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02.11.2015

16:06 Uhr

Bangladesch

Terrorismus bedroht den Textil-Boom

VonFrederic Spohr

Islamisten haben am Wochenende in Bangladesch einen säkularen Verleger getötet und drei Religionskritiker verletzt. Die Terrorwelle ist nicht nur eine Gefahr für die Meinungsfreiheit, sondern auch für die Wirtschaft.

Viele Menschen in Bangladesch sind empört über die islamistischen Terrorattacken auf Religionskritiker und protestieren auf den Straßen der Hauptstadt Dhaka. dpa

Proteste in Dhaka

Viele Menschen in Bangladesch sind empört über die islamistischen Terrorattacken auf Religionskritiker und protestieren auf den Straßen der Hauptstadt Dhaka.

BangkokEs ist ein Zeichen des Protests, aber auch der Hilflosigkeit. Aus Wut über die wachsende Unsicherheit im Land haben Verleger und Buchhändler in Bangladesch am Montag keine Bücher verkauft. Stattdessen zogen sie in Protestmärschen durch die Hauptstadt Dhaka und andere Städte des Landes.

Am Wochenende hatten Islamisten den religionskritischen Verleger Faisal Arefin Dipan ermordet. Mit Macheten bewaffnet stürmten sie in sein Büro mitten im Zentrum der Hauptstadt und hackten ihn zu Tode. Ein weiterer Verleger sowie zwei Blogger wurden ebenfalls angegriffen und erlitten teils schwere Verletzungen. Die Verantwortung für die Taten übernahm der Ableger Al-Kaidas auf dem indischen Subkontinent. Der deutsche Botschafter Thomas Prinz bezeichnete die Anschläge in dem überwiegend muslimischen Land als äußerst besorgniserregend. “Die Attacken verstärken das Klima der Angst in Bangladesch”, heißt es in einer Mitteilung der Deutschen Botschaft in Dhaka.

Glossar – der politische Islam

Einen einheitlichen Islam...

… gibt es nicht. Die Religion hat etwa 1,6 Milliarden Anhänger weltweit. Doch die regional unterschiedlichen Spielarten des Glaubens variieren stark. Die meisten Muslime leben beispielsweise nicht etwa in einem Land auf der arabischen Halbinsel, sondern in Indonesien. Dort sind mit knapp 13 Prozent aller Muslime der Welt so viele Gläubige beheimatet wie in keinem anderen Staat.

Die Verwendung...

… von Begriffen wie Islamismus, politischem Islam, Fundamentalismus, radikalem Islam und Dschihadismus erfolgt in der Debatte oft nicht trennscharf. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 werden sie oftmals synonym und wenig trennscharf verwendet. Meist sollen mit „Islamismus“ solche fanatischen und gewalttätigen Gruppen mit terroristischer Ausrichtung erfasst werden, die sich auf den Islam beziehen.

Islamismus...

… bzw. Islamisten stehen für für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islams die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben.

Problematisch ist,...

… dass gerade späteren Strömungen die Absicht eigen ist, den Islam nicht nur zur verbindlichen Leitlinie für das individuelle, sondern auch für das gesellschaftliche Leben zu machen. Oft geht das einher mit einer Ablehnung der Trennung von Religion, was ein Spannungsverhältnis schafft zu den Prinzipien von Individualität, Menschenrechten, Pluralismus, Säkularität und Volkssouveränität.

Friedliche Islamisten...

… sehen die Gewaltanwendung zur Durchsetzung ihres Ziels – der Errichtung eines islamischen Staats - nicht als ihr vorrangiges politisches Instrument.

Als Mittel des Widerstands...

… haben sich islamistische Strömungen allerdings in vielen Staaten entwickelt. Grobe Faustregel: Je stärker sie unterdrückt wurden, desto eher neigten sie zur Radikalisierung und einer Fokussierung auf den bewaffneten Kampf. So etwa in Syrien und in Ägypten.

Terrorismus...

… ist daher eines von mehreren Mitteln und Handlungsstilen, die Islamisten benutzen. Andere Beispiele sind Parteipolitik und Sozialarbeit.

Der Dschihad...

… bedeutet wörtlich „Anstrengung, Kampf, Bemühung, Einsatz“ für Gott, nicht Gotteskrieg. Man muss unterscheiden zwischen dem „großen Dschihad“ als Kampf gegen sich selbst, also umgangssprachlich gesagt Überwindung des eigenen „inneren Schweinehundes“ und dem „kleinen Dschihad“, dem Kampf im militärischen Sinne. Die Übersetzung von Dschihadisten als „Gotteskrieger“ verzerrt den Begriff daher, weil es einen einseitigen Fokus auf den bewaffneten Kampf legt.

Die Angriffe reihen sich ein in eine erschreckende Terrorserie, welche die Meinungsfreiheit in dem säkularen Staat bedroht – aber auch zu einer Gefahr für die wirtschaftliche Entwicklung wird. Vier religionskritische Blogger wurden in diesem Jahr bereits ermordet. Diesen Herbst fielen zudem bereits ein japanischer Investor sowie ein italienischer Entwicklungshelfer den Fanatikern zum Opfer. Modemarken verschärften ihre Sicherheitsvorkehrungen. Aus dem bangladeschischen Verband der Textilhersteller und -Exporteure hieß es bereits, einige Kunden hätten Panik bekommen und Geschäftsreisen sowie Bestellungen verschoben. Mehrere westliche Staaten warnen vor Reisen in das Land oder raten dazu, äußerst vorsichtig zu sein.

So wächst die Sorge, das künftig mehr Investoren sowie Kunden fernbleiben und den Aufschwung in dem bitterarmen Land abbremsen. Während andere asiatische Entwicklungs- und Schwellenländer wegen der Abkühlung in China Probleme bekommen, entwickelt sich Bangladesch schnell weiter. Die Asiatische Entwicklungsbank schraubte zuletzt ihre Erwartungen noch einmal nach oben und rechnet für dieses Jahr mit einem Wachstum von 6,5 Prozent. Bangladeschs Erfolg liege darin, “einfache verarbeitende Industrie anzulocken, die China auf der Suche nach günstigeren Kosten für Land und Arbeit verlassen ”, heißt es in einer Analyse des Beratungsunternehmens Capital Economics. Besonders für die Textilindustrie ist das Land attraktiv. Kleidung macht mittlerweile rund 80 Prozent der Exporte aus.

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