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02.11.2011

16:40 Uhr

Bei Ansteckungsgefahr

Ökonomen fordern Eingreifen der EZB gegen Griechen-Virus

VonDietmar Neuerer

ExklusivIst Griechenland noch zu retten? Die Frage hängt wie eine düstere Wolke über Europa. Ökonomen rechnen bereits mit dem Schlimmsten – und erwarten, dass die EZB andere Krisenländer vor dem Griechen-Virus abschirmt.

EZB-Tower in Frankfurt. dapd

EZB-Tower in Frankfurt.

DüsseldorfFührende Ökonomen in Deutschland halten ein Eingreifen der Europäischen Zentralbank (EZB) für unausweichlich, sollte die Ansteckungsgefahr für andere Krisen-Länder wegen der Griechenland-Krise steigen. „Wenn sich Griechenland ins Chaos stürzt, besteht die Gefahr, dass Italien und Spanien endgültig angesteckt werden. Dann würden der  Rettungsfonds EFSF und die Europäische Zentralbank eingreifen“, sagte der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, Handelsblatt Online.

Der Direktor des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), Klaus Zimmermann, sieht die europäischen Institutionen sogar in der Pflicht einzugreifen, falls es im Zuge eines möglichen Griechenland-Bankrotts auch in anderen europäischen Wackelstaaten wie Portugal, Spanien, Italien  zu einem Bank-Run kommen sollte. „Der EFSF und die EZB müssten und würden neben den Nationalstaaten einspringen, um die Lage in diesen Staaten zu stabilisieren“, sagte Zimmermann Handelsblatt Online. „Die Kapitalisierung der Banken, notfalls durch die Nationalstaaten, würde das Schlimmste verhindern.“

Anders sähe es für griechische Finanzinstitute aus. „Auch mit einer neuen Währung käme es nicht rasch zu einer Stabilisierung der Lage. Das Vertrauen in die Banken wäre weg“, sagte Zimmermann. „Es käme zu Bankenpleiten und die Wirtschaft würde in Folge weiter kollabieren.“

Griechenland gerät derweil wegen der Pläne für ein Referendum über die Finanzhilfen immer mehr unter Druck. Zahlreiche europäische Spitzenpolitiker brachten auch heute wieder ihren zum Teil erheblichen Unmut über das Vorhaben zum Ausdruck. Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ zunächst über Regierungssprecher Steffen Seibert erklären, sie wäre gern im Vorfeld über das Referendum informiert worden. Später sagte sie dann, man habe mit Athen vergangene Woche ein Programm vereinbart. Nun brauche man Klarheit darüber, dass es auch umgesetzt werde. Darum komme es heute in Cannes, im Vorfeld des G-20-Gipfels, zu einem weiteren Treffen in der Sache.

Volksabstimmung in Griechenland

Wieso soll es zu einer Abstimmung kommen?

Die Lage in Griechenland ist brisant: Das Land kann seine Schulden nicht begleichen und steht vor der Pleite. Internationale Investoren sind nicht bereit, weiteres Geld zu verleihen. Deswegen ist Griechenland auf Hilfszahlungen angewiesen. Doch die sind an strenge Auflagen geknüpft. Von der Bevölkerung werden sie deswegen zunehmend als demütigend empfunden. Streiks und Proteste gehören zur Tagesordnung. Regierungschef Papandreou holt mit dem Referendum zum Befreiungsschlag aus.

Was verspricht sich Papandreou davon?

Papandreou hat die bisherigen Reformen nur mit knapper Mehrheit durchgebracht. Seine Popularität im Volk hat unter den zahlreichen Sparmaßnahmen stark gelitten. Der Regierungschef gilt in Teilen der Bevölkerung als Marionette, die Auflagen aus dem Ausland durchsetzt. Das Referendum soll dem Premier und seinem Regierungsbündnis vor allem Klarheit über den Rückhalt in der Bevölkerung verschaffen. Papandreou, dessen Regierungszeit offiziell noch bis 2013 dauert, will sein politisches Schicksal deshalb mit der Zustimmung des Volks verknüpfen und im Parlament die Vertrauensfrage stellen.

Über was genau soll abgestimmt werden?

Papandreou machte zunächst keine näheren Angaben. Klar ist: Die Bürger sollen mit „Ja“ oder „Nein“ für das zweite Rettungspaket stimmen. Das Ergebnis sei für die Regierung bindend, kündigte Papandreou an. Angesichts der dünnen Informationslage hielten sich Griechenlands Euro-Partner zunächst bedeckt. Unklar ist auch, ob das Vorhaben rechtlich überhaupt durchzuführen ist. Griechische Oppositionspolitiker meldeten bereits Zweifel an.

Welche Folgen hätte eine Ablehnung für Griechenland?

