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24.08.2013

14:46 Uhr

Bandenkriminalität in Marseille

Prinzip Kalaschnikow

Marseille ist für seinen Hafen berühmt. Gerade ist die Metropole sogar Kulturhauptstadt. Doch hinter der Fassade steckt ein düsteres Bild: Marseille steht nach wie vor für Bandenterror und Mordanschläge.

Ein oder zwei Unbekannte auf einem Roller, Schüsse auf offener Straße, zurück bleibt ein Toter. Das gehört zum Alltag in Marseille. Reuters

Ein oder zwei Unbekannte auf einem Roller, Schüsse auf offener Straße, zurück bleibt ein Toter. Das gehört zum Alltag in Marseille.

Paris/MarseilleEs ist das „Prinzip Kalaschnikow“. Meist wird das russische Sturmgewehr zwar nicht verwendet. Doch Franzosen wissen sofort, was gemeint ist, wenn vom „Prinzip Kalaschnikow“ die Rede ist: Ein oder zwei Unbekannte auf einem Roller, Schüsse auf offener Straße, zurück bleibt ein Toter. Auch über den Ort des Verbrechens gibt es kaum Zweifel: Irgendwo in Marseille.

Erneut erschüttert eine Serie von Gewaltverbrechen die südfranzösische Hafenmetropole, die in diesem Jahr als europäische Kulturhauptstadt an ihrem Image bastelt. Allein 2013 haben organisierte Kriminalität, Drogenringe und Bandenkriege mit 13 solcher Morde die brutale Seite der Stadt an die Oberfläche gezerrt. Zuletzt starben innerhalb von zehn Tagen drei junge Männer. Das jüngste Opfer: ein 25-Jähriger, von Kugeln durchsiebt, der Mann war einschlägig polizeibekannt.

Die französische Regierung setzte diesmal demonstrativ Zeichen: Premierminister Jean-Marc Ayrault reiste nach dem jüngsten Anschlag in dieser Woche gleich mit fünf Ministern an. Er überließ damit nicht allein dem umtriebigen Innenminister Manuel Valls das Feld. Die Probleme in Marseille sollen nicht allein auf die Frage der Sicherheit reduziert werden. Die Riege der mitgereisten Minister zeigte die Felder auf: Justiz, Soziales, Wohnungsbau, Kampf gegen Ausgrenzung. Die aus Marseille stammende Ministerin Marie-Arlette Carlotti verwies im Sender iTele auf die schwierige Aufgabe: „Dafür braucht man einen langen Atem, es geht gegen ein mafiöses System, das die Stadt plagt.“

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Erste sichtbare Wirkung: Patrouillen von Sicherheitskräften am Hafen und in der Umgebung sollen die Gegend sicherer machen. Aktuell wird die Stadt von rund 240 Videokameras überwacht. Ihre Zahl soll deutlich steigen - bis September sind 100 zusätzliche Kameras geplant. Im kommenden Jahr sollen es dann etwa 1000 sein.

Fast 30 Prozent der Menschen in Marseille leben nach Angaben des aus der Hafenmetropole stammenden sozialistischen Abgeordneten Patrick Mennucci unterhalb der Armutsgrenze, die laut Statistikbehörde Insee bei 954 Euro pro Monat festgesetzt ist. Auf nationaler Ebene sind es dagegen rund 13 Prozent.

Ein Nährboden für Gewalt, für den Soziologen Laurent Mucchielli ein „offensichtlicher Faktor zur Verstärkung der Kriminalität“. Ebenfalls dem Sender BMFTV sagte Christophe Crépon, seit drei Jahrzehnten Polizist in der Hafenstadt: „Diese jungen Menschen sind gesetzlos. Sie haben keine Richtschnur, keinen Respekt, keine Regeln.“ Aus nichtigen Gründen werde getötet.

In Frankreichs zweitgrößte Stadt leben gut 850 000 Einwohner, nun sind etwa 3500 Polizeikräfte in der Region aktiv. Premier Ayrault sicherte in dieser Woche noch mal 24 Sonderermittler und eine Einheit der nationalen Bereitschaftspolizei CRS zu.

Von

dpa

Kommentare (15)

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Thomas-Melber-Stuttgart

24.08.2013, 16:45 Uhr

"Diese jungen Menschen ..." ... sicher Südländer. Oder eher, in diesem Fall: Süd-Südländer.

Account gelöscht!

24.08.2013, 17:04 Uhr

Marseille ist ein Drecksloch ohne Gleichen, man schaue sich mal das Publikum dort an, dann weiß man auch, wo das Problem ist, willkommen im Sudan

RalfSchr

24.08.2013, 18:04 Uhr

Die Zukunft unserer Städte, wenn wir nicht mit dem Blödsinn aufhören, immer mehr sog. "Flüchtlinge" aufzunehmen.

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