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29.01.2010

07:28 Uhr

Befragung

Blair muss sich für Irak-Krieg rechtfertigen

VonMatthias Thibaut

Tausende von Demonstranten werden erwartet, Millionen werden die Fernsehübertragungen verfolgen, wenn Tony Blair heute sechs Stunden lang von der Kommission befragt wird, die eine Fehleranalyse der Irak-Kriegsentscheidung erstellen soll. Erste Protstierende skandierten „Tony ins Gefängnis“.

Die Briten warten gespannt auf die Aussage von Ex-Premier Tony Blair. Reuters

Die Briten warten gespannt auf die Aussage von Ex-Premier Tony Blair.

LONDON. Es handle sich nicht um ein Gerichtsverfahren, betonte Kommissionsvorsitzender Sir John Chilcot. Aber viele Kriegsgegner sehen in der Anhörung einen Ersatz für das von ihnen geforderte Kriegsverbrechertribunal gegen Blair. Die Briten warten gespannt, ob Blair Worte des Bedauerns für die Invasion 2003 findet. Die Mehrheit der Briten hält sie heute für den größten außenpolitischen Fehler Großbritanniens seit dem zweiten Weltkrieg. Die Anhörungen erhielten eine unerwartete Dynamik, weil viele der bisher Vernommenen ihre Rolle bei der Kriegsentscheidung herunterspielten. Blair erscheint als der Alleinentscheider, der Einwände nicht gelten ließ.

Nun muss Blair zu Aussagen Stellung nehmen, wonach er bereits ein Jahr vor dem Krieg einen „Blutpakt“ mit dem damaligen US-Präsident George W. Bush schloss und diesem die britische Teilnahme zusicherte – mit oder ohne neue Uno-Resolution. Geheimdienst-Angehörige distanzierten sich von seiner Interpretation ihrer Berichte über Saddam Husseins Waffen. Im Mittelpunkt steht Blairs Behauptung, das Regime von Saddam Hussein habe über Massenvernichtungswaffen verfügt. Großbritannien war ohne Uno-Mandat an der Seite der USA in den Irak einmarschiert. Massenvernichtungswaffen waren nie gefunden worden.

Die Anhörungen machen so viel Furore, dass sich Premier Gordon Brown bereit erklären musste, noch vor der Wahl auszusagen. Nur die Tatsache, dass auch die Tory-Opposition 2003 für den Krieg stimmte, verhindert bisher, dass er zum Wahlkampfthema wird.

Die Entsendung der 45 000 Soldaten gehörte zu den umstrittensten Entscheidungen in Blairs zehnjähriger Amtszeit. Nach Einschätzung eines bereits befragten hohen Regierungsbeamten war der Krieg illegal.

Beobachter rechnen damit, dass die Aussage Blairs wichtig für die historische Einordnung seiner Amtszeit sein wird. In der regierenden Labour-Partei wird befürchtet, sein Auftritt könnte die Wahlchancen der Labour-Partei bei der Parlamentswahl im Juni weiter schmälern. Umfragen deuten auf einen Sieg der oppositionellen Konservativen hin.

Erste Demonstranten gegen den ehemaligen britischen Premierminister sind derweil aufmarschiert. Ein großes Polizeiaufgebot verhinderte, dass die Demonstranten direkt an das Konferenzzentrum gelangten, Die Protstierenden skandierten „Tony ins Gefängnis“ oder „Blair log, Tausende starben“. Einige Demonstranten hatten eine Tony-Blair-Maske über das Gesicht gezogen und trugen einen symbolischen Sarg auf ihren Schultern.

Kommentare (1)

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rainer repke

29.01.2010, 09:59 Uhr

ich bin nicht traurig, dass Saddam weg ist.

Dennoch, ist es nicht beinahe unfassbar, dass Politker, die gegen besseres Wissen und gegen geltendes Voelkerrecht einen Krieg anfangen, der nicht nur militaerische Opfer forderte und fordert sondern auch hundertausende tote Zivilisten und notleidende Hinterbliebene, dass diese Politiker noch frei rumlaufen?

Und blair hatte mal im Auge Europapraesident zu werden?

Kann alles nicht wahr sein.

Euer
Rainer

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