Vermutlich verheerende. Eine Ablehnung der Beschlüsse könnte das Ende der Hilfszahlungen von Internationalem Währungsfonds und Euro-Ländern bedeuten. „Ein Kollaps des griechischen Finanzsystems wäre kaum zu vermeiden“, erklärten die Volkswirte der Commerzbank am Dienstag. „Die Regierung müsste wohl ihre Banken verstaatlichen, die Abhebung von Spareinlagen beschränken und die Ausfuhr von Euro untersagen.“ Wahrscheinlich würde auch die Drachme wieder eingeführt und sofort um die Hälfte abgewertet. Die Experten sagten: „Dreht die Staatengemeinschaft Griechenland den Geldhahn ab, dann wäre das Land spätestens im März zahlungsunfähig.“

Welche Konsequenzen ergäben sich für den Euroraum?

Die konkreten Folgen sind schwer vorherzusagen. Sicher ist: Viele europäische Banken wären stark von einer Pleite Griechenlands betroffen. Vor allem französische Banken halten einen großen Anteil griechischer Staatsanleihen. Schlimmer noch: Der Staatsbankrott würde vermutlich das Vertrauen in den kompletten Euroraum zerstören. Bereits jetzt ist das Zutrauen in Länder wie Italien und Spanien angekratzt. Darüber hinaus würde eine derartige Zuspitzung der Krise die angeschlagene Euro-Konjunktur wohl in eine Rezession stürzen.

Könnte Griechenland im Euroraum bleiben?

Rein rechtlich ja. Griechenland kann nicht aus dem Euroraum geworfen werden. Das verbieten die europäischen Verträge. Griechenland und die Eurozone könnten sich aber auf ein Ausscheiden einigen. Ob das aber im ökonomischen Interesse aller Beteiligten wäre, ist zweifelhaft. Denn nach einem Austritt müsste Athen wieder seine alte Währung, die Drachme, einführen. Diese würde aller Voraussicht nach drastisch abwerten. Da Griechenland einen großen Teil seiner Staatsschulden in Euro aufgenommen hat, würde deren Wert auf einen Schlag stark steigen. Von der Abwertung der Drachme dürfte indes der Außenhandel Griechenlands profitieren. Fraglich ist aber, ob das die Wirtschaft nennenswert stützen könnte.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso erklärte, wenn die Griechen den europäischen Rettungsplan ablehnten, hätte das unvorhersehbare Konsequenzen. Frankreichs Europaminister Jean Leonetti forderte, den Bürgern in Griechenland die Frage zu stellen: "Wollen Sie in der Euro-Zone bleiben oder nicht?" Der niederländische Finanzminister Jan Kees de Jager stellte die Auszahlung der nächsten Hilfs-Rate an Athen in Frage. In Athen beharrte der griechische Regierungssprecher darauf, dass Ministerpräsident Giorgos Papandreou die europäischen Partner sehr wohl über die Absicht informiert habe, ein Referendum abzuhalten.

Der renommierte Krisenökonom Max Otte erwartet ebenfalls, dass der EFSF und die EZB im Fall der Fälle als Finanzfeuerwehr eingreifen, auch um die griechischen Banken aufzufangen. „Ja, das wäre anzuraten“, sagte der Wirtschaftsprofessor an der Fachhochschule Worms Handelsblatt Online. In Einzelfällen werde das auch für andere europäische Banken notwendig sein, betonte er. „Aber dann sollten die Staaten wie Frankreich doch bitte ihre Banken selber retten und rekapitalisieren“, fügte Otte hinzu.

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

02.11.2011, 16:54 Uhr

Es ist ja beruhigend, was für kompetente Ökonomen hier das Wort ergreifen. Da fällt mir ja ein Stein vom Herzen. Dabei ist es ja offensichtlich ganz einfach: Die EZB druckt so viele neue Euros, damit alle Billionenschulden nicht weiter ins Gewicht fallen. Das ist ja ein grandioser Schachzug, wie da unser Wohlstand gerettet wird! Und nebenher wird wohl die Druckerindustrie gepäppelt? Ach nee, das geht ja alles auf Knopfdruck. Schade eigentlich. Aber ansonsten: Hut ab, vor so viel Kompetenz und Scharfsinn. Wer hätte gedacht, wie einfach die Ökonomen auch meine Ersparnisse retten können...

Account gelöscht!

02.11.2011, 17:33 Uhr

PAPPERLAPAPP - GRIECHENLAND IST PLEITE!
Die Frage ist: Wer instrumentalisiert hier wen?
Wenn die EZB durch dieses Handeln keine freie Strategie zum Handeln (z.B. Anleihen kaufen - verkaufen) mehr hat, wie man es ja heute nachlesen kann, so stellt sich die Frage wer denn hier Europa diri-/regiert.
Auch Ökonomen sollten einsehen, daß hier gezielt und bewußt der Weg neuer "Strategien" des Betruges und der Infamie Einzug halten.
Sozusagen eine neue Form der Zahlungsverweigerung.
Insofern erwarte ich eine ganze Armada von bösen Überraschungen aus dem Peleponnes.

schlingel

02.11.2011, 18:58 Uhr

Ich darf zwei nicht-sozialistisch-keynesianische Ökonomen zitieren:

"Je größer der Papiergeld-Reichtum der Welt, desto größer die Armut, die ihm folgen wird." - Roland Baader

Wir werden niemals Inflation verhindern können, solange wir der Regierung nicht das Monopol der Geldausgabe wegnehmen. - Friedrich A. Hayek

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