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06.01.2015

10:34 Uhr

Bei Verbleib in der Euro-Zone

Ifo-Chef Sinn warnt vor Griechenland-Pleite

VonDietmar Neuerer

ExklusivGriechenland war in der Euro-Krise der komplizierteste Rettungsfall. Und Athen ist immer noch nicht über den Berg. Im Gegenteil: Ifo-Chef Sinn befürchtet das Schlimmste, sollte das Land nicht den Euro verlassen.

Akropolis in Athen: „Es steht ein weiterer Staatskonkurs an, wenn Griechenland seine Wettbewerbsfähigkeit nicht durch den Austritt aus dem Euro und eine Abwertung seiner Währung wiederherstellt“, sagt Ifo-Chef Sinn. dapd

Akropolis in Athen: „Es steht ein weiterer Staatskonkurs an, wenn Griechenland seine Wettbewerbsfähigkeit nicht durch den Austritt aus dem Euro und eine Abwertung seiner Währung wiederherstellt“, sagt Ifo-Chef Sinn.

BerlinNach Einschätzung des Präsidenten des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, kann Griechenland eine neue Staatspleite nur abwenden, wenn es aus der Euro-Zone ausscheidet. „Es steht ein weiterer Staatskonkurs mit einem heftigen offenen oder versteckten Schuldenschnitt an, dem in den kommenden Jahren immer wieder neue Kredite und Schuldenschnitte folgen werden, wenn das Land seine Wettbewerbsfähigkeit nicht durch den Austritt aus dem Euro und eine Abwertung seiner Währung wiederherstellt“, sagte Sinn dem Handelsblatt (Online-Ausgabe).

Sinn setzt in dieser Hinsicht auf den Chef der radikalen Syriza-Partei, Alexis Tsipras. Dieser sei einer der wenigen griechischen Politiker, „die die Natur des Problems verstanden haben und deshalb bereit sind, Wagnisse einzugehen“, sagte der Ökonom.

Dass Tsipras die griechischen Reparationsforderungen gegenüber Deutschland wieder auf den Tisch legen wolle, gehöre allerdings zu den „vielen unerfreulichen Aspekten des Geschehens“, fügte Sinn hinzu.

In Griechenland stehen am 25. Januar Neuwahlen an, bei denen die linkspopulistische Syriza-Partei die besten Aussichten hat, stärkste Kraft zu werden. Deren Parteichef Tsipras hat angekündigt, das Sparprogramm zu beenden, zu dem sich das Land im Gegenzug zu Finanzhilfen internationaler Geldgeber verpflichtet hat, und über Schuldenerlasse zu verhandeln.

Griechenland – Gefahrenherd für Europa?

Der ESM

Anders als zu Beginn der Krise, als Politiker auf hektischen Gipfeltreffen mit improvisierten Maßnahmen der Probleme Herr zu werden versuchten, verfügt die Eurozone heute über eine Institution, die speziell für die Rettung angeschlagener Mitglieder geschaffen wurde. Der Europäische Stabilitäts-Mechanismus (ESM) kann Staaten im Notfall mit bis zu 500 Milliarden Euro beispringen. Staaten können Hilfen auch beantragen, wenn Kapitallücken im Bankensystem klaffen.

Die Lage der anderen Krisenländer

Neben Griechenland mussten während der Eurozonen-Krise auch Portugal, Irland und Zypern unterstützt werden. Anders als damals gibt es heute aber keine auf der Hand liegenden Kandidaten mehr, auf die eine Krise überspringen könnte. Die Lage der Staatsfinanzen in Portugal und Irland hat sich deutlich verbessert, in Spanien wuchs die Wirtschaft zuletzt wieder kräftig. Nur bei den Schwergewichten Frankreich und Italien sind kaum Fortschritte beim Abbau des Haushaltsdefizits und den Strukturreformen zu verzeichnen.

