Sprung aus dem 10. Stock gleichgekommen - mit tödlichem Ausgang. Vor einem Jahr wäre es immer noch der 5. Stock gewesen. Jetzt ist es wie der Sprung aus dem 2. Stock - vielleicht ein paar Knochenbrüche, aber nicht tödlich."

Die nüchterne Analyse hat bereits Eingang in politisches Handeln gefunden. In vertraulichen Sitzungen bereitet die Bundesregierung einen Plan B für Griechenland vor: die Rückkehr zur Drachme. "Anders als vor zwei Jahren könnte die Euro-Zone einen Austritt Griechenlands heute eher verkraften", sagte FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle dem Handelsblatt. "Dieser würde viel Geld kosten, wäre aber beherrschbar."

Griechenlands Exportwirtschaft

Brennstoffe, technische Öle

Den größten Anteil an Exportgütern aus Griechenland haben Brennstoffe und technische Öle. Sie umfassen 27,1 Prozent des hellenischen Exports.

Vorerzeugnisse

Vorerzeugnisse wie Stahl haben bei den griechischen Exportgütern einen Anteil von 16,8 Prozent.

Lebende Tiere und Nahrungsmittel

Mit 14,2 Prozent sind lebende Tiere und Nahrungsmittel das drittgrößte Importgut Griechenlands. In Deutschland erreichen diese Produkte nur Platz fünf der Exportgüter (4,2 Prozent).

Maschinen und Fahrzeuge

Maschinen und Fahrzeuge machen in Deutschland mit 47,6 Prozent fast die Hälfte aller Exporte aus. In Griechenland sind es 13,9 Prozent und damit Platz vier im Landesvergleich.

Chemische Erzeugnisse

Mit 10 Prozent sind chemische Erzeugnisse die Produktgruppe, die Griechenland am fünfhäufigsten exportiert. In Deutschland landen sie mit 15,3 Prozent auf Platz zwei.

Gesamtexport

Insgesamt exportiert Griechenland Güter im Wert von 22,5 Milliarden Euro. Deutschland erreicht ein Exportvolumen von 1060 Milliarden Euro.

Finanzminister Wolfgang Schäuble hat seine Experten nach Handelsblatt-Informationen bereits ausrechnen lassen, dass ein Griechen-Austritt den deutschen Steuerzahler mit bis zu 80 Milliarden Euro belasten würde. In der Summe sind Abschreibungen auf die Kredite von 32 Milliarden Euro enthalten, die Deutschland Athen bisher gewährt hat. Aber auch zusätzliche Mittel zur Aufstockung des mit 700 Milliarden Euro ausgestatteten permanenten Euro-Rettungsschirms ESM.

Außerdem spielen die Finanzexperten des Bundes Szenarien mit Kapitalverkehrskontrollen durch, da die Griechen bereits begonnen haben, Geld von ihren Konten abzuziehen und ins Ausland zu schaffen. Um eine Liquiditätskrise der Banken zu verhindern, müsste die Regierung scharfe Grenzkontrollen einführen.

Und die Rechtsexperten suchen nach Wegen, Griechenland die - in den Verträgen eigentlich nicht vorgesehene - Abkehr vom Euro überhaupt zu ermöglichen. Es herrsche weitgehende Einigkeit, dass die übrigen Euro-Staaten dem Mittelmeerland den Austritt aus der Währungsunion nicht verwehren würden, falls Athen formell darum bitten sollte.

Doch noch überwiegen in Hellas die Skeptiker. Ein Euro-Austritt Griechenlands wäre "eine Katastrophe", warnt der frühere Premierminister Kostas Simitis. So sieht es auch die Mehrheit seiner Landsleute: 78 Prozent wollen den Euro behalten, nur 15 Prozent glauben, dass es ihnen mit der Drachme besser ginge. Ganz anders die Deutschen: In einer Umfrage von Infratest dimap für die ARD-Sendung "Günter Jauch" legen zwei von drei Befragten Griechenland nahe, am besten freiwillig den Euro aufzugeben.

Diese Parteien ringen um die Macht in Athen

Panhellenische Sozialistische Bewegung (Pasok)

Die bis November 2011 regierenden Sozialisten unter ihrem Chef Evangelos Venizelos sind wie die Konservativen für den Verbleib Griechenlands in der Eurozone. Dafür müsse das Sparprogramm konsequent durchgesetzt werden. Umfragen sagten schwere Verluste der Sozialisten voraus. Tatsächlich landete die Partei bei unter 15 Prozent. (2009: 44 Prozent).

