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03.07.2015

20:42 Uhr

Barry Eichengreen zur Schuldenkrise

„Griechenland braucht einen Marshallplan“

VonBarry Eichengreen

Kein Wunder, dass die Griechen in der Krise eigensinnig reagieren, sagt Barry Eichengreen. Der renommierte US-Ökonom fordert in seinem Gastbeitrag einen „Marshallplan für Griechenland“ – und greift Deutschland scharf an.

Der US-Ökonom Barry Eichengreen geht mit der Rettungspolitik der EU hart ins Gericht. Getty Images

Barry Eichengreen

Der US-Ökonom Barry Eichengreen geht mit der Rettungspolitik der EU hart ins Gericht.

Wie die Griechen am Sonntag abstimmen werden ist ungewiss. Die griechischen Wähler fühlen sich „verflucht, wenn sie es tun und verflucht, wenn sie es nicht tun“. Wenn sie mit Ja abstimmen, dann folgen Jahre der Depression und der Armut. Wenn sie den Bedingungen der Gläubiger zustimmen, dann steigen die Steuern, und die Gehälter werden sinken. Da die Gläubiger auf einer Reduktion der Ausgaben bestehen, um so den Schuldenstand zu senken, wird die Wirtschaft sich wohl kaum stabilisieren oder gar zum Wachstum zurückkehren.

Bei einem Nein dagegen ist nichts als Instabilität in Sicht. Finanzminister Yanis Varoufakis glaubt, dass die Regierungen und der Internationale Währungsfonds (IWF) wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren werden, aber das ist reine Phantasie. Es wird keine Hilfe von den Institutionen mehr geben. Die Kapitalkontrollen werden verschärft, und die Einwohner werden keinen Zugriff mehr auf importierte Güter wie Benzin, Medizin und Nahrungsmittel haben. Die Banken, die bankrott gegangen sind, werden von einer Regierung verstaatlicht, die keinerlei Kapazitäten hat, sie zu betreiben. Um ihre Rechnungen zu zahlen, werden die Behörden Schuldscheine ausgeben, und dadurch wird sich das Land abwärts in Richtung Hyperinflation bewegen. Der Austritt aus der Euro-Zone und möglicherweise der Europäischen Union wäre die Folge.

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Alle rätseln nun, was nun passieren soll. Mit Sicherheit sind die Folgen nicht angenehm. Das Argument für ein Nein ist, dass es nicht schlechter kommen kann, nachdem die griechische Wirtschaft und das Bankensystem ja ohnehin ruiniert sind. Diese Schlussfolgerung allerdings ist falsch.

Was also sollte nun geschehen? Und das wäre eine Antwort: Die Gläubiger müssen den griechischen Bürgern unzweideutig klar machen, dass sie mit Ja wählen sollen. Denn dann wären die Regierung von Alexis Tsipras und ihre Minister nicht mehr tragbar, da sie ein Nein empfohlen hatte. Und wenn eine neue Regierung ins Amt gewählt wird, die ernsthaft an Reformen interessiert ist, dann werden die Partner Griechenlands ein besseres Angebot vorlegen.

Die Linien dieser Übereinkunft sind klar.

Das verlieren die Euro-Länder, wenn Griechenland pleitegeht

Deutschland

88,7 Milliarden Euro

Frankreich

67,9 Milliarden Euro

Italien

59,2 Milliarden Euro

Spanien

40,5 Milliarden Euro

Niederlande

19,3 Milliarden Euro

Belgien

11,9 Milliarden Euro

Österreich

9,4 Milliarden Euro

Finnland

6 Milliarden Euro

Portugal

4,5 Milliarden Euro

Slowakei

2,9 Milliarden Euro

Irland

2,7 Milliarden Euro

Slowenien

1,6 Milliarden Euro

Quellen

IWF, EU-Kommission, EFSF, ESM, EZB, Bank of Greece, Berechnungen des ifo Instituts.

Die griechische Regierung würde sich dazu verpflichten, das Steuersystem zu reformieren, die Renten zu vereinfachen, die Produktmärkte zu liberalisieren und die Staatsunternehmen zu privatisieren. Sie würde unter Beweis stellen, dass sie meint, was sie sagt. Als Gegenleistung sollten Griechenland in großem Umfang Schulden erlassen werden, also mehr als nur eine weitere Senkung der Zinsen und eine Verlängerung der Laufzeiten. Nicht nur die EU, sondern auch der IWF sollten zu einem Schuldenerlass bereit sein. Man sollte sich auf einen ausgeglichenen Haushalt einigen, nicht auf Überschüsse, die auf dem Rücken der Alten, Armen und Gebrechlichen erwirtschaftet werden.

