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28.09.2016

18:56 Uhr

Ban Ki Moon

„Schlacht um Aleppo – schlimmer als ein Schlachthaus“

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon vergleicht die Lage in der syrischen Stadt Aleppo mit einem „Schlachthaus“. Sollten Assads Soldaten die Metropole einnehmen, gilt dies als möglicher Wendepunkt in dem Bürgerkrieg.

Sturm auf Aleppo

Brutales Vorgehen der syrischen Armee

Sturm auf Aleppo: Brutales Vorgehen der syrischen Armee

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BeirutDie massiven Luftangriffe auf Aleppo in den vergangenen Tagen haben die syrische Großstadt nach Einschätzung des UN-Generalsekretärs in ein Schlachthaus verwandelt. „Stellen Sie sich ein Schlachthaus vor. Das hier ist schlimmer“, sagte Ban Ki Moon am Mittwoch vor dem UN-Sicherheitsrat in New York. Im Osten Aleppos wurden seit Freitag nach Uno-Angaben mindestens 96 Kinder getötet, weitere erlitten 223 Verletzungen. Die USA drohten Russland mit dem Abbruch der Friedensgespräche für Syrien, sollte das Land die Angriffe auf Aleppo nicht stoppen.

Die Rebellengebiete im Osten Aleppos waren in den vergangenen Tagen den heftigsten Luftangriffen seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 ausgesetzt. Geflogen werden sie von syrischen und russischen Kampfjets. Mehr als 260 Menschen starben. Syrien und Russland stufen die überwiegend islamistischen Aufständischen in Aleppo als Terroristen ein.

Nach dem Bombenhagel sind die Krankenhäuser im Osten Aleppos mit Verletzten überfüllt. Die Kinderhilfsorganisation Unicef beklagte, das Gesundheitssystem stehe vor dem Zusammenbruch. Nur noch rund 30 Ärzte seien verblieben und so gut wie keine Ausrüstung oder Medizin. „Die Kinder in Aleppo sind in einem lebendigen Alptraum gefangen“, sagte Vizechef Justin Forsyth.

Wer kämpft gegen wen im Norden Syriens?

Idlib

Die Provinz im Nordwesten des Landes wird von dem Rebellenbündnis Dschaisch al-Fatah kontrolliert, das aus verschiedenen moderaten bis radikalen Gruppen besteht. Darunter die dschihadistische Miliz Fatah al-Scham. Das syrische Regime fliegt mit seinen Verbündeten – zu denen unter anderem Russland gehört – Luftangriffe auf Stellungen der Aufständischen. Einige der islamistischen Rebellen sollen Saudi-Arabien und Katar nahestehen.

Aleppo

Die einstige Handelsmetropole ist seit Jahren zwischen Regime und verschiedenen Rebellengruppen geteilt. Die Regierung kontrolliert den Westteil der Stadt. Die Aufständischen im Osten gehören einem weiten Spektrum zwischen extremistisch, islamistisch bis hin zu moderat an. Einige werden auch von den USA unterstützt. Das gilt auch für die kurdischen Kämpfer, die einige Viertel im Norden der Stadt kontrollieren. Westlich und südwestlich Aleppos herrscht das Bündnis Dschaisch al-Fatah, das auch die Provinz Idlib kontrolliert.

Grenzregion bei Dscharablus

Nach der Invasion der türkischen Armee zusammen mit Rebellengruppen am Mittwoch eroberten die Kräfte westlich des Euphrat die Grenzstadt Dscharablus von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Die Dschihadisten halten immer noch einige Gebiete an der Grenze zur Türkei, darunter die Stadt Al-Bab.

Die Kurdenmiliz YPG hatte die strategische Stadt Manbidsch vor wenigen Wochen vom IS befreit und war vom Osten her weit in das Gebiet der Extremisten vorgerückt. Dies ist der Türkei ein Dorn im Auge, weil die Kurdenmiliz YPG der bewaffnete Arm der Kurdenpartei PYD in Syrien ist. Bei der PYD wiederum handelt es sich um den Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK in der Türkei.

Der Nordosten

Die Kurden unter Führung ihrer Partei PYD haben im östlichen Teil der Provinz Aleppo sowie den Landesteilen Al-Rakka und Hasaka eine zusammenhängendes Gebiet unter ihrer Kontrolle geschaffen. In dem mehrere hundert Kilometer langen Streifen an der türkischen Grenze haben sie eine Selbstverwaltung ausgerufen. Die Kurden schienen sich trotz zeitweiser Gefechte mit Regimetruppen in zwei Enklaven arrangiert zu haben. Allerdings kam es zuletzt zu ungewöhnlich heftigen Kämpfen, die erst mit einer Waffenruhe eingedämmt werden konnten.

Am Mittwoch stellten zwei Krankenhäuser im Rebellengebiet Aleppos ihren Betrieb ein. Mindestens eine sei von einem Luftangriff getroffen worden, sagte Adham Sahlul, Sprecher der Syrisch-Amerikanischen Medizinischen Gesellschaft (Sams). Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) teilte mit, alle acht Krankenhäuser im Osten der Stadt seien seit Juli beschädigt worden.

Ban verurteilte Angriffe auf Kliniken als Kriegsverbrechen. „Diejenigen, die immer zerstörerische Waffen benutzen, wissen genau, was sie tun.“ US-Außenminister John Kerry sagte seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow am Telefon, dass die USA Russland für die Situation in Aleppo verantwortlich machten. In Aleppo mischten sich Kämpfer der gemäßigten Opposition mit terroristischen Gruppen, sagte Lawrow nach Moskauer Angaben.

Die strategisch und symbolisch wichtige Stadt gehört zu den umkämpftesten Gebieten im Land. Anhänger des Regimes und ihre Verbündeten kontrollieren den Westen Aleppos, Rebellen den Osten. Dieser ist wegen einer Blockade seit Wochen von der Außenwelt abgeschnitten. Dort sind bis zu 300.000 Menschen eingeschlossen. Wegen der Blockade fehlt es ihnen akut an Nahrungsmitteln, Trinkwasser und medizinischer Versorgung.

Der massive Einsatz hochexplosiver Waffen in Wohngebieten in Syrien ist nach Einschätzung von Handicap International der Hauptgrund für die Flucht so vieler Menschen aus dem Land. „Unterschiedslose Bombardierungen sowie Beschuss sind in diesem Konflikt zur Regel geworden“, beklagte die Hilfsorganisation für Menschen mit Behinderungen.

Eine von Washington und Moskau ausgehandelte Feuerpause war diesen Monat nach einer Woche gescheitert. Seitdem ist die Gewalt eskaliert.

Russland setzt trotzdem darauf, die Verhandlungen mit den USA über Syrien fortzusetzen. „Wir sprechen etwa über die Feuerpause und über humanitäre Hilfslieferungen - hier ist es Russland zusammen mit der syrischen Regierung gelungen, einen eindrucksvollen Fortschritt zu erzielen“, sagte der Uno-Botschafter in Genf, Alexej Borodawkin.

Von

rtr

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