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07.11.2015

08:29 Uhr

Ben Carson im US-Vorwahlkampf

Der Anti-Trump

VonAxel Postinett

Besonnen kanzelt Ben Carson die Attacken von Donald Trump als „Grundschulniveau“ ab und mausert sich zum neuen Liebling der Massen. Der „Obama der Republikaner“ könnte sogar Hillary Clinton gefährlich werden.

Der republikanische Kandidat Carson will zum Beispiel den Höchststeuersatz auf zehn bis höchstens 15 Prozent senken. ap

Ben Carson

Der republikanische Kandidat Carson will zum Beispiel den Höchststeuersatz auf zehn bis höchstens 15 Prozent senken.

San FranciscoImmobilienhai Donald Trump weiß, wann es Zeit ist, loszulegen. Doch jetzt – ein Jahr vor den US-Präsidentschaftswahlen – bekommt er Konkurrenz. In aktuellen Umfragen liegt Ben Carson aus Baltimore im Rennen um die US-Präsidentschaftskandidatur der Republikaner gleichauf mit dem New Yorker Milliardär Trump. Manchmal schneidet der pensionierte Neurochirurg sogar besser ab.

Also wird zurückgetrumpt: „Ben Carson ist ein totaler und kompletter Verlierer“, ätze Rivale Trump in einem Werbetrailer für seinen Auftritt in der Comedy-Show „Saturday Night Live“. Das Video gelangte „durch ein Versehen“ an die Öffentlichkeit, wie der verantwortliche Sender NBC schleunigst betonte und wurde wieder gelöscht. Aber der Schaden war angerichtet, und die Show hatte ihre Aufmerksamkeit. Nur einer war genervt: Carson. Am Rande einer Veranstaltung entgegnete er schmallippig: „So etwas ist Grundschulniveau. Darüber bin ich längst hinaus.“

Fahrplan bis zur Präsidentschaftswahl 2016

Die Ausgangssituation

Im November 2016 wählen die USA den Nachfolger von Präsident Barack Obama. Während bei Obamas Demokraten die frühere Außenministerin und ehemalige First Lady Hillary Clinton als große Favoritin für die Kandidatur gilt, zeichnet sich bei den Republikanern ein spannendes Nominierungsrennen ab.

Erstes Abtasten der Bewerber

Bei Demokraten und Republikanern hat das Rennen um das Weiße Haus in den vergangenen Monaten Fahrt aufgenommen. Die Bewerber sammelten Spenden, reisten zu Kundgebungen quer durch das Land und traten in parteiinternen TV-Debatten gegeneinander an. Die Präsidentschaftsanwärter konzentrieren sich vor allem darauf, die Basis der eigenen Partei von sich zu überzeugen.

Vorentscheidung beim Super-Dienstag

Am 1. Februar finden traditionell im ländlich geprägten Bundesstaat Iowa im Mittleren Westen die ersten Vorwahlen statt, gefolgt von den Abstimmungen in New Hampshire am 9. Februar. Die Ergebnisse aus Iowa: Bei den Demokraten lag Hillary Clinton hauchdünn vor Bernie Sanders, die Republikaner sehen Ted Cruz vor Milliardär Donald Trump.

Nach und nach stellen sich die republikanischen und demokratischen Bewerber in allen 50 Bundesstaaten dem Votum der Wähler. Die Abstimmungen ziehen sich bis in den Juni, meist stehen die Mehrheitsverhältnisse aber schon vorher fest. Eine Vorentscheidung könnte beim sogenannten Super-Dienstag am 1. März fallen, wenn 13 Bundesstaaten gleichzeitig abstimmen.

„Primary“- und „Caucus“-System

Bei manchen Vorwahlen dürfen nur registrierte Parteimitglieder teilnehmen, andere sind offen für alle Wahlberechtigten. Unterschieden wird je nach Bundesstaat auch zwischen dem „Primary“-System, bei dem Bürger den ganzen Tag ihre Stimme in einem Wahllokal abgeben können, und dem „Caucus“-System, bei dem sich Parteimitglieder zu abendlichen Diskussionsrunden auf Ortsebene treffen und dabei abstimmen.

Kandidatenkür bei den Parteitagen

Abschluss des Vorwahlprozesses sind die sogenannten Conventions, bei denen Delegierte aus allen Bundesstaaten den Kandidaten ihrer Partei ins Rennen schicken. Die Zahl der Vertreter, die jeder Staat entsenden darf, wird durch eine komplizierte Formel festgelegt und hängt vor allem von seiner Bevölkerungsstärke ab. Die meisten Delegierten sind an die Vorwahlergebnisse aus ihrem Heimatstaat gebunden.

Die Republikaner halten ihre Convention vom 18. bis 21. Juli in Cleveland im Bundesstaat Ohio ab. Der Nominierungsparteitag der Demokraten findet vom 25. bis 28. Juli in Philadelphia im Bundesstaat Pennsylvania statt.

Heiße Wahlkampfphase

Im Herbst 2016 liegen die entscheidenden Wochen des Wahlkampfes. Fast täglich erscheinen neue Umfrageergebnisse, mit denen Republikaner und Demokraten ihre Chancen abschätzen können. In drei Fernsehduellen am 26. September, 9. Oktober und 19. Oktober debattieren die Kandidaten innen- und außenpolitische Themen, während die Bevölkerung in besonders umkämpften Bundesstaaten wie Florida oder Ohio mit Wahlwerbespots überschwemmt wird. Beide Parteien sind auf der Hut vor einem „October Surprise“ – einem unerwarteten Ereignis im Oktober, das dem Präsidentschaftsrennen eine neue Dynamik geben könnte.

Wer ist der Kandidat, der ähnlich wie Barack Obama 2008 unerwartet vom Außenseiter zum Spitzenreiter aufsteigt? Immer öfter wird er vor Trump als Nummer eins bei den Republikanern genannt. Laut einer Umfrage des „Wall Street Journal“ findet er den stärksten Rückhalt bei regelmäßigen Kirchengängern, die Abtreibung ablehnen und weniger als 75.000 Dollar im Jahr verdienen.

Ein Mann des republikanischen Volkes, des weißen republikanischen Volkes. Und er kann Clinton besiegen, hat eine brandaktuelle Umfrage der Quinnipiac Universität herausgefunden. Würde heute gewählt, hätte Carson einen Vorsprung von zehn Prozentpunkten gegenüber Clinton. Das wäre für die frühere Außenministerin der USA das zweite Mal nach 2008, dass sie gegen einen farbigen Kandidaten verlieren würde.

Ben Carson ist der Anti-Trump. Kreuzkonservativ, aber ruhig und besonnen. Er verabscheut das polternde Draufhauen des Self-Made-Reality-TV-Stars, der guten Grund hat besorgt zu sein. „Mit chirurgischer Präzision“, so Tim Malloy von der Quinnipiac Universität „hat Carson schon alle bis auf einen Gegenkandidaten herausoperiert, und jetzt setzt er bei Clinton das Skalpell an“.

Der unaufgeregte Mediziner mit der sanften Stimme ist zugleich der personifizierte American Dream. Aufgewachsen in den dunkelsten Ecken von Detroit als Sohn einer bitterarmen alleinerziehenden Mutter, kämpfte er sich bis an die Spitze der pädiatrischen Neurochirurgie am John-Hopkins-Krankenhaus in Baltimore. Aufsehen erregte der Wissenschaftler, als ihm als erster die Trennung von am Hinterkopf zusammengewachsener siamesischer Zwillinge gelang. Seine Autobiographie „Begnadete Hände“ ist das Buch, das schwarze Eltern ihren Kindern schenken.

Zu Berühmtheit und Ehren in der republikanischen Partei gelangte der heute 64-jährige 2013. Er stand bei einer Veranstaltung nur wenige Schritte neben Barack Obama und griff die Politik des Präsidenten und dessen Gesundheitsreform frontal an. Der farbige Selfmade-Man aus den Elendsvierteln von Detroit wagte sozusagen das zu sagen, was viele Weiße dachten, aber, politisch korrekt, nicht auszusprechen wagten.

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