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12.10.2014

09:26 Uhr

Bankentagung IFF

Washington im Schleudergang

VonPeter Köhler

Es ist das Meeting der Weltenretter. Jedes Jahr steht eine andere Krise auf der Agenda. Hetze und Terminnot sind feste Größen beim Stelldichein der Finanzwelt – und dann springt noch einer beherzt ins Fettnäpfchen.

Eine Mischung aus Weitwinkel-Ökonomie und Infos aus erster Hand machen die Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und IIF so wertvoll. ap

Eine Mischung aus Weitwinkel-Ökonomie und Infos aus erster Hand machen die Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und IIF so wertvoll.

WahsingtonEs war die letzte Veranstaltung auf der Großbankentagung des Institute of International Finance (IFF). Nach 17 Uhr waren im mittlerweile nur noch spärlich besuchten Auditorium schon einige Zuhörer dem Jetlag zum Opfer gefallen, da nahm Reza Moghadam einen beherzten Anlauf für den Sprung ins Fettnäpfchen.

Wie es denn mit den Reformen in ihrem Land bestellt sei, wollte der Vice Chairman Global Capital Markets der US-Investmentbank Morgan Stanley wissen. Da musste Valerija Gontarewa erstmal schlucken – denn die Zentralbankchefin der Ukraine hatte kurz zuvor ein dramatisches Bild aus ihrer Heimat gezeichnet. Der Krieg in ihrem Land werde das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr vielleicht um neun Prozent einbrechen lassen, die Infrastruktur in der Ostukraine sei größtenteils zerstört – „die Brücken und andere Gebäude sind einfach nicht mehr da, verstehen sie“, hatte sie dem Moderator zu erklären versucht. Kein Minus auf dem Papier, sondern einfach nicht mehr da. Reformen haben da nicht oberste Priorität.

2014 – ein heikles Jahr für die EZB

Neue Bleibe

In gebührendem Abstand zu den Bankentürmen im Westend entsteht in Frankfurt das neue Hauptquartier der EZB. Wann genau die Notenbanker dort einziehen werden, ist noch nicht klar - geplant ist aber 2014. Die EZB bleibt aber auch im Frankfurter Euro-Tower. Hier werden die Bankenaufseher untergebracht. Geldpolitiker und Aufseher sollen also nach den Umzügen nicht unter einem Dach arbeiten - Interessenskonflikte sollen so auf ein Minimum reduziert werden.

Neues Mitglied

Sabine Lautenschläger ist anstelle von Jörg Asmussen ins EZB-Direktorium eingezogen. Ebenfalls neu ist Lettlands Zentralbankchef Ilmars Rimsevics. Lettland ist das 18. Land, das den Euro eingeführt hat.

Neue Offenheit

Lautenschläger, Rimsevics und die anderen Notenbanker müssen sich an eine neue Offenheit der EZB gewöhnen. Die Zentralbank könnte schon bald wie etwa die Federal Reserve in den USA Protokolle oder zumindest schriftliche Zusammenfassungen der Sitzungen des EZB-Rats publik machen.

Draghi will dem EZB-Rat dazu schon bald einen konkreten Vorschlag machen. Umstritten ist, wie genau sich die Öffentlichkeit künftig ein Bild vom Abstimmungsverhalten der einzelnen Notenbanker machen kann.

Neue Instrumente

Die EZB geht mit einem rekordniedrigen Leitzins ins Jahr 2014: Seit November können sich die Geschäftsbanken bei ihr für 0,25 Prozent Zinsen refinanzieren. Zudem hat der EZB-Rat beschlossen, dass die Institute noch bis mindestens Mitte des übernächsten Jahres so viel Liquidität bekommen, wie sie bei der EZB abrufen - ohne Obergrenze. Damit ist das Finanzsystem zwar geschützt gegen Liquiditätsengpässe, doch stockt der Kreditfluss in den besonders krisengeplagten Ländern Südeuropas.

Zudem ist die Inflation in der Eurozone aus Sicht der Notenbanker zu niedrig. Die Zentralbanker betonen seit der letzten Zinssenkung, dass sie noch zahlreiche Pfeile im Köcher haben. Dazu gehören unter anderem weitere milliardenschwere Geldspritzen, um die Banken flüssig zu halten, sowie ein Strafzins für Banken, die Gelder lieber bei der EZB parken, als sie an Unternehmen und Haushalte als Kredit weiterzureichen.

Neue Banken

Wenn die EZB wie geplant im November 2014 die Oberaufsicht über die Banken der Währungsunion übernimmt, hat sie zumindest die 128 größten Institute bereits auf Herz und Nieren geprüft. Denn in den nächsten Monaten steht der größte Gesundheitscheck der Branche auf dem Programm, den es je gegeben hat.

Ziel der EZB ist es, die Banken möglichst besenrein, also ohne schlummernde Altlasten in den Bilanzen, zu übernehmen.

Die viel beschworenen „geopolitischen Risiken“ auf dieser Podiumsdiskussion waren sie auf einmal keine abstrakte Worthülse mehr, sondern ganz nah. Diese Mischung aus Weitwinkel-Ökonomie und Infos aus erster Hand machen die Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und IIF so wertvoll. Für drei, vier Tage trifft sich alles, was wirklich Macht hat. Dafür werden horrende Hotelpreise, lange Schlangen vor den Sicherheitsschleusen, Dauerregen und schwierige Taxifahrer in Kauf genommen. „Die vielen Bilaterals, das spart eine Menge Reiserei“, sagt Jürgen Fitschen, der Co-Vorstandschef der Deutschen Bank.

Es ist das Meeting der Weltenretter. Jedes Jahr muss eine andere Krise bewältigt werden. Vor zwölf Monaten war der „Government Shutdown“ wegen der amerikanischen Staatsverschuldung das beherrschende  Thema, 2014 ist es die Gefahr einer weltweiten Rezession. Bei der Einreise in Washington verunsichern schon die Warnungen der Gesundheitsbehörde. „Jüngst in West-Afrika gewesen? Fieber? Dann melden Sie sich“. Immer wieder läuft der Trailer zu Ebola über den  Bildschirm, während man in der Warteschlange vor den Immigration Officers steht.

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