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20.03.2013

15:44 Uhr

Banken-Chefvolkswirte

„Zypern ist für den Euro nicht systemrelevant"

VonDietmar Neuerer

ExklusivWenn die Euro-Retter Milliarden-Hilfspakete rechtfertigen, dann sprechen sie oft von „Systemrelevanz“ – auch im Fall Zyperns. Doch nach Einschätzung von Ökonomen stellt der Inselstaat für die Euro-Zone keine Gefahr da.

dpa

BerlinEine Grundvoraussetzung für die Rettung von Krisenstaaten mit Finanzmitteln der EU-Partner ist der Nachweis, dass bei dem betroffenen Land die  „Systemrelevanz“ gegeben ist. Taumelnde Banken und Euro-Krisenländer sollen also erst dann gestützt werden, wenn eine Pleite sonst das gesamte Eurosystem erschüttert würde. Nach Ansicht der EZB und der EU-Kommission ist Zypern durchaus systemrelevant. Doch die Chefvolkswirte der großen Banken sind anderer Meinung.

Mit der Stabilität der europäischen Gemeinschaftswährung begründet auch der Vertrag zur Einrichtung des Euro-Rettungsschirms ESM die Hilfsaktionen. Gelder dürfen fließen, „wenn dies zur Wahrung der Finanzstabilität des Euro-Währungsgebiets insgesamt und seiner Mitgliedstaaten unabdingbar ist“, heißt es in Artikel 3 des Dokuments. Auch mit Blick auf die Zypernhilfe erklärten EU-Währungskommissar Olli Rehn und die Europäische Zentralbank das Land „systemrelevant für die Eurozone“.

Damit meint Rehn allerdings nicht, dass ein Zusammenbruch der zyprischen Wirtschaft Europa in den Abgrund reißen könnte. Denn die Wirtschaftsleistung der kleinen Mittelmeerinsel ist gering: 2011 lag sie nach Angaben der Weltbank bei rund 24,7 Milliarden US-Dollar (rund 18,9 Milliarden Euro). Zum Vergleich: Griechenlands Wirtschaft ist fast 12 Mal so groß, die Wirtschaft Deutschlands sogar 145 Mal so groß.

Die falschen Versprechungen der EU

Keine Haftungsunion

„Eine gesamtschuldnerische Haftung wird es nicht geben, solange ich lebe."
Bundeskanzlerin Angela Merkel am 26. Juni 2012

Im Oktober 2012 schlägt die Troika aus EU, EZB und IWF den Finanzministern der Euro-Zone einen weiteren Schuldenschnitt für Griechenland vor: Auch die öffentlichen Gläubiger sollen Athen nun einen Teil ihrer Forderungen erlassen. Damit würde die Rettung Griechenlands erstmals die deutschen Steuerzahler wirklich Geld kosten. Schäuble lehnt ab und schlägt vor, Griechenland mehr Zeit zu geben.

Das Volumen der Rettungsschirme

„Wir haben jetzt ein Land unter dem Schirm, das ist Irland. Und damit ist das Volumen noch weit davon entfernt, ausgeschöpft zu sein."
Bundeskanzlerin Angela Merkel am 12. Januar 2011

Im April 2011 stellt Portugal Antrag auf Hilfe. Es wird klar, dass die bisher hinterlegten Bürgschaften nicht ausreichen, um die Kredite zu den gewünschten Zinskonditionen zu beschaffen. Im Juni beschließt die Euro-Zone, den EFSF auf 780 Milliarden Euro aufzustocken, durch den sogenannten Hebel wird das Volumen im Oktober auf mehr als 1000 Milliarden Euro erhöht.

Kein griechischer Schuldenschnitt

„Ich werde langsam müde, diese Gerüchte immer wieder zu dementieren."
Griechenlands früherer Finanzminister Giorgos Papakonstantinou am 18. April 2011

Im Oktober beschließen die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone einen Schuldenschnitt für Griechenland: Private Gläubiger und Banken verzichten auf 50 Prozent ihrer Forderungen.

Keine dauerhaften Rettungsschirme

„Die Rettungsschirme laufen aus. Das haben wir klar vereinbart."
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am 24. Juli 2010

Die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (ESFS) ist zwar zeitlich befristet, aber die Euro-Finanzminister einigen sich Anfang 2012 auf den dauerhaften Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM).

