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01.08.2012

15:13 Uhr

Beitrag in französischer Zeitung

Sinn fordert die Vereinigten Staaten von Europa

VonThomas Hanke

Für die wichtigste Tageszeitung Frankreichs ist Hans-Werner Sinn „Deutschlands einflussreichster Ökonom“. Sinn nutzte den Platz in der „Le Monde“ für die Forderung eines Großprojektes: Die Vereinigten Staaten von Europa.

Europa ohne Ländergrenzen: Eine Blumenbeet in der Form des Staatenbundes. dpa - picture-alliance

Europa ohne Ländergrenzen: Eine Blumenbeet in der Form des Staatenbundes.

ParisGroße Ehre für Hans-Werner Sinn: Frankreichs wichtigstes Tageszeitung Le Monde räumt dem Ifo-Chef, der für die Franzosen „Deutschlands einflussreichster Ökonom“ ist, in ihrer heutigen Ausgabe eine ganze Seite ein. Unter der Überschrift „Warum Paris und Berlin sich widersprechen"“ stellt er seine in Deutschland bekannten Berechnungen über die Beträge an, die durch die Euro-Rettung im Risiko stünden. Im Falle Deutschlands seien das dreißig Prozent seines BIP, bei Frankreich ungefähr genauso viel, nämlich 29 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Die eigentliche Überraschung des Textes findet sich in einem Kasten zur wechselseitigen Haftung: Da schreibt er, es liege ihm „fern, in Bausch und Bogen jede Stärkung der wirtschaftlichen Solidarität in der Eurozone abzulehnen.

Interview mit Hans-Werner Sinn: „Wir legen mehr Geld auf den Tisch als nötig“

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Hans-Werner Sinn sieht nach dem Euro-Gipfel die finanzielle Stabilität Deutschlands in Gefahr. Ein Grund dafür sei unsere Haftung für Südeuropas Banken. Die Bürger könnten „nur noch auf das Verfassungsgericht hoffen“.

Im Gegenteil: Ich empfehle dringend, dass wir uns am amerikanischen Modell orientieren, um die Vereinigten Staaten von Europa zu schaffen.“ Dafür müssten die Europäer eine gemeinsame Nation bilden, die den Gläubigern garantieren könne, dass ihnen bei Bedarf Hilfe zukomme.

Die europäische Nation brauche „eine Verfassung, eine gesetzliche Struktur, eine gemeinsame politische Macht und eine gemeinsame Armee.“ Ohne die Vereinigten Staaten von Europa, so Sinn weiter, würden Politiken zur Umverteilung die Stabilität des Kontinentes gefährden. Leider lasse sich die europäische Nation aber nicht schaffen, wenn einige Länder wie Frankreich sich weigerten, Souveränitätsrechte abzutreten, bedauert Sinn.

So viel kostet Europa

Rettungsfonds EFSM

Beim Rettungsfonds EFSM stehen 60 Milliarden Euro zu Buche. Der deutsche Anteil beträgt dabei 12 Milliarden Euro.

1. Rettungspaket für Griechenland (IWF und EU)

Griechenland erhielt durch das erste Rettungspaket 110 Milliarden Euro, 24 Milliarden davon kamen aus Deutschland.

Einlagensicherungsfonds (von Experten geschätzt)

Nach Schätzung der Citigroup müsste der von der EU-Kommission geforderte Einlagensicherungsfonds ein Volumen von 197 Milliarden Euro haben. Der deutsche Anteil läge dann bei bis zu 55 Milliarden Euro.

EZB-Staatsanleihenkäufe

Die Europäische Zentralbank hat Staatsanleihen für 209 Milliarden Euro eingekauft. Der Bund ist daran mit 57 Milliarden Euro, also mehr als einem Viertel, beteiligt.

IWF-Beitrag zu den Rettungspaketen

Der Internationale Währungsfonds zahlte 250 Milliarden Euro für die Rettungspakete. Deutschland gab dafür 15 Milliarden.

Geplanter ESM

Der dauerhafte Rettungsschirm soll ein Volumen von 700 Milliarden Euro haben. Deutschland wäre daran mit 190 Milliarden Euro beteiligt.

Bürgschaften im Rettungsfonds EFSF

Der Rettungsfonds bürgt mit 780 Milliarden, Deutschland allein mit 253 Milliarden Euro.

