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15.07.2011

06:20 Uhr

Beatrice Weder di Mauro

„Die Krise kann einen schon verzweifeln lassen“

VonGabor Steingart, Dirk Heilmann

ExklusivDie Konzepte der Regierungen zur Bewältigung der Euro-Krise greifen zu kurz, warnt die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro. Im Interview kritisiert sie das Taktieren der Politik und fordert eine rasche Umschuldung.

Beatrice Weder di Mauro Quelle: dpa

Beatrice Weder di Mauro

Frau Weder di Mauro, die Ereignisse im südlichen Europa überschlagen sich. Regierungschefs und Notenbanker scheinen in Ratlosigkeit vereint. Erleben wir das Endspiel um die Europäische Währungsunion?

Die Lage ist wirklich ernst. Wenn man noch vor kurzem sagen konnte, das sei eine Schuldenkrise einzelner Länder, dann ist das jetzt explizit vorbei. Auch ich habe noch vor Monaten gesagt, das ist keine Krise des Euroraums, aber jetzt habe ich meine Sprache geändert.

Es ist also nicht mehr auszuschließen, dass sich die Krise auf weitere Länder ausweitet?

Es war eine Illusion zu meinen, dass die Ansteckungsgefahr auf andere Länder eingedämmt würde, wenn man nur eine Umschuldung vermeidet. Obwohl für Griechenland jetzt ein zweites Hilfsprogramm vorbereitet wird, hat die Ansteckung schon stattgefunden. Wir haben jetzt definitiv eine Krise des Euroraums.

Aber warum? Die Finanzlage Italiens und Spaniens ist doch unverändert.

Spanien weist einen niedrigeren Verschuldungsgrad als Deutschland auf und Italien hat eine niedrige Nettoneuverschuldung. Beide Länder sind aus heutiger Sicht nachhaltig finanziert, da haben Sie Recht. Aber aus unterschiedlichen Gründen sind beide Länder dennoch anfällig für eine Ansteckung.

Also sind die Märkte doch nicht, wie ihre Kritiker oft behaupten, hysterisch?

Das hat nichts mit Hysterie zu tun, sondern mit völlig rationalem Kalkül. Länder geraten in eine Gefahrenzone, wenn ihre tatsächliche finanzielle Tragfähigkeit entscheidend von den Erwartungen der Märkte abhängt. Wenn nämlich für Spanien oder Italien die Zinsen stark steigen und für einige Zeit auf hohem Niveau verharren, geht die Rechnung der finanziellen Tragfähigkeit plötzlich nicht mehr auf. Und obwohl sich an den fundamentalen Faktoren nichts geändert hat, erfüllt sich die Prophezeiung selbst.

Viele geben der Bundesregierung die Schuld an der Zuspitzung der Lage. Hat sie mit ihrem Beharren auf einer Beteiligung privater Gläubiger am neuen Griechenland-Paket die neuerliche Eskalation bewirkt?

Ich würde dieser Sichtweise widersprechen. Der Ausgangspunkt ist die Frage, ob Griechenland ein Liquiditäts- oder ein Solvenzproblem hat. Ist es ein Solvenzproblem, dann ist die Reduktion der Schuldenlast unter Beteiligung des privaten Sektors die richtige Antwort. Die Finanzlage Griechenlands lässt sich nur unter extrem optimistischen Annahmen als nachhaltig bezeichnen. Diese Annahmen fanden Eingang in das neue Kreditprogramm, haben aber die Märkte nicht überzeugt. Die Antwort der Finanzinvestoren ist: Nein, Griechenland ist nicht solvent.

Demnach hat Commerzbank-Chef Martin Blessing Recht, die Politik zu einer schnellen Umschuldung für griechische Staatsanleihen zu drängen?

Ja, ich teile die Diagnose von Blessing, dass das Grundproblem Griechenland angegangen werden muss. Und darauf haben sich die Märkte ja auch einrichten können. Private Gläubiger, die noch nicht abgeschrieben oder verkauft haben, werden bei einer Umschuldung Verluste hinnehmen müssen. Aber die Verluste im europäischen Bankensystem sind überschaubar. Diejenigen, die zu günstigen Preisen griechische Anleihen gekauft haben – in der Hoffnung auf einen Gewinn zu Lasten der Steuerzahler – würden enttäuscht. Aber das wichtigste ist: Wenn man dieses Problem jetzt nicht grundlegend löst, dann wird es immer wieder kommen.

Kommentare (22)

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Systemfeind

15.07.2011, 06:43 Uhr

Es gibt keine 'umfassende Lösung' fuer die Pleite der Griechen und anderen suedeuropaeischen Laender. Nicht nur der enorme Schuldenberg ist das Problem, auch die Wettbewerbsunfaehigkeit wird den Sueden Europas weiter in den Sog der Pleite ziehen.
Wenn wir jetzt Griechenland mit zig milliarden deutscher Steuergelder uebergiessen, werden die PIIGS Staaten fuer immer und ewig am Tropf der Nordeuropaeischen haengen und uns alle in den Sumpf der Armut ziehen.
Mit der Griechenlandhilfe ist die Transferunion geboren; - ein System das wir nie wieder rueckgaengig machen koennen.
Griechenland MUSS Pleite gehen, damit wir ueberleben koennen!!!

Account gelöscht!

15.07.2011, 07:16 Uhr

Es gibt zwei Fragen, die miteinander verknüpft sind:

1. wie löst man die aktuellen Probleme - nicht nur von Griechenland, sondern auch anderer Euroländer?

2. wie soll es mit der Eurozone weitergehen?

Die zweite Frage möchte ich in den Vordergrund stellen; man muß sie unter zwei Aspekten beantworten, nämlich ökonomisch und politisch.

In demokratischem Sinn sollten sich alle Bürger aller Länder zu einer Entscheidung durchringen: Fühle ich mich so sehr als Europäer und nicht so so sehr als Grieche, Deutscher etc., daß ich bereit bin, auch unter Opfern einen Eurostaat anzustreben? Das bedingt allerdings eine gemeinsame Regierung mit einem Finanzminister, Wirtschaftsminister usw. und ein Parlament; also auch die Aufgabe aller Eigenständigkeit in allen Belangen des Gesamtstaates. Eine Finanz- und Wirtschaftspolitik aus einem Guß (neben anderen Regierungsbereichen)ist die unabdingbare Konsequenz.

Wenn das politisch bei der großen Mehrheit der Bürger nicht durchsetzbar ist, dann ist das Projekt Euroland gestorben. Es verlangt nämlich von allen zwingend Solidarität, sowohl von den Gebern als auch von den Nehmern.

Je nachdem, wie die Beantwortung der 2. Frage ausfällt, ist auch die Antwort auf die 1. Frage unterschiedlich.


Koboldo

15.07.2011, 07:25 Uhr

Zugegeben, di Mauro ist eine sehr kluge Frau. Aber von der Politik umfassende Konzepte zu verlangen ist mir zu pauschal. Mit den staatlichen Hilfen hätte erst gar nicht begonnen werden dürfen, das haben wir vor allem Juncker zu verdanken! Entweder kann sich ein Land über den freien Kapitalmarkt finanzieren oder eben nicht und muss dann Pleite gehen! Beim jetzt eingeschlagenen Weg wird jedes Nehmerland zum risikolosen Spekulationsobjekt für Investoren, die sich sicher sein dürfen, dass der Rettungsschirm alle Risiken zu Lasten der Steuerzahler auffängt, das muss unverzüglich aufhören und das war bei der Schaffung des Euro so auch nicht angedacht!

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