Keine Finanzhilfe für Griechenland

„Hilfe steht nicht auf der Tagesordnung, denn Griechenland sagt selbst, dass es im Augenblick keine Hilfe braucht."
Bundeskanzlerin Angela Merkel am 21. März 2010

Ende April beantragt Griechenland offiziell Finanzhilfe, im Mai beschließen die EU, die Europäische Zentralbank (EZB) und der Internationale Währungsfonds (IWF) das erste Griechenlandpaket.

Die Zypern-Rettung wird vielmehr als notwendig für den Erhalt der Gemeinschaftswährung der 17 Euro-Staaten gesehen. Jörg Asmussen, EZB-Direktoriumsmitglied, sagte: „Eine Pleite Zyperns und seiner Banken hätte ... indirekte Folgen für die Eurozone als Ganzes - die Sorgen über die Umkehrbarkeit des Euro kämen wieder hoch.“ Dieser Einschätzung widersprechen allerdings führende Ökonomen in Deutschland.

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Für die Zyprer ist es in den Verhandlungen mit der Troika eine starke Drohung, für die Europäer ein Horrorszenario: Russland könnte Zypern rasch aus der Patsche helfen – und sich eine strategisch wichtige Insel zulegen.

Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, erklärte die aus seiner Sicht geringfügige Relevanz Zyperns damit, dass sich die Forderungen ausländischer Banken gegenüber Zypern auf rund 50 Milliarden Euro summierten, was lediglich 0,17 Prozent aller grenzüberschreitenden Bankforderungen weltweit entspreche. Die Staatsschuld Zyperns in Höhe von 14 Milliarden Euro sei verglichen mit anderen Ländern ebenfalls gering. „Zypern hat vermutlich nicht das Potential, die Währungsunion zu destabilisieren“, sagte Krämer Handelsblatt Online.

Kommentare (19)

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mono

20.03.2013, 16:12 Uhr

Der Euro hat Europa wirklich näher zusammengeführt.
Die Deutschen lieben die Griechen und die Italiener, die Italiener lieben die Franzosen, die Franzosen lieben die Engländer und umgekehrt und alle Europäer lieben die Deutschen.

Hätte kaum besser laufen können.

RHJ

20.03.2013, 16:15 Uhr

Klartext was soll das mit Zypern wieder Banken-Rettung oder soll einer großen Deutschen Bank der Arsch gerettet werden mit wohl fast 6 Milliarden Euro und der kleine Rentner bekommt 0,25 % mehr RENTE ein Witz oder !!!

observer

20.03.2013, 16:22 Uhr

Zypern ist extrem System relevant
+++++++++++++++++++++++++++++++

EUR/USD - Fahrplan
von Jens Chrzanowski
Mittwoch 20.03.2013, 14:27 Uhr
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- +

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wir wünschten uns, über Zypern mit Erleichterung sprechen zu können, doch diese ist leider nicht eingetreten. Das zyprische Parlament hat der Eigenbeteiligung der Sparer eine Absage erteilt. Zwar versicherte die zyprische Regierung sofort nach der Abstimmung des Parlaments, einen „Plan B“ ins Spiel bringen zu wollen, aber ob dieser tatsächlich existiert, bezweifeln viele, und man kann nur mutmaßen, wie er aussehen könnte.

Russland als Herkunftsland von mehr als 30 Prozent der Sparer in Zypern könnte die Rolle eines weißen Ritters spielen und dem kleinen Land (und der großen Steueroase) mit eigenen Finanzleistungen helfen. Doch was würde dies für die Europäer bedeuten? Zypern wäre womöglich vor einem Bankrott gerettet. Aber:

• Riesige Geldsummen müssten aus dem EU-Rettungsfonds in die große Offshore-Oase fließen.

• Russland würde sofort enorm an Einfluss in der Region gewinnen.

Bedenkt man die vermuteten Gasvorkommen rund um Zypern und das begründete Interesse Russlands daran, so schmeckt weder die eine Tatsache noch die andere. Eine Pleite Zyperns wäre aber kaum ein kleineres Übel. Fest steht nur eines – der Euro gerät in allen diesen Fällen stark unter Druck und muss seine Positionen sehr hart verteidigen.

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