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05.07.2012

08:57 Uhr

Bericht zur Katastrophe

Fukushima war ein Desaster von Menschenhand

Der Unfall im Kraftwerk Fukushima war das Ergebnis von skandalösen Sicherheitsmängeln und Behördenfilz. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchungskommission. Trotzdem sind die ersten Reaktoren wieder angelaufen.

Medienvertreter und Tepco-Mitarbeiter vor einem der zerstörten Fukushima-Reaktoren. dapd

Medienvertreter und Tepco-Mitarbeiter vor einem der zerstörten Fukushima-Reaktoren.

TokioErstmals seit der Katastrophe in Fukushima vor gut 15 Monaten produziert Japan wieder Atomstrom. Der Reaktor 3 im Atomkraftwerk Oi begann um 7 Uhr Ortszeit wieder mit der Erzeugung von Strom, wie der Betreiberkonzern Kansai Electric am Donnerstag bekanntgab. In einem am selben Tag vorgelegten Bericht kommt eine Untersuchungskommission des japanischen Parlaments zu dem Schluss, dass die Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi vermeidbar gewesen wäre.

Die Katastrophe sei zwar vom Erdbeben und Tsunami am 11. März 2011 ausgelöst worden, heißt es in dem Bericht. Dennoch könne „der folgende Unfall im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi (...) nicht als ein Naturdesaster angesehen werden. Es war ein schwerwiegendes Desaster von Menschenhand“.

In dem AKW war es zu einer dreifachen Kernschmelze gekommen, über 100 000 Menschen können bis heute nicht in ihre Heimat zurück. Bis zum GAU in Fukushima deckten Atomkraftwerke in Japan rund 30 Prozent des Strombedarfs. Zuletzt waren alle 50 Meiler abgeschaltet.

Gegen die Entscheidung der Regierung, Atomreaktoren wieder hochzufahren, hatte es Anti-Atom-Demonstrationen gegeben, wie sie Japan bis dahin nicht gekannt hatte. Am Ende aber gaben die Provinzpolitiker ihren wochenlangen Widerstand gegen ein Anfahren der zu Sicherheitschecks abgeschalteten Reaktoren auf. Regierung und Atomlobby hatten mit Nachdruck vor Stromausfällen in der Industrieregion um Osaka mit Folgen für die Wirtschaft gewarnt.

Kurz vor dem Wiederanfahren des Reaktors 3 im AKW Oi gingen mehr als 150 000 Menschen in der Hauptstadt Tokio auf die Straße. Der Reaktor werde voraussichtlich ab kommenden Montag wieder mit voller Kapazität Strom erzeugen, hieß es. Das Wiederanfahren des Reaktors 3 wird den im Hochsommer bei Kansai Electric erwarteten Strommangel in der Region um die Industriestadt Osaka von 14,9 Prozent auf 9,2 Prozent verringern, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo. Reaktor 4 in dem AKW wird voraussichtlich am 18. Juli hochgefahren.

Die Behauptung des Betreiberkonzerns Tepco, der Tsunami und nicht das Erdbeben sei an dem Unfall in Fukushima schuld gewesen, wies die unabhängige Untersuchungskommission zurück. Der Unfall sei „vorhersehbar und vermeidbar“ gewesen. Die Katastrophe sei das Ergebnis der Kungeleien zwischen der Regierung, der Atomaufsicht und Tepco. Obwohl allen das Risiko bekanntgewesen sei und man gewusst habe, dass das AKW nicht den Sicherheitsanforderungen entspreche und einem solchen Erdbeben und Tsunami nicht standhalten konnte, sei nichts unternommen worden.

Schwere Vorwürfe erhob die Kommission zudem gegen Tepco: Der Betreiber habe seine Mitarbeiter weder ausreichend auf Unfälle vorbereitet und geschult, noch habe es ausreichend klare Anweisungen vor Ort zum Zeitpunkt der Katastrophe gegeben.

Die Situation habe sich danach auch deshalb weiter verschlimmert, weil das Krisensystem der Zentralregierung in Tokio und der betroffenen Behörden versagt habe, heißt es in dem Bericht weiter. Die jeweiligen Verantwortlichkeiten und Aufgaben seien unklar gewesen. Zudem hätten es die Aufsichtsbehörden jahrelang versäumt, geeignete Maßnahmen für solche Krisenfälle einzuführen, was zu dem Chaos bei der anschließenden Evakuierung der betroffenen Menschen beigetragen habe.