Kommentare (4)

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Herr Uwe Reissner

03.07.2015, 20:56 Uhr

Die Griechen müssen aus dem Euro raus und sich Russland als Partner wählen. Russland kann etwas bieten, was die anderen nicht machen werden. Verhandlungen auf Augenhöhe. Vom ersten Tag an, hat man die neue Regierung nicht für voll genommen.

Natürlich kommt dann mit dem Grexit einige harte, aber absehbare Jahre. Auch nicht schlimmer, als weiter unter der EU-Last zu leiden. Das Problem eines Grexit wäre die darauffolgende Staatspleite. Griechenland ist ein Binnenmarktland mit einer Exportquote von ca. 15%. Eine Neu-Drachme mit einem Abwertungspotential von ca. 50% wäre für den Binnenmarkt tödlich. Die paar Exporte könnten das nie auffangen.
Was benötigt Griechenland? Aufschwung durch höheren Export.

Da das in der Praxis kaum über Nacht zu schaffen ist, geht der Binnenmarkt an die 100% höheren Importe/Rohstoffpreise zu Grunde.

Es sei die Abnehmer stehen für Produkte, die man noch gar nicht hat schlange.
Jetzt könnte Russland die Gunst der Stunde nutzen, zumal Griechenland sich dann eh von der EU im Stich gelassen fühlt.

Z.B. Griechenland geht aus dem Euro. Nimmt die Drachme an. Russland gibt ein paar Mrd. (20 Mrd./Jahr für ca. 5 Jahre) für den Übergang und bekommt dafür vertraglich Nahrungsmittel, die Russland benötigt. Sozusagen als Ersatz für die Ukraine und Baltikum. Das bedeutet eine stabile gesichert Abnahme.
Griechenland ist ein Agrarland und könnte daraufhin die Kapazität enorm ausbauen. Das würde Ruhe in dem Binnenmarkt bringen und Arbeitsplätze schaffen. Man könnte in diesen Bereich wieder investieren, da der Absatz gesichert ist.
Das ganze wäre nicht einmal ein Kredit sondern eine Verkaufsoption auf zukünftige Lieferungen. Das wiederum wäre zinsfrei, weil schon eingepreist und gut der Bevölkerung verkaufbar.

In drei Jahren wendet sich das Blatt. Bei klugen Reformen hat Griechenland Wachstumsraten wie China. Unter der EU tümpelt man noch auf Jahrzehnte hin und zahlt und zahlt an die Banken.
Absehbar , 100% neue Schulden, davon 70-80% für die Banken.

Herr Siegfried Bauer (Siggi40.de)

03.07.2015, 21:09 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr Big Bang Theory

03.07.2015, 21:19 Uhr

Ob sie nun Eichengrün oder Goldberg heißen und ob man sie mit Nobelpreisen ausgestattet hat,
ernstzunehmen ist nicht, was sie sagen, sie sind halt auch die Produkte der amerikanischen Finanzindustrie und machen, was man von ihnen erwartet.
Vielleicht haben sie in den letzten Jahren keine europäischen Zeitungen gelesen, man hatte den Griechen mit gutem Willen Fitnessprogramme für Staat und Verwaltung, sowie für die Wirtschaft vorgeschlagen, doch entweder wurde davon nichts akzeptiert oder nur zur show beschlossen und nicht umgesetzt.
Es gab auch Imvestitionsprogramm, bei Energie, Infarstruktur usw., doch da auch Umsetzungen kontrolliert werden sollten, damit nicht husch husch das Geld für dieses und jenes weg ist, kam nahezu nichts zustande.
Aus lauter Verzweiflung wurde das Programm mehr und mehr einseitig fiskalisch und austeritär.
Mit Syrizy war es dann natürlich ganz vorbei.
Die netten Top-Ökonomen sollten lieber mal sehen, wie sie die 20 Billiarden Dollar Schuld der USA in den Griff bekommen und Puerto Rico, ihren Vetter vor der Haustür retten, oder zumindest in Puerto Pobre umbenennen.
Da haben sie genug zu tun und müssen nicht, uneingeladen wie sie es in Wirklichkeit sind, die armen Fische verschrecken wenn sie überlaut den Mund aufmachen.
Es weiss doch inzwischen fast jeder, welchen Job sie hier in Wirklichleit erledigen.

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