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18.08.2014

16:56 Uhr

Bei schärferen Sanktionen

Russland erwägt Importverbot für West-Autos

Der Sanktions-Wettlauf zwischen Russland und dem Westen geht weiter: Moskau soll über ein Einfuhrverbot für Autos aus westlichen Ländern nachdenken. Ein Experte gibt Entwarnung. Einige Hersteller wären aber fein raus.

Russland erwägt ein Importverbot für Autos aus westlichen Ländern. Die Werke unter anderem von Volkswagen und Ford sollen davon nicht betroffen sein. dpa

Russland erwägt ein Importverbot für Autos aus westlichen Ländern. Die Werke unter anderem von Volkswagen und Ford sollen davon nicht betroffen sein.

MoskauIm Streit mit dem Westen denkt Russland einem Zeitungsbericht zufolge über ein Importverbot für Autos aus der EU und den USA nach. Für den Fall schärferer Sanktionen dieser Länder gegen Russland erwäge die Regierung in Moskau, die Einfuhr westlicher Fahrzeuge teilweise oder vollständig zu stoppen, berichtete die Zeitung „Vedomosti“ in ihrer Montagausgabe. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen.

In Russland produzierte Fahrzeuge sollen demnach von einem möglichen Bann nicht betroffen sein. Von den deutschen Herstellern fertigen etwa Volkswagen, Audi oder BMW vor Ort, Daimler dagegen nicht. Vom russischen Industrieministerium war zunächst keine Stellungnahme zu bekommen. Die Autobauer wollten sich nicht äußern.

Der russische Pkw-Markt ist fast so groß wie der deutsche und galt lange Zeit als Hoffnungsträger in Europa, wo Länder mit kräftigen Zuwächsen rar sind. Wegen der Schwäche des Rubels und der Auswirkungen der Ukraine-Krise gingen die Verkaufszahlen jedoch zuletzt deutlich zurück. Ausländische Autobauer haben seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts rund fünf Milliarden Dollar in den Aufbau lokaler Fertigungsstrukturen investiert.

Die russische Regierung beschleunigte dies, indem sie die Importzölle für Autos nach oben schraubte und diejenigen für Teile senkte. Allein VW steckte zwischen 2006 und 2013 nach eigenen Angaben rund 1,3 Milliarden Euro in die lokale Produktion und in neue Modelle für Russland; bis 2018 sollen weitere 1,2 Milliarden dazukommen, vor allem für ein neues Motorenwerk in Kaluga, wo eine Autofabrik des Konzerns steht.

Sanktionen – Putin schlägt zurück

Warum greift Putin zu so drastischen Mitteln?

Es ist Putins Retourkutsche auf die westliche Sanktionen. Um Moskau zum Einlenken in der Ukraine-Krise zu zwingen, hatte die EU in der vergangenen Woche erstmals harte Strafmaßnahmen bei Rüstungsgeschäften, Energie und Finanzen beschlossen.

Welche westlichen Produkte sind betroffen?

Regierungschef Dmitri Medwedew präsentierte am Donnerstag in Moskau die mit Spannung erwartete Boykottliste. Die 28 EU-Staaten, die USA, Australien, Kanada und Norwegen dürfen ab sofort kein Fleisch, keine Milchprodukte mehr einführen. Das Verbot gilt für ein Jahr und betrifft auch Obst, Gemüse und Fisch. Schweinefleisch aus Europa stand aber schon seit Ende Januar auf dem Index.

Trifft Putins Bann auch deutsche Markenhersteller?

Ja. Sprudel, Schokolade, Joghurt oder Fertigprodukte „Made in Germany“ werden ebenfalls aus russischen Supermarkt-Regalen genommen.

Wie wichtig ist der russische Markt für die deutsche Agrarindustrie?

Dreiviertel aller deutschen Agrarexporte gehen in die Europäische Union (EU). Russland ist dabei neben der Schweiz und den USA eines der wichtigsten Ausfuhrländer außerhalb der EU - jedoch mit fallender Tendenz. 2013 wurden Agrargüter für rund 1,6 Milliarden Euro dorthin verkauft - rund 14 Prozent weniger als noch 2012.

Was wird nach Russland geliefert?

Gefragt sind Schweinefleisch, Backwaren, Käse und Kakaoprodukte. Schon länger bestehende Einfuhrverbote haben aber tiefe Spuren in der Bilanz hinterlassen. So brach der deutsche Schweinefleisch-Export in den ersten fünf Monaten 2014 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 83 000 Tonnen auf 9000 Tonnen ein, bei Käse halbierte sich die Ausfuhr, so der Bauernverband.

