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22.07.2015

18:28 Uhr

Bauern-Proteste in Frankreich

Fleisch sei ihr Gemüse

VonThomas Hanke

Die Straßenblockaden der Viehzüchter machen die französische Regierung nervös – so nervös, dass Premier Valls entscheidet: Die Franzosen müssen mehr einheimisches Fleisch essen. Kann das den Preisverfall stoppen?

„Unsere Arbeit hat einen Preis“ steht auf einem Schild auf der A1 Richtung Paris: Seit Tagen blockieren französische Viehzüchter wichtige Verkehrsknotenpunkte und Teile des Autobahnnetzes. Reuters

Bauern-Proteste

„Unsere Arbeit hat einen Preis“ steht auf einem Schild auf der A1 Richtung Paris: Seit Tagen blockieren französische Viehzüchter wichtige Verkehrsknotenpunkte und Teile des Autobahnnetzes.

ParisAussitzen ist keine Option mehr: Frankreichs Regierung ist am Mittwoch den protestierenden Bauern entgegengekommen. Premier Manuel Valls sagte nach der Kabinettssitzung mit staatsmännischer Miene, was nun Pflicht ist: „Man muss mehr französisches Fleisch essen!“ Mit diesem patriotisch-kulinarischen Tagesbefehl liegt er nicht im Trend.

Denn die Franzosen essen seit Jahren immer weniger Fleisch. Es hat sich herum gesprochen, dass Karnivoren nicht unbedingt gesünder leben. Der Verbrauchsrückgang ist nach Ansicht mancher Experten der wichtigste Auslöser des Preisverfalls auf Ebene der Erzeuger, über den sich nun die Landwirte beschweren.

Seit Tagen blockieren französische Viehzüchter wichtige Verkehrsknotenpunkte und Teile des Autobahnnetzes. Am Mittwoch haben sich die Aktionen von der Normandie über die Bretagne bis in den Südwesten ausgeweitet. Die Bauern fahren mit schweren Traktoren auf und lassen überhaupt keine oder nur gezielt bestimmte Autos durchfahren.

Die französische Polizei, sonst nicht für große Geduld bekannt und schnell mit Reizgas bei der Hand, lässt sie gewähren: Die Regierung fürchtet angesichts der immer noch steigenden Arbeitslosigkeit seit Monaten, dass irgendein Protest die Initialzündung für einen sozialen Flächenbrand werden könnte. Sie will die Straßen zur beginnenden Hauptreisezeit wieder frei bekommen, ohne die Landwirte mit Gewalt zu vertreiben.

Die deutsche und französische Wirtschaft im Vergleich

Wachstum

Frankreich: Die Industriestaaten-Organisation OECD hat die Wachstumsprognose erst vorige Woche mehr als halbiert. 2014 wird das Bruttoinlandsprodukt demnach nur um 0,4 Prozent zulegen, nachdem im Frühjahr noch 0,9 Prozent vorausgesagt worden waren. Für kommendes Jahr wurde die Prognose von 1,5 auf 1,0 Prozent zurückgenommen.

Deutschland: Auch bei Europas Nummer eins hat die OECD den Daumen gesenkt. Für das laufende Jahr wurde die Prognose von 1,9 auf 1,5 Prozent zurückgenommen, für 2015 von 2,1 auf ebenfalls 1,5 Prozent.

Arbeitslosigkeit

Frankreich: Wegen der Konjunkturflaute leidet der Nachbar unter einer Rekordarbeitslosigkeit. Die EU-Kommission sagt für dieses Jahr einen Anstieg auf 10,4 Prozent voraus, 2015 soll es leicht nach unten gehen auf 10,2 Prozent. Das entspricht etwa dem Durchschnitt aller 28 EU-Staaten.

Deutschland: Hier ist die Arbeitslosenquote nur halb so hoch. Nach der Prognose der EU-Kommission wird sie in diesem Jahr auf 5,1 Prozent fallen und 2015 auf diesem Niveau verharren. Mit Österreich weist die Bundesrepublik damit die niedrigste Arbeitslosigkeit in der Euro-Zone auf.

Staatsschulden

Frankreich: Erst 2017 will die Regierung die jährliche Neuverschuldung unter die in den EU-Verträgen erlaubte Höchstgrenze von drei Prozent im Verhältnis zur Wirtschaftskraft drücken. Eigentlich sollte das schon 2015 der Fall sein, doch sieht sich die Regierung in Paris wegen der schwachen Konjunktur dazu nicht in der Lage. Der Schuldenberg wird nach Prognose der EU-Kommission bis 2015 auf 96,6 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt wachsen. Die EU erlaubt eigentlich nur 60 Prozent.