Die EZB

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Finanzmärkten klar gemacht, dass sie den Euro verteidigen will. Im Juli 2012 erklärte EZB-Präsident Mario Draghi, man werde „alles Erforderliche“ tun, um den Euro zu retten. Seitdem hat die EZB ihre Geldpolitik deutlich gelockert. Die Märkte erwarten, dass die EZB im ersten Quartal 2015 den breit angelegten Kauf von Staatsanleihen verkünden wird. Dank der Käufe dürften Euroländer ihre Haushalte zu besseren Konditionen finanzieren können. Das würde nicht nur Griechenland zugutekommen.

Das europäische Bankensystem

Beim Ausbruch der Eurozonen-Krise im Jahr 2010 fürchteten die Kapitalmärkte die Folgen einer griechischen Staatspleite für den europäischen Bankensektor. 2012 verzichteten private Gläubiger Griechenlands – darunter auch Banken – auf die Rückzahlung von 100 Milliarden Euro Schulden. Im Vergleich dazu sind Europas Banken heute nicht mehr so stark in Griechenland engagiert.

Deutschland hat sich an den beiden Kredithilfe-Paketen für Griechenland mit gut 50 Milliarden Euro beteiligt. Von den Forderungen deutscher Banken an den griechischen Staat von gut 15 Milliarden Euro entfällt der überwiegende Teil auf die staatliche Förderbank KfW.

Kommentare (35)

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06.01.2015, 07:58 Uhr

na ist doch prima, wenn das so funktioniert: griechenland wertet seine waehrung ab und stellt damit seine wettbewerbsfaehigkeit wieder her und alles ist in ordnung. vor monaten war zu lesen: wenn griechenland aus dem euro austritt faellt das land zurueck auf den entwicklungsstand von etwa albanien. da war auch irgendwann mal die rede von den acht schluessel industrien die angekurbelt werden sollten um das land aus dem dilemma zu bringen. was ist aus denen geworden ? was ist auch aus der griechischen touristik industrie geworden: gute hotels, sommer, sonne, das meer, die blumen und nachts die sterne ueber einem. um das jemals so unbeschwert erleben zu koennen muss man in griechenland vor allem eines sein: besucher !

Herr Peter Noack

06.01.2015, 08:05 Uhr

Prof. Sinn stellt die These in den Raum, das "Griechenland eine neue Pleite nur abwenden (kann), wenn es aus der Eurozone ausscheidet." Wie Griechenland dann seine Staatsschulden bedienen kann lässt er offen. Gleichzeitig konstatiert er, dass die griechische Industrie um 30 Prozent eingebrochen ist. Was sollte, ja was könnte die griechische Wirtschaft bei neu erreichter
preislicher Wettbewerbsfähigkeit denn liefern? Produziert Griechenland wenigstens genug Getreide, Olivenöl und Fleisch, um sich selbst zu versorgen? Wie sieht es mit Öl, Gas und mineralischen Rohstoffen aus, die plötzlich sehr viel billiger geworden sind? Ist das kein Konjunkturprogramm für Griechenland?
Die deutschen haben staatsschuldenwirksam ihren Beitrag zum ESM geleistet. Sollten sämtliche Staatsschulden Griechenlands beim ESM geparkt werden, muss Deutschland keine schuldensteigernden Lasten befürchten, zumal ja Irland und Portugal nicht mehr am Tropf hängen, oder? Auch Spanien scheint auf einem erfolgreichen Weg.
Tilgen muss Griechenland seine Staatsschulden derzeit nicht. Bleiben die Zinszahlungen. Bei 2 Prozent sind das weniger als 5 Mrd. Euro im Jahr. Bei 1 Prozent sind es 2,4 und bei 0,5 Prozent sind es noch 1,2 Milliarden. Diese Beträge lassen sich leicht aus den Nettozahlungen des EU Haushaltes abziehen. Das Thema Staatspleite steht also für Griechenland überhaupt nicht.
Das alles hat Prof. Sinn nicht gesagt. Wurde er danach gefragt? Warum nicht? Sollten Medien danach fragen? Wie wollen sie ihre Leser, Zuschauer, Hörer informieren? Soll sich jeder seinen eigenen Reim darauf machen?

Herr Manfred Kluge

06.01.2015, 08:31 Uhr

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