Target-Verbindlichkeiten

Die Target-Verbindlichkeiten liegen innerhalb des EZB-Verrechnungssystem bei 818 Milliarden Euro. Der deutsche Anteil daran beträgt 349 Milliarden Euro.

Bei der Berechnung der finanziellen Risiken und der Hilfen, die Griechenland erhalten hat, begibt sich Sinn auf vermintes Gelände. Griechenland habe bereits Hilfen um Umfang von 214 Prozent seiner Wirtschaftsleistung empfangen, rechnet der Ifo-Chef vor, Das sei „ungefähr zehn Mal mehr als die Hilfen, die Deutschland über den Marshall-Plan erhalten hat“, behauptet Sinn.

Er kalkuliert, dass die Marshall-Hilfen nach dem Krieg ungefähr 2 bis 5 Prozent des jährlichen BIP entsprochen hätten. Hinzugekommen sei die Streichung der deutschen Auslandsschulden nach dem Londoner Abkommen 1953. Da sei aber nicht eingerechnet, dass es „eine massive Demontage der deutschen Industrie gegeben hat, sogar durch die westlichen Länder.“ Netto habe die Hilfe also niedriger gelegen.

Hans-Werner Sinn: Der Euro-Fighter

Hans-Werner Sinn

Der Euro-Fighter

Hans-Werner Sinn ist das Sprachrohr der Euro-Kritiker. Dabei riskiert er seinen Ruf als Ökonom, um die Rettungspolitik der Regierung zu stoppen. Warum tut er das?

Die Debatte über Kriegsschäden, Demontage und die hochgerechneten Folgekosten jedoch steht auf wackligen Beinen. Denn Deutschland hat schließlich auch keine Reparationen zahlen müssen, auch nicht an die Länder, die von der Wehrmacht zerstört wurden.    

 

Kommentare (67)

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Jami

01.08.2012, 15:34 Uhr

Alleine schon das, was wir Apotheker gerade durchleben, ist einer demokratischen Berufsgruppe, wie wir sie nunmal als Apotheker-Gemeinschaft sind, völlig unwürdig.


Hier mein persönlicher Vorschlag zur 'Better Spending'-Initiative unseres Aussenministers:

Um Europa nachhaltig zu Stabilisieren und ein faires Miteinander zu ermöglichen wäre es vielleicht nicht von Nachteil, Datenautobahnen zwischen Politik, den freien Berufen und den Bürgern, sowie zwischen und innerhalb der berufständischen Organisationen in den europäischen Partnerorganisationen einzurichten?

So könnte man auch einfacher erkennen, welche 'Mächte' eigennützig das System - nicht nur Geld - ausbeuten, da ja Auf- und Abfahrten fehlten, oder bereits zu viel vorhanden sind...

...wir konzentrieren uns viel zu sehr auf abstrakte Themen, wie generationsübergreifende Schulden, ESM, Finanzierungsquatsch mit Sauce.

Was ist mit den Menschen in deren Berufen, und wie sieht es um deren Perspektive in deren demokratisch gewachsenen Strukturen aus?

Was ist mit den Berufen? Ist das europäische Gesamt-Orchester der Berufsverbände startklar?^^

Die Politik könnte sich ja um die Verteilung der Notenblätter kümmern, damit die Verbände länderübergreifendes Miteinander leben können, sonst wird es wahrscheinlich ein kostenorientiertes 'Survival Of The Fittest', was Großkonzerne mit Shareholder-Value sogar noch begünstigt ...

Hm. Vielleicht ist das auch nicht die Aufgabe der Politik, sondern der Menschen in deren sozialen Strukturen?

Knut34

01.08.2012, 15:35 Uhr

+++ Beitrag von der Redaktion gelöscht +++

Popp

01.08.2012, 15:41 Uhr

Es ist wirklich schwer zu glauben, dass ein intelligenter Mann wie Sinn solche Aussagen zu Europa gemacht haben soll. Wessen Interessen vertritt er wirklich? Vermutlich nicht die der europäischen Völker. Eine vernünftige Regionalität wird leider grundsätzlich mit Nationalismus verwechselt. Die USA als Vorbild? Das kann doch nicht sein Ernst sein. Es sollte endlich der Systemfehler behoben werden, wie es der Plan B der Wissensmanufaktur.net erarbeitet hat. Dann erledigen sich auch die Reparationszahlungen und Leidensprozesse aller Europäer. Andreas Popp, Kanada

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