Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.08.2014

17:45 Uhr

Baggerfahrer rammt Bus

Ein Anschlag als Protest gegen den Gaza-Krieg

Im Schatten des Gaza-Kriegs kommt es in Jerusalem zu einem Anschlag: Ein palästinensischer Baggerfahrer rammt sein Fahrzeug in einen städtischen Bus. Die Hamas in Gaza feiert die Tat als „heroischen Akt“.

Ein palästinensischer Baggerfahrer hat in Jerusalem einen städtischen Bus mit seinem Fahrzeug gerammt. Ein Mensch starb, der Täter wurde von Polizisten erschossen. AFP

Ein palästinensischer Baggerfahrer hat in Jerusalem einen städtischen Bus mit seinem Fahrzeug gerammt. Ein Mensch starb, der Täter wurde von Polizisten erschossen.

Jerusalem/GazaErstmals seit Beginn des Gaza-Kriegs vor vier Wochen ist in Israel ein tödlicher Anschlag mit einem Baufahrzeug verübt worden. Der palästinensische Attentäter rammte in Jerusalem mit seinem Bagger einen städtischen Autobus, der umstürzte. Ein Passant, den der Bagger überfuhr, wurde getötet.

Sechs Insassen des Busses, unter ihnen der Fahrer, erlitten Verletzungen, bestätigte der israelische Polizeisprecher Micky Rosenfeld am Montag. Herbeigeeilte Polizisten erschossen den Attentäter, einen Palästinenser aus Ost-Jerusalem. Die israelische Nachrichtenseite „ynet“ schrieb von „Terror vor dem Hintergrund des Gaza-Kriegs“.

Eine einseitige Waffenruhe, die Israel am Montag für die Zeit zwischen 09.00 Uhr und 16.00 Uhr (MESZ) erklärt hatte, erwies sich als brüchig. Beim israelischen Beschuss des Schati-Flüchtlingslagers sei ein achtjähriges Mädchen getötet worden, teilte ein Sprecher des palästinensischen Gesundheitsministeriums mit.

Auch das Lager Nuseirat sei von der israelischen Armee beschossen worden. Eine israelische Militärsprecherin teilte mit, man prüfe die Berichte. Die israelische Armee wies darauf hin, dass militante Palästinenser aus dem Gazastreifen während der Waffenruhe mindestens 23 Geschosse auf Israel abfeuerten.

Fragen und Antworten zum Gaza-Konflikt

Worum geht es der Hamas?

Die radikalislamische Hamas-Bewegung kämpft um ihr Überleben. Im Westjordanland wurde sie in den vergangenen Wochen durch Massenverhaftungen und Beschlagnahmungen fast zerschlagen, im Gazastreifen ist sie nach dem Machtwechsel in Ägypten isoliert und finanziell liegt sie am Boden - "sie hat nichts mehr zu verlieren", sagt Muchaimer Abu Saada, Politikprofessor an der Al-Aksa-Universität in Gaza. Deshalb sucht die Hamas die Unterstützung der breiten palästinensischen Bevölkerung durch schnelle Erfolge - sei es die Aufhebung der Gaza-Blockade, sei es durch einen spektakulären Angriff auf israelische Ziele. Deshalb weitete sie diese Woche Ziele und Zahl ihrer Raketenangriffe aus und startete Kommandoaktionen mit Tauchern und durch Geheimtunnel.

Was will Israel erreichen?

„Am Ende darf die Hamas keine Mittel mehr besitzen, um Raketen zu fabrizieren“, sagt Gilad Erdan, Angehöriger des Sicherheitskabinetts und in der Regierung für das Ressort Umwelt zuständig. Anders als bei der Eskalation im November 2012 will sich Israel diesmal nicht mit einer Feuerpause zufriedengeben. Die Regierung stimmt die Bevölkerung deshalb auf einen längeren Waffengang und mögliche eigene Verluste ein.

Entsendet Israel Bodentruppen nach Gaza?

Zwei unterschiedliche Bodeneinsätze werden diskutiert: Eine langanhaltende Invasion hätte zum Ziel, wie im Westjordanland alle Strukturen der Hamas zu zerschlagen. Kürzer könnte ein Einmarsch verlaufen, der sich auf die nachhaltige Schwächung der bewaffneten Gruppierungen in dem Küstengebiet konzentriert. "Die Hamas rechnet nur mit einer begrenzten Bodenoffensive Israels, da eine Wiederbesetzung des Gazastreifens praktisch unmöglich ist", sagt Abu Saada. Gegenwärtig bringt Israel 30.000 Soldaten in Stellung und rüstet sie aus. Kommt es zu tödlichen Angriffen in Israel, würde dies den Invasionsbefehl beschleunigen.

Wie lang kann die Hamas ihr Drohpotenzial aufrecht erhalten?

Israelische Militärexperten schätzen die Feuerkraft der Hamas auf rund 10.000 Raketen sehr unterschiedlicher Reichweite - wobei sie in den vergangenen Tagen damit überraschte, dass ihre Projektile Ziele in 160 Kilometern Entfernung im Norden Israels erreichten. Die mehrere hundert Raketen größerer Reichweite in ihrem Besitz wird die Hamas aber nur sehr kalkuliert einsetzen, erwarten die Experten. Amos Gilad, Strategieberater im Verteidigungsministerium, sagt, es sei sehr unwahrscheinlich, dass die libanesische Hisbollah der Hamas durch gleichzeitigen Raketenbeschuss aus dem Südlibanon zu Hilfe kommt.

Wie kann das Ausland helfen?

Alle schauen hier zuerst nach Ägypten, das Beziehungen zu Israel und zu den Palästinensern unterhält und 2012 erfolgreich tätig wurde. „Eine Vermittlungsinitiative im eigentlichen Sinne gibt es derzeit nicht“, sagt dazu Badr Abdel Lati, Sprecher des Außenministeriums in Kairo. Entsprechende Kontakte hätten „zu keinem Ergebnis geführt“. Da die aktuelle ägyptische Regierung die Hamas als feindliche Organisation einstuft, ist sie zudem kaum bereit, deren Bedingungen für einen Waffenstillstand gegenüber Israel nachdrücklich zu vertreten. Professor Abu Saada rechnet deshalb damit, dass die Islamisten das Emirat Katar oder die Türkei als Vermittler anrufen könnten.

Im bisher verlustreichsten und am längsten andauernden Gaza-Krieg wurden nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums bislang 1838 Palästinenser getötet und rund 9500 verletzt, rund zwei Drittel davon Zivilisten. Auf israelischer Seite starben 64 Soldaten und drei Zivilisten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×