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20.09.2011

22:42 Uhr

Bestseller-Autor

Rifkin sieht Deutschland als Vorbild für die grüne Revolution

VonThomas Hanke

Bestseller-Autor und Regierungsberater Jeremy Rifkin wirbt in Bonn für seine Vision einer neuen Nachhaltigkeit. Deutschland könne in der "dritten industriellen Revolution" zum Modell für andere Länder werden.

Präsident Obama ist die ökologische Wende in der US-Wirtschaft bisher nicht gelungen. Reuters

Präsident Obama ist die ökologische Wende in der US-Wirtschaft bisher nicht gelungen.

Eigentlich hätte es eine staubtrockene Diskussion werden müssen: Nachhaltiges Wirtschaften im 21. Jahrhundert, dazu hatte die CDU am Dienstag Abend ins Adenauer-Haus geladen. Nicht mehr Bäume abholzen als man pflanzt und so, wir kennen es. Doch am Ende wurde daraus eine spannende Debatte darüber, welche Länder im internationalen Wettbewerb bestehen werden und welche Strategien sie dafür verfolgen müssen. Zu verdanken war das vor allem einem Teilnehmer: dem Amerikaner Jeremy Rifkin, Gründer der Foundation on Economic Trends, multipler Berater und Beststeller-Autor.  Deutschland könne führend an einem neuen wirtschaftlichen Paradigma mitwirken, sagte er mehr an die Adresse der aufmerksam zuhörenden Bundeskanzlerin als an die der zahlreichen Zuhörer. Obama habe die Chance dazu gehabt, aber sie verspielt.

Merkel eröffnet den Abend, der auch zu einer Lehrstunde über die Unterschiede zwischen amerikanischer und deutscher Kommunikation wurde, mit einer guten, knappen Einführung in das Thema Nachhaltigkeit. Aufgebaut, wie Reden in Deutschland halt aufgebaut sind: Erstens, zweitens, drittens. Finanzielle Nachhaltigkeit, ökologische, soziale. Unterpunkt eins, zwei, drei.

Dann Rifkin: "Wir sind 6,8 Milliarden Menschen, unsere durch Öl und Kohlenstoff geprägte Zivilisation liegt auf der Intensivstation - sind wir dazu in der Lage, eine neue Vision zu entwickeln?" Was er über die "Third Industrial Revolution" sagt kennen wir in allen Details: Erneuerbare Energien, smart grids, Gebäude, die Energie erzeugen statt zu verbrauchen, Speicherung von Energie und neue Mobilität. Aber wir verniedlichen es als "Energiewende".

Bei Rifkin wird daraus eine neue Art zu produzieren, zusammenzuarbeiten, Kontinente wie den europäischen durch eine gemeinsames Energienetz zu verbinden, Unternehmen durch die Steuerung des des Energieflusses Gewinne machen zu lassen statt durch den Verkauf von Strom,  und die Prinzipien des Internets - verteilt, kooperativ, horizontal statt top-down - auf die der Energiewirtschaft zu übertragen. Umweltminister Norbert Röttgen, der gemeinsam mit der Wirtschaftsweisen Beatrice Weder di Mauro mitdiskutierte,  lauschte teils mit einem so glücklichen Lächeln als wollte er sagen: So schön möchte ich das auch mal ausmalen. Selbstironisch warf er ein: "So überzeugt wie Jeremy Rifkin diskutieren wir in unseren Gremien auch immer über die Energiewende!"

Rezension Jeremy Rifkin: Wie die Wirtschaft 2050 funktionieren sollte

Rezension Jeremy Rifkin

Wie die Wirtschaft 2050 funktionieren sollte

Jeremy Rifkin ist einer der bekanntesten und streitbarsten Ökonomen. Nach seinem Welterfolg "Die empathische Zivilisation" steht ab heute sein neuestes Werk in den deutschen Buchläden. So wird Kapitalismus 2050 aussehen.

Ganz am Ende stellte Moderatorin Ursula Weidenfeld eine Frage, die zum Knackpunkt des Abends führte: Was machen eigentlich die USA? Rifkin Antwort war kurz und vernichtend: Barack Obama habe seine Chance gehabt und ehrlich beabsichtigt, eine grüne Wirtschaft aufzubauen. Doch er habe die einzelnen Bestandteile nicht verbunden, hier Subventionen für Solarenergie vergeben und da für neue Speichertechniken: "Er hatte einen Einkaufszettel, aber kein überzeugendes Narrativ."

Deutschland dagegen könne den energetisch-wirtschaftlichen Umbau als Modell vorführen, weil es dezentral aufgebaut sei ("Das haben Sie mir mal gesagt, Frau Merkel, als Sie mir erklärt haben, dass ich die deutsche Geschichte nicht kenne", stichelte er freundlich) und an allen fünf Bestandteilen der "Revolution" - siehe oben! - gleichzeitig arbeite. "Wenn sie das nicht schaffen, versenken Sie nur Geld. Und Sie brauchen das überzeugende Narrativ." Nach der Diskussion stand er noch lange mit der Kanzlerin zusammen, bei Wein, Saft und Fingerfood, und diskutierte mit ihr über seine Erfahrungen aus anderen Ländern. Das Narrativ, die Erzählung, die eine Gesellschaft überzeugt und ihr Orientierung gibt  - ob eine deutsche Regierung das irgendwann hinbekommen wird? Oder ob es ewig bei Reden aus Spiegelstrichen bleibt?

Jeremy Rifkin wörtlich

Klimawandel ignoriert

Wir sind Schlafwandler. Trotz der sich häufenden Beweise dafür, dass dieses auf fossilen Brennstoffen aufgebaute Industriezeitalter im Sterben liegt und die Erde vor einem potenziell destabilisierenden Klimawandel steht, weigert sich die Menschheit weithin, die Realität ihrer Situation anzuerkennen.

Visionen gehen im Alltag unter

Ich habe dieses Phänomen bei meinem Umgang mit Staatsoberhäuptern immer wieder erlebt. Sie treten ihr Amt mit dem Feuer ehrgeiziger Zukunftsvisionen an, um dann beim tagtäglichen Löschen kleiner Feuerchen unterzugehen.

Kein ökonomisches Gesamtkonzept

Wir bekommen eine Sammlung von Pilotprojekten und isolierten Programmen serviert, die nicht genügend miteinander zu tun haben , um die Geschichte einer neuen ökonomischen Vision für die Zukunft zu erzählen. Wir stehen mit einer Menge aussichtsloser Initiativen da, Milliarden von Steuergeldern sind verschleudert, und nichts kommt dabei raus.

Grüne, dezentrale Energienutzung

Im