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22.10.2015

14:51 Uhr

Benjamin Netanjahu zum Holocaust

Hitler inspiriert vom Mufti? „Vollkommen idiotisch"

VonPierre Heumann

Benjamin Netanjahus eigenwillige Holocaust-Interpretation sorgt für Empörung. Israelische Historiker werfen dem Premier Geschichtsfälschung vor. Wie das Treffen zwischen Hitler und dem Großmufti tatsächlich verlief.

Das Foto zeigt den damaligen Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, und den Diktator Adolf Hitler 1941. dpa

Allianz?

Das Foto zeigt den damaligen Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, und den Diktator Adolf Hitler 1941.

Tel AvivEs kommt höchst selten vor, dass jüdische Persönlichkeiten die Verantwortung der Nazis für den Holocaust relativieren. Genau das hat Israels Premierminister Benjamin Netanjau aber diese Woche, wenige Stunden vor seinem Abflug nach Berlin, getan. Das Ziel „Endlösung“ gehe auf den damaligen Großmufti von Jerusalem zurück, auf Mohammed Amin al-Husseini. Der Diktator Adolf Hitler habe vor dem Treffen mit Husseini die Juden „bloß“ loswerden wollen. Deren Vernichtung habe er indessen nicht beabsichtigt, sagte Netanjahu am Dienstag in Jerusalem.

US-Finanzhilfen für Israel und die Palästinensergebiete

USA - Palästinas wichtigste Geldquelle

Die USA gehören seit Jahren zu den wichtigsten Geldgebern der Palästinenser. Wegen der Gefahr, dass die Mittel in die Hände von Terroristen fallen, wird die Freigabe der Mittel streng geprüft. Israel wird jedes Jahr mit noch kräftigeren Finanzhilfen aus Washington unterstützt. Eine Übersicht:

Wie viel Geld fließt nach Gaza?

Seit 2008 betrugen die Finanzhilfen der USA für den Gazastreifen und das Westjordanland jedes Jahr durchschnittlich 400 Millionen Dollar. Im laufenden Haushaltsjahr stellte Washington 440 Millionen Dollar (330 Mio Euro) bereit. Das Geld fließt an die Hilfsorganisation USAID und als direkte Budgethilfe an die Palästinensische Autonomiebehörde.

Wer bekommt die Hilfe?

USAID nutzt ihren Anteil nach Angaben des US-Rechnungshofes, um die Palästinenser mit Trinkwasser zu versorgen und Krankenhäuser zu modernisieren. Außerdem werden damit Schulen gebaut oder renoviert und mit Material ausgestattet. Auch der Privatsektor wird unterstützt. 70 Millionen Dollar der Finanzhilfen sind nach Angaben des US-Außenministeriums für die Unterstützung palästinensischer Sicherheitskräfte und

Helfen die USA der Zivilbevölkerung?

Die USA sind zudem der größte Geldgeber für das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten UNRWA. Für das laufende Haushaltsjahr wurden 250 Millionen Dollar (187 Mio. Euro) bereitgestellt. Das Hilfswerk versorgt Flüchtlinge unter anderem mit Essen, Unterkünften und Medikamenten.

Wie unterstützen USA Israel?

Israel ist der größte Empfänger von US-Finanzhilfen seit dem Zweiten Weltkrieg. Fast das gesamte Geld dient der Unterstützung des Militärs. Dank der Hilfe der USA gehören die israelischen Streitkräfte zu den höchstentwickelten der Welt.

Wie viel Geld bekommt Israel?

Bisher haben die USA das Land mit 121 Milliarden Dollar (90,6 Mrd. Euro) unterstützt. Für das laufende Haushaltsjahr sind 3,1 Milliarden Dollar vorgesehen sowie 502 Millionen Dollar (376 Mio. Euro) für die israelische Raketenabwehr. Für das kommende Jahr soll diese Summe noch aufgestockt werden.

Warum bekommt Israel so viel Hilfe?

Dank einer breiten Unterstützung im Kongress genießt Israel beim Empfang dieser Mittel einmalige Vorteile. So wird das Geld seit Jahren bereits in den ersten 30 Tagen des in den USA am 1. Oktober beginnenden Haushaltsjahres zur Verfügung gestellt. Außerdem kann das Land einen bedeutenden Teil der Finanzhilfen - derzeit rund ein Viertel - zur Beschaffung von Waffensystemen und anderen militärischen Mitteln im Inland verwenden, was sonst unüblich ist.

Erst der Mufti habe Hitler auf die Idee gebracht, dass es am besten wäre, die Juden zu verbrennen, meinte Netanjahu sinngemäß. Wörtlich sagte er: „Hitler wollte zu jener Zeit die Juden nicht ausrotten, er wollte sie lediglich vertreiben.“ Da ging Husseini zu Hitler und sagte ihm: „Wenn Sie sie vertreiben, kommen alle hierher“ – damit meinte er nach Palästina. Darauf soll Hitler den Großmufti gefragt haben, was er mit den Juden denn machen solle. Der Gast ließ sich nicht zweimal bitten und soll – immer noch laut Netanjahu –, gesagt haben: „Verbrennen Sie sie!“

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Die Welle der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern dauert an: US-Außenminister Kerry unternimmt einen neuen Vermittlungsversuch und trifft in Berlin Israels Premier Netanjahu – doch der ist ziemlich aufgebracht.

Alle führenden Historiker, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen, haben Netanjahus Sicht des Treffens zwischen dem Palästinenser und dem Deutschen als Geschichtsfälschung abgetan. Die einen sprechen von einer „Lüge“, zum Beispiel Meir Litvak von der Universität Tel Aviv, andere meinen, Netanjahu „täusche sich in jedem Punkt“, so etwa Dina Porat, Chefhistorikerin der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vashem.

Damit schließe sich Netanjahu der langen Liste derjenigen an, die man als Holocaustleugner bezeichne, lässt sich der Spezialist für deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität, Moshe Zimmermann, zitieren. Israels prominentester Holocaustforscher, Yehuda Bauer, bezeichnete am Rundfunk das Narrativ, wonach Hitler vom Mufti inspiriert worden sein soll, gar als „vollkommen idiotisch“.

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