Was passiert mit den europäischen Lebensmitteln nach dem Einfuhrstopp?

Allein griechische Bauern fürchten, auf Erdbeeren, Pfirsichen und Gemüse im Warenwert von 600 Millionen Euro sitzenzubleiben - und fordern Entschädigung aus EU-Töpfen. Auch die Niederlande, Belgien und Frankreich liefern viel Obst und Gemüse nach Russland, das nun auf den europäischen Markt drängt und den Preis drücken könnte, glaubt der Rheinische Bauernverband. Abzuwarten bleibt, ob der Lebensmittel-Einzelhandel das beim Endpreis an die Verbraucher weitergeben würde.

Schneidet sich Russland nicht ins eigene Fleisch?

Moskau wird auf andere Lieferländer ausweichen, etwa mehr Rindfleisch und Geflügel in Lateinamerika einkaufen. Auch dürfte der Kreml auf den Nebeneffekt setzen, die eigene, oft ineffiziente Agrarwirtschaft auf Vordermann zu bringen. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hat da seine Zweifel: „Das schafft man nicht mit einem Fingerschnippen.“ Jens Nagel vom Exportverband BGA meint, die russischen Verbraucher werden die Leidtragenden sein: „Sie werden die Zeche in Form höherer Preise, schlechterer Qualität und geringerer Vielfalt bezahlen müssen.“ Teure westliche Lebensmittel konnten sich Normalverdiener aber sowieso kaum leisten.

Gefährdet die Sanktionsspirale den Aufschwung?

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hält daran fest, dass die deutsche Wirtschaft trotz der Krisen in der Ukraine und Nahost 2014 um 1,8 Prozent zulegen kann. Viele Ökonomen erwarten aber einen Dämpfer. Russland ist ein lukrativer Markt, der an den Gesamtexporten von über einer Billion Euro aber nur einen Anteil von 3,3 Prozent hat. Wegen der Ukraine-Krise büßten deutsche Unternehmen von Januar bis Mai in Russland rund 2,2 Milliarden Euro Umsatz ein.

Außer deutschen Fahrzeugherstellern produzieren in Russland auch Ford, Renault, Toyota oder Hyundai. Daimler prüft nach wie vor eine Pkw-Fertigung vor Ort. Die Stuttgarter sind am russischen Lkw-Bauer Kamaz beteiligt und lassen in zwei Gemeinschaftsunternehmen besonders robuste Lastwagen der Marken Mercedes-Benz und Fuso montieren. Von den 5600 Lkw der beiden Marken, die im vergangenen Jahr in Russland ausgeliefert wurden, stammte etwa die Hälfte aus der Produktion vor Ort, der Rest wurde aus Deutschland importiert.

Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht ein mögliches Importverbot gelassen. „Nahezu alle wichtigen deutschen Autobauer wie VW, Opel-Chevrolet, Ford, BMW, Daimler Nutzfahrzeuge sind mit Werken in Russland vertreten. Von daher wäre ein Import-Verbot für wesentliche Autos verkraftbar“, sagte der Chef des Center Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen Handelsblatt Online.

Bei den deutschen Premiumbauern würden in Russland zudem weniger als drei Prozent der weltweiten Fahrzeuge verkauft. „Also auch hier bricht keine Welt ein“, sagte Dudenhöffer weiter.

„Was allerdings bedenklich ist und sich auf die Konjunktur in West-Europa auswirkt, ist die Schraube der Eskalation bei der Embargo-Politik und der Ukraine-Konflikts“, fügte der Experte hinzu. Russland und Europa schädigten sich gegenseitig nachhaltig. „Das wirft die wirtschaftliche Entwicklung in der deutschen Autoindustrie zurück und wird Arbeitsplätze kosten, wenn die Politiker sich nicht endlich zu einer Konfliktlösung durchringen.“

Kommentare (29)

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Herr peter Spirat

18.08.2014, 09:56 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Manfred Zimmer

18.08.2014, 09:57 Uhr

Taktisch gekonnt eine eigene Industrie aufzubauen.

Ein Schachzug wie seinerzeit gegen alle Vorbehalte den Hannoveraner Schröder und Eon-Lobbyisten einzubauen.

Putin ist nach wie vor ein sehr gut ausgebildeter KGB-Mann, der seine Chancen zu nutzen weiß.

Herr Bernd Bier

18.08.2014, 10:32 Uhr

Und die Antwort von Siggi Gabriel wird lauten: Die deutsche Wirtschaft ist sooo robust, der macht das überhaupt nichts aus - das lässt uns alles kalt, wie der nächste Winter.

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