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09.10.2015

13:08 Uhr

Bekanntgabe in Oslo

Tunesier bekommen den Friedensnobelpreis

VonHelmut Steuer

Das tunesische nationale Dialogquartett bekommt den Friedensnobelpreis 2015. Zur Begründung heißt es, die Organisationen hätten sich für die Demokratie eingesetzt – zu einem Zeitpunkt, als diese in Gefahr war.

Demokratie in Nordafrika: Das tunesische Dialogquartett wird ausgzeichnet. dpa

Demonstration in Tunesien

Demokratie in Nordafrika: Das tunesische Dialogquartett wird ausgzeichnet.

OsloDer diesjährige Friedensnobelpreis geht an das tunesische Quartett für den nationalen Dialog. In der Begründung heißt es, die tunesische Dialoggruppe habe mit seiner Arbeit zum Aufbau einer pluralistischen Demokratie in Tunesien beigetragen. Die Gruppe sei 2013 in Folge des arabischen Frühlings gegründet worden. Damals sei die Demokratie in Tunesien in Gefahr gewesen, erklärte die Vorsitzende des Nobelkomitees, Kaci Kullmann Five.

Der Preis solle auch als Ermutigung für die Menschen in Tunesien angesehen werden, die trotz großer Herausforderungen den Grundstein für eine nationale Gemeinschaft gelegt haben. „Wir hoffen, das kann als Beispiel für andere Länder dienen“, sagte Kullmann Five.

Chronologie: Tunesien nach dem Arabischen Frühling

Arabischer Frühling

Mit der Jasminrevolution in Tunesien 2010/2011 begann der sogenannte Arabische Frühling. Die Bewegung führte zum Sturz mehrerer arabischer Regime, konnte aber die großen Hoffnungen auf Freiheit nicht erfüllen. Als einziges arabisches Land brachte Tunesien seine Demokratisierung voran.

(Quelle: dpa)

Islamisten geben die Macht auf

Zur Demokratisierung trug die Bereitschaft der Islamistenpartei Ennahda bei, nach einem ersten Wahlsieg die Macht wieder abzugeben, als sie nach der Ermordung zweier Oppositioneller mutmaßlich durch Islamisten unter massivem Druck geriet. Das stark von Europa beeinflusste kleine Urlaubsland am Mittelmeer geriet damit aber ins Visier militanter Islamisten.

Neue Verfassung

Anfang 2014 trat eine neue Verfassung in Kraft. Zum Jahresende wurde der säkulare Kandidat Béji Caïd Essebsi zum Präsidenten gewählt. Der parteilose Ökonom Habib Essid ist seit Februar Regierungschef. Die massiven wirtschaftlichen und sozialen Probleme wurden aber nicht gelöst. Mehr als 15 Prozent der elf Millionen Tunesier sind arbeitslos. Dazu kommen der inländische Terrorismus und eine militärische Bedrohung durch islamistische Milizen, die von Libyen oder Algerien aus operieren.

Attentat in Sousse

Tunesien wurde Ende Juni 2015 von einem blutigen Attentat erschüttert. Ein Islamist tötete in einer Hotelanlage des Badeorts Sousse 38 Urlauber, bevor er selbst erschossen wurde. Laut tunesischer Regierung wurde der Täter in Libyen ausgebildet, „vermutlich“ von der Miliz Ansar al-Scharia. Die salafistische libysche Gruppierung steht auf der Terrorliste der USA.

Ausnahmezustand ausgerufen

Im Juli war der Ausnahmezustand für 30 Tage ausgerufen und später um zwei Monate verlängert worden. Anfang Oktober wurde er aufgehoben.

In dem Dialog-Quartett sind vier wichtige Gruppen der tunesischen Zivilgesellschaft vereint: Der tunesische Gewerkschaftsverband, der Industrieverband, die tunesische Menschenrechtsorganisation und der Juristenverband. Dieses Quartett habe als Vermittler agiert und mit großer moralischer Autorität den friedlichen demokratischen Prozess in Tunesien vorangetrieben, sagte Kullmann Five. Die Gruppe habe einen alternativen Friedensprozess ermöglicht als das Land am Rande eines Bürgerkriegs stand. Kullmann Five betonte, dass der Preis „ein Ansporn für alle sein soll, die den Frieden und die Demokratie im Nahen Osten, Nordafrika und dem Rest der Welt voranbringen wollen". Nach dem Sturz des tunesischen Machthabers Zine El Abidine Ben Ali drohte das nordafrikanische Land im Chaos zu versinken. Das Quartett versuchte, einen friedlichen Übergang zur Demokratie zu erreichen.

Der Generalsekretär des Gewerkschaftsverbandes, Houcine Abassi erklärte, er sei „überwältigt“ von der Entscheidung des Nobelpreiskomitees. „Es ist ein Preis, der die mehr als zweijährigen Anstrengungen des Quartetts für den Frieden honoriert. Damals war das Land an allen Fronten in Gefahr“, sagte Abassi in Tunis. Seine Gewerkschaftsorganisation gehört dem tunesischen Quartett an.
Die Wahl der Dialoggruppe war auch in Norwegen eine große Überraschung. Die Entscheidungen des Komitees gelten als schwer vorhersehbar.

Im Vorfeld der Bekanntgabe des Friedensnobelpreises wurde über Bundeskanzlerin Angela Merkel als Preisträgerin spekuliert. Befürworter einer Preisvergabe hoben ihre aktive Rolle bei den Bemühungen um einen dauerhaften Frieden in der Ostukraine sowie ihr Einsatz bei der Lösung der Flüchtlingskrise hervor.

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