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13.04.2012

14:35 Uhr

Bank of England

Die Macht der britischen Notenbank

VonMichael Maisch

Die Bank of England wagt sich mit ihrer neuen Rolle als Wächterin über die Stabilität der Finanzmächte auf unbekanntes Terrain.

Der Gouverneur der Bank of England Mervyn King soll künftig auch das Bankensystem überwachen. Reuters

Der Gouverneur der Bank of England Mervyn King soll künftig auch das Bankensystem überwachen.

LondonMervyn King, der Gouverneur der Bank of England, zählt schon lange zu den einflussreichsten Notenbankern in Europa, doch bald wird er wohl noch sehr viel mehr Macht in seinen Händen halten. Denn nach der Finanzkrise ordnet die britische Regierung die gesamte Aufsicht über die Londoner City neu – und die Notenbank wird aller Voraussicht nach ein ganzes Arsenal von Instrumenten hinzubekommen, mit denen sie im Notfall tief in das Geschäft der Banken eingreifen kann.

So viel Einfluss ist vielen Managern in der City unheimlich. Banker wie Peter Sands, der Chef von Standard Chartered, fürchten nicht nur Schaden für ihre Geldhäuser, sondern sehen die Gefahr einer Kreditverknappung und fürchten sogar um die Stabilität des Finanzsystems.

Wenn im kommenden Jahr der bisherige Regulierer, die Financial Services Authority, zerschlagen wird, soll die Bank of England die Aufsicht über die Banken in der City übernehmen und gleichzeitig über die Stabilität des gesamten britischen Finanzsystems wachen. Notenbank-Chef Mervyn King wird dann den Vorsitz des neu geschaffenen Financial Policy Committee (FPC) übernehmen, das frühzeitig gefährliche Ungleichgewichte im Finanzsystem erkennen und ausgleichen soll. Vor Ostern meldeten die Zentralbanker in einer Parlamentsanhörung ihre Ansprüche an die neue Rolle an, und die gehen weit.

Das FPC soll die Macht bekommen, eine absolute Verschuldungsgrenze für die Banken festzusetzen, um eine Überhitzung der Kreditmärkte zu verhindern. Außerdem will die Notenbank die Möglichkeit haben, spezifische Risikogewichtungen für einzelne Geschäftsbereiche festzuschreiben. Sollten die Stabilitätswächter beispielsweise zu dem Schluss kommen, dass der Hypothekenmarkt heiß läuft, könnten sie die Risikogewichtung für Immobiliendarlehen erhöhen. Die Banken müssten dann mehr teures Eigenkapital für diese Kredite zurücklegen. Schließlich wird das FPC den Banken wohl antizyklische Kapitalpuffer verordnen dürfen. Institute müssen dann während eines Booms zusätzliche Kapitalvorräte anlegen, von denen sie während eines Abschwungs zehren können.

Selbst Gouverneur King räumt ein, dass sich die Bank of England mit ihrer neuen Machtfülle auf „experimentelles“ Terrain vorwagt. „Wir wissen absolut nichts darüber, wie diese Instrumente wirken werden. Es ist sehr wichtig, dass wir damit besonnen und vorsichtig umgehen“, gab King Ende März in einer Rede zu.

Doch genau daran zweifeln viele Banker in der Londoner City. Sands nahm in einem offenen Brief in der „Financial Times“ kein Blatt vor den Mund: Der Ansatz des FPC sei „extrem interventionistisch“ und „engstirnig“. Letztlich gehe es der Notenbank darum, genau zu kontrollieren, wie viel Kredit zu welchen Preisen in welche Bereiche der Wirtschaft fließe. Sands fühlt sich davon an die „Quasi-Verstaatlichung“ der Finanzbranche in den 70er-Jahren erinnert. Der Standard-Chartered-Chef glaubt, dass nicht nur die Banken, sondern immer stärker auch die Zentralbanken ein Risiko für die Stabilität des Finanzsystems darstellen. „Die Notenbanken bewegen sind auf unbekanntem Terrain mit möglicherweise schwerwiegenden Konsequenzen, die sich nicht vorhersagen lassen“, warnt Sands.

Es sind nicht nur Banker, die die Machtkonzentration bei der Zentralbank mit Skepsis betrachten. „Die Reform des Stabilitätsmanagements ist eine Fehlkonstruktion“, kritisierte Willem Buiter, Chefvolkswirt der Citigroup, bei einer Anhörung vor dem Parlament. Buiter, der von 1997 bis 2000 im geldpolitischen Rat der Bank of England saß, sähe es lieber, wenn die Regierung die Kontrolle über die Stabilität des Finanzsystems übernehmen würde. Schließlich seien es am Ende auch der Staat und die Steuerzahler, die für die Rettung der Banken geradestehen müssten.


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