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01.10.2011

13:48 Uhr

Axel Weber im Interview

„Es gibt kein Grundrecht auf Verschuldung“

VonMark Schieritz
Quelle:ZEIT ONLINE

Der ehemalige Bundesbank-Chef Axel Weber kehrt bald als Präsident der UBS auf die große Bühne zurück. Zuvor rechnet er im Interview mit der Eurokrise ab – und mit der Zunft der Notenbanker.

Ex-Bundesbank-Chef Axel Weber, heute Präsident der UBS. dapd

Ex-Bundesbank-Chef Axel Weber, heute Präsident der UBS.

ChicagoHerr Weber, Sie haben als Bundesbankpräsident den Kampf gegen die Finanzkrise in vorderster Front geführt. Nun muss die gemeinsame Währung gerettet werden, und Sie wechseln in die Privatwirtschaft. Tut das weh?

Axel Weber: Nein, ich habe sieben Jahre ein öffentliches Amt innegehabt und mich dann bewusst dafür entschieden, einen anderen Karriereweg einzuschlagen. Viele der Themen werden mich aber weiter beschäftigen.

Über Ihren künftigen Arbeitgeber, die UBS, reden Sie noch nicht. Wie ist es mit Ihrem ehemaligen Arbeitgeber, der Bundesbank? Sind Sie mit der Amtsführung Ihres Nachfolgers einverstanden?

Es ist nicht meine Aufgabe, das zu kommentieren.

Weidmann klang zuletzt hart wie Weber.

Das haben Sie gesagt. Die Bundesbank steht für Stabilität und Langfristorientierung ein, und das ist richtig so.

Es sind turbulente Zeiten für Zentralbanker. Auf beiden Seiten des Atlantiks wächst die öffentliche Kritik an ihren Bemühungen, die schwächelnde Wirtschaft mit billigem Geld zu stabilisieren.

Notenbanken sind unabhängig. Sie müssen tun, was sie für richtig halten, egal, woher die Kritik kommt. Zugleich müssen sie stets darauf achten, dass sie dabei bestimmte Grenzen nicht überschreiten.

Die Instrumente der EZB

Veränderung des Leitzinses

Mit der Veränderung des Leitzinses reagiert die EZB in erster Linie auf die Inflation im Euro-Raum. Steigen die Preise deutlich, zieht die Notenbank die geldpolitischen Zügel in der Regel an. Höhere Zinsen verteuern aber auch Kredite. Daher können sie Gift sein für die lahmende Wirtschaft von Krisenländern wie Griechenland oder Portugal. Die EZB muss also die Inflation bekämpfen, ohne die Konjunktur in den 17 Mitgliedstaaten des Euro-Raums abzuwürgen. Die Zinspolitik ist normalerweise das herausragende Instrument der Notenbank. In Krisenzeiten greift sie aber auch zu unkonventionellen Maßnahmen.

Ankauf von Wertpapieren

Nach dem Ausbruch der Euro-Schuldenkrise 2010 hat die EZB die Notenpresse angeworfen, um im großen Stil Staatsanleihen von Euro-Krisenstaaten zu kaufen. Die Währungshüter reagieren damit auf steigende Renditen für Anleihen der Schuldensünder. Für Portugal, Irland, Griechenland und zuletzt auch für Spanien und Italien war es dadurch teurer geworden, sich frisches Geld zu besorgen. Nach dem Einschreiten der EZB sanken die Renditen. Die Notenbank hat derzeit Anleihen von Problemstaaten im Volumen von 156,5 Milliarden Euro in ihren Büchern stehen, die sie auf dem sogenannten Sekundärmarkt gekauft hat, also beispielsweise bei Banken. Die EZB lässt sich ihr Engagement verzinsen. Gehen die Länder pleite, bleibt sie aber zumindest auf Teilen ihrer Forderungen sitzen.

Liquidität

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor drei Jahren versorgt die EZB die Banken großzügiger mit Geld als sonst. Sie stellt ihnen Kredite mit verschiedenen Laufzeiten zur Verfügung. Zuletzt drehte die EZB den Geldhahn wieder weit auf, weil die Kreditinstitute zögern, sich gegenseitig Geld zu leihen. Banken konnten sich für sechs Monate zum Leitzins von 1,5 Prozent so viel Geld borgen wie sie wollten (Vollzuteilung). In „normalen Zeiten“ sind die Laufzeiten kürzer und es wird nur eine festgelegte Summe versteigert. Daneben vergibt die EZB Darlehen mit kürzerer Laufzeit und mit begrenzter oder voller Zuteilung. Kritiker werfen der Notenbank vor, den Markt mit Geld zu fluten und damit neuen Finanzspekulationen Vorschub zu leisten.

Intervention an Devisenmärkten

Starken Wechselkursschwankungen können die Notenbanken mit dem Kauf oder Verkauf von Devisen begegnen. Die EZB setzte dieses Instrument im Jahr 2000 ein, als der Euro gegenüber dem Dollar einen Schwächeanfall erlitt. Im Kampf gegen einen zu starken Franken, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie belastet, hatte die Schweizer Nationalbank SNB erstmals seit mehr als 30 Jahren eine Obergrenze für den Frankenkurs eingeführt, die sie unter allen Umständen verteidigen will, indem sie Franken auf den Markt wirft und damit Euro kauft. Bei massiven Attacken gegen eine Währung können allerdings auch Notenbanken in die Defensive geraten. So wettete der legendäre Hedge-Fonds-Gründer George Soros im Jahr 1992 erfolgreich gegen das britische Pfund und zwang die Bank of England in die Knie.

Kommunikation

EZB-Präsident Mario Draghi ist äußerste Aufmerksamkeit gewiss, wann immer er sich äußert. Manchmal reicht schon die Andeutung, dass die Notenbank aktiv werden könnte, um Spekulationen beispielsweise auf den Devisenmärkten zu beenden. Zugleich ist die EZB bemüht, die Märkte mit ihren Zinsentscheidungen nicht unnötig zu überraschen. Die EZB will - zumindest für Finanzprofis - berechenbar bleiben, damit nicht starke Wechselkurs- oder Aktienkursschwankungen das Vertrauen der Bürger in die Gemeinschaftswährung Euro erschüttern.

Wie meinen Sie das?

Die Geldpolitik ist unabhängig, weil sie ein klares und allgemein anerkanntes Ziel hat: Sie muss die Inflation unter Kontrolle halten. Nur um dieses Ziel zu erreichen, ist sie – gewollt – der politischen Willensbildung entzogen. Notenbanker haben also kein Mandat für weiter gehende finanzpolitische Themen. Dafür sind einzig die Parlamente und die Regierungen zuständig. Die Zentralbanken aber haben im Zuge der Finanzkrise zunehmend Maßnahmen ergriffen, die in einem Graubereich zwischen Geldpolitik und Finanzpolitik angesiedelt sind. Das ist gefährlich.

Wie der Kauf von Staatsanleihen, gegen den Sie vor Ihrem Rücktritt gestimmt hatten?

Unter anderem. Wenn finanzpolitische Entscheidungen unter dem Deckmantel der Geldpolitik getroffen werden, werden sich die Bürger dazu äußern wollen. Ich halte das auch für berechtigt. Wir sprechen hier über hoch politische Fragen, die man nicht einem Gremium von – in diesem Fall absolut wertfrei gesprochen – Technokraten überlassen darf, wie es die Zentralbanken sind und erklärtermaßen sein sollen. Das Privileg, unabhängig zu sein, bringt die Verpflichtung mit sich, sich auf seine Kernaufgabe zu konzentrieren.

Kommentare (13)

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Account gelöscht!

01.10.2011, 14:29 Uhr

Nun wird Weber Chef bei der UBS, und plötzlich singt er das gleiche Lied wie Ackermann. Haupsache der Deutsch zahlt und haftet mit seinem Vermögen für die Banken und dem Euro. Opportunist muss man eben sein, um Erfolg zu haben. Danke Weber!

lowabras

01.10.2011, 14:34 Uhr

Man muss ein solches Interview immer nach den Zwischentönen absuchen und dann kommt man hier zu ernüchternder Erkenntnis.
Der so viel gelobte Entschluss das Engagement der Bundesbank hinzuschmeißen relativiert sich extrem, wenn man das betrachtet was er nun erzählt.
Nachdem er wieder einen ziemlich verantwortungsvollen Job gefunden hat, dreht sich auch seine Fahne wieder nach dem Wind und sind wir mal alle ehrlich, kaum einem von uns allen würde es anders ergehen
So sind alle Aussagen ausnahmslos und immer kritisch zu beleuchten und zu hinterfragen. Aber dazu ist die breite Masse weder in der Lage noch bereit. Sie glotzt Tagesschau und liest Bild, wenn sie überhaupt zum Lesen in der Lage ist.
Besonders analphabetisch scheinen die Bundestagsabgeordneten zu sein, von denen ein beachtlicher Teil nicht mal wissen über was sie abstimmen. Aber sie repräsentieren ja die Bevölkerung und unter diesem Gesichtspunkt ist der Anteil der Hirnlosen dort ja gerechtfertigt.

Kostolany

01.10.2011, 15:06 Uhr

@pretaro

wenn die Staatsschulden nicht zurückgezahlt werden,
was glauben Sie, woher der Staat das Geld nimmt um seine
Beamten zu bezahlen, weil,
die Privatinvestoren werden nur noch flüchten.
Ich wette, daß Ihnen dazu nichts einfällt.

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