So seien viele Anwohner erst spät über den Unfall informiert worden, andere seien in Gebiete evakuiert worden, die stärker verstrahlt waren als ihre Heimatorte. „Die Zentralregierung war nicht nur langsam bei der Informierung der örtlichen Regierungen über den Unfall, sondern versäumte es auch, die Schwere des Unfalls zu vermitteln“, urteilte die Untersuchungskommission.

Von

dpa

Kommentare (12)

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Klimaterror

05.07.2012, 09:28 Uhr

Fuku war kein GAU. Der fand nur in der Presse statt. Bisher ist kein Mensch zu Schaden gekommen und wird auch vermutlich nicht in Zukunft. Die Zehntausende Opfer durch den Tsunami hat man schon vergessen, die Kernschmelze der Reaktoren werden die Presse noch jahrzehntelang beschäftigen.
Nach Inspektion werden die vorhandenen Kernkraftwerke nach und nach wieder ans Netz gebracht, weil es die sicherste, sauberste und preiswerteste Energiequelle ist.
Nur in dem Besserwisserland bei uns geht man in die vermeindlich richtige Richtung, die Verblödung der Massen zeigt Wirkung. Der Rest der Welt lacht sich schlapp wenn wir für die Abnahme unseres überschüssigen Ökostroms noch zahlen. Die Franzosen heizen mit Strom und machen damit Warmwasser, auch mit unseren Überschüssen. So können die Schwankungen im Netz sinnvoll genutzt werden, anstatt Windräder und Photovoltaik abzuschalten, die Investoren aber weiter zu bezahlen.
Ein Irrenhaus haben die Politiker aus unserem Land gemacht!

Account gelöscht!

05.07.2012, 09:41 Uhr

@Klimaterror
Ich stimme Ihnen grundsätzlich zu, nur der letzte Satz stimmt nicht.
Nicht die Politiker sind das Problem, sondern die Eigenheit der Deutschen, anscheinend auf jede Art von Propaganda leichter hereinzufallen als jede andere Nation der Erde, und darauf mit irrationalem und selbstzerstörerischem Verhalten zu reagieren (sei es wegen Atom, CO2-Wahn, Euro-Pleite-Union, usw.).
Der mündige Bürger scheint hier ein seltenes Exemplar zu sein.
Und die Konsequenzen tragen dann alle.

vandale

05.07.2012, 09:52 Uhr

Analog Klimaterror waren es Journalisten in einigen Ländern die aus einem teurem Industrieunfall analog der Bohrinsel Deep Water Horizon eine "Katastrophe" teils herbeiphantasiert haben.

Das der Unfall vorhersehbar war muss man leider bestätigen da es in der Gegend in den vergangenen 1000 Jahren mehrfach Tsunamis in gleicher Höhe gab. Dass der Betreiber sehr geringe Risikofürsorge getroffen hat, auch. Viele Einrichtungen die in anderen OECD Ländern üblich sind wie, Notstromdiesel an verschiedenen Orten, gefilterte Freisetzung des Dampfes im Fall eines Unfalls, Wasserstoffrekombinatoren, hat man sehr wahrscheinlich aus Kostengründen nicht installiert. Ein wesentlicher Punkt der von der jap. Kommission verschwiegen wurde ist der das 1 Tag Zeit für den Reaktor 1 blieb und 3 Tage bis zur Kernschmelze der Reaktoren 2 u. 3. Ein zügiges Handeln verbunden mit der Infrastruktur des Industrielandes Japan hätte mindestens die Kernschmelzen der letztgenannten Reaktoren verhindern können.

Die Aussage, dass das Erdbeben die Reaktorunfälle herbeigeführt hat ist schlicht falsch. Das Erdbeben hat die Anbindung an das Stromnetz zerstört. Die Schäden, Verlust der Steuer und Regeltechnik durch Ueberflutung, Wegschwemmen der Notstromdiesel und der Dieseltanks, Ueberflutung der Turbinenhalle, Zerstörung der Frischwasserentnahmestelle, wurden durch den Tsunami ausgelöst.

Vandale

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