Nea Demokratia

Die liberal-konservative Partei unter ihrem Parteichef Andonis Samaras hatte auf Neuwahlen gedrängt. Zwar wurde sie mit 18,8 Prozent der Stimmen 2011 stärkste Kraft. Dennoch fehlt der Partei eine Regierungsmehrheit.

Kommunistische Partei Griechenlands (KKE)

Die Hardliner- Kommunisten sprechen sich offen für den „Austritt Griechenlands aus der Eurozone und der EU jetzt“ aus. Kein Cent solle an die Gläubiger gezahlt werden. Mit 8,5 Prozent gelang der Partei ein kleiner Stimmenzuwachs bei den Wahlen vor drei Jahren.

Bündnis der Radikalen Linken (Syriza)

Ein buntes Bündel linker Bewegungen, das sogar mit der extrem Linken liebäugelt. Syriza ist zwar für den Verbleib in der EU und dem Euroland. Athen sollte aber einseitig erklären, es zahle seine Schulden nicht. Bei der Wahl gelang der Partei ein Zuwachs von über 12 Prozent. Mit 16,8 Prozent wurde sie damals zweitstärkste Kraft.

Unabhängige Griechen (AE)

Ein Abspaltung aus der konservativen Nea Dimokratia. Die Führung der Unabhängigen Griechen meint, das Land sei „besetzt“ von den Geldgebern und müsse „befreit“ werden. Athen sollte nichts an die Banken zurückzahlen. Die Partei ist ausländerfeindlich und fordert zudem deutsche Reparationszahlungen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Partei, die sich erst im Februar 2012 gegründet hat, kam auf 10,6 Prozent der Stimmen.

Demokratische Linke (DA)

Eine Abspaltung aus dem Bündnis der Linken. Die gemäßigten Linken setzen sich für den Verbleib im Euroland. Bei der Wahl kamen sie auf 6,11 Prozent.

Völkische Orthodoxe Gesamtbewegung (LAOS)

Eine rechtsorientierte Partei. Sie ist für den Verbleib im Euroland. Das Sparprogramm muss aber neu ausgehandelt werden. Migranten sollten sofort das Land verlassen. Die Partei verlor fast die Hälfte der Stimmen und zog nicht mehr ins Parlament ein.

Goldene Morgenröte (XA)

Eine rassistische, ausländerfeindliche und faschistische Partei. Die Partei spricht sich für die „Vertreibung“ aller Migranten aus Griechenland aus. Viele ihrer Mitglieder sind gewaltbereit. Bei der Wahl kamen sie auf fast sieben Prozent.

Tatsächlich könnten die Griechen ihre Löhne und Pensionen bald in Drachme ausbezahlt bekommen. Denn die Neuwahlen am 17. Juni werden nach Umfragen die Parteien gewinnen, die die als Gegenleistung für die internationalen Hilfskredite gegebenen Spar- und Reformzusagen aufkündigen wollen. Und das könnte der Punkt sein, an dem die Regierungen in Berlin und anderswo und die Europäische Zentralbank (EZB) die Geduld mit den Griechen verlieren.

Kommentare (74)

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Peter

21.05.2012, 07:12 Uhr

Selbstverständlich kann man Griechenland aus dem Euro schmeissen. Verträge gelten in der EU sowie NICHTS und werden von allen Beteiligten ständig gebrochen. Da kommt es auf einen Rechtsbruch mehr oder weniger auch nicht mehr an.

Account gelöscht!

21.05.2012, 07:36 Uhr

Europa braucht den Euro nicht
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Es wird immer klarer, daß der Euro eine Fehlgeburt ist/war.
Die Länder der sogenannten Eurozone passen einfach nicht zueinander. Die Unterschiede in der Wirtschaftskraft und Mentalität sind einfach zu groß.
Griechenland ist das beste Beispiel dafür.
Ein kleines Land, welches mit nur 2% der Wirtschaftsleistung beiträgt, kann die Eurozone sprengen.
Das ist irre!
Ohne Euro ginge es Griechenland und den anderen Staaten besser.

Ben

21.05.2012, 07:49 Uhr

Die Menschen sind wohl sehr dumm und naiv, stecken den Kopf in den Sand. Wie kann man sich nur so eine Lügerei und so ein Theater von den Politikern bieten lassen ????
Unbegreiflich......
Ich schäme mich zum BRD GmbH Personal zu gehören........

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