Deutschland: Der Staat könnte 2014 bereits das dritte Jahr in Folge einen leichten Überschuss aufweisen. Zum Halbjahr wurden 16 Milliarden Euro mehr eingenommen als ausgegeben. Alle übrigen Euro-Staaten dürften hingegen rote Zahlen schreiben. Allerdings ist der Schuldenstand mit rund 76 Prozent immer noch höher als erlaubt.

Wettbewerbsfähigkeit

Frankreich: Ein Grund für die Misere ist die gesunkene Wettbewerbsfähigkeit. Eine Arbeitsstunde kostet private Arbeitgeber durchschnittlich 35,00 Euro. In der besonders stark dem internationalen Wettbewerb ausgesetzten Industrie sind es sogar 36,70 Euro - in der EU sind die Kosten nur in Schweden, Belgien und Dänemark höher. Das ist auch einer der Gründe dafür, warum Frankreich im weltweiten Standortranking des World Economic Forum (WEF) nur Platz 23 belegt.

Deutschland: Die Arbeitskosten liegen niedriger als in Frankreich. In der Privatwirtschaft sind es 31,70 Euro, in der Industrie 36,20 Euro. Im Standortvergleich des WEF belegt Deutschland den fünften Rang, wobei besonders die gut ausgebildeten Fachkräfte und innovative Unternehmen gelobt werden.

Industrie

Frankreich: Zwar kann das Nachbarland mit großen Unternehmen wie den Autobauern Renault und Peugeot Citroen oder dem Atomkonzern Areva aufwarten. Allerdings fehlt es an einem breiten und exportstarken Mittelstand, der die Absatzkrise in der Euro-Zone durch wachsende Geschäfte in Asien und anderen Boomregionen ausgleichen kann. Die Industrie ist deshalb auf dem Rückzug: Sie trägt nur noch 10,25 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei, der EU-Schnitt liegt bei 15,3 Prozent.

Deutschland: Hierzulande haben viele "hidden champions" ihre Heimat - also unbekannte mittelständische Unternehmen, die Nischen besetzt haben und mit ihren Produkten zu den Weltmarktführern gehören. Die Industrie erlebt in Deutschland eine Renaissance, weil diese Firmen in den Boomregionen aktiv sind. "Nur Deutschland hat es geschafft, zwischen 2007 und 2012 Jobs in der Industrie aufzubauen", stellte die EU-Kommission in ihrem europaweiten Vergleich fest. Der Industrie-Anteil an der Wirtschaftsleistung liegt mit 22 Prozent klar über dem EU-Schnitt.

Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll wollte die Proteste eigentlich aussitzen. Er hat erst mal einen Expertenbericht in Auftrag gegeben, der das Rätsel der niedrigen Fleischpreise lösen soll. Wenn die Verbraucher nicht weniger, sondern eher mehr bezahlen für ihr Steak, die Bauern aber nicht genug erlösen, um ihre Investitionen zu finanzieren, wo bleibt dann das Geld?

Präsident Franҫois Hollande, stets in Sorge wegen drohender Proteste, machte seinem Minister Beine. Schon am Dienstag musste der zu den blockierenden Bauern nach Caen in der Normandie fahren und dort Buße tun: „Ich entschuldige mich dafür, dass ich so lange gebraucht habe, um zu Ihnen zu kommen.“

Kommentare (12)

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Herr Peter Spiegel

22.07.2015, 18:36 Uhr

Daneben sollen die Exporte nach Griechenland, Vietnam und in die Türkei ausgeweitet werden.
Bei dem Schweine-Export in die Türkei muß ich dabei sein.

Account gelöscht!

22.07.2015, 19:05 Uhr

In einem von erneut einem einfältigen und ahnungslosen Sozialisten regierten Land kann überhaupt nicht mehr funktionieren.
Sozen sorgen sich niemals um das Funktionieren von Marktmechanismen - sondern allenfalls darum, noch viel mehr Regulation zu installieren. Wofür, ist egal - Hauptsache neue Gesetze gegen alles, was sich bewegen könnte.

Daher findet sich in Sozenländern vor allem Bewegungslosigkeit, Ohnmacht (wie hier bei den Bauern, die auch nur Marktteilnehmer sind) und Willkür.
Armut, Leistungsabfall und Auslagerung der Industrie sind die Folge - wie etwa auch in Frankreich zu sehen ist.

Herr Heinz Keizer

22.07.2015, 19:12 Uhr

ja, da werden sich die Türken freuen. Jetzt soll also mit Subventionen in andere Länder geliefert werden um da die Produzenten kaputt zu machen, wie mit dem Export von Hähnchenteilen (subventioniert) nach Afrika. Über deutsche Schweine regen sie sich auf, nach den armen afrikanischen Geflügelproduzenten kräht kein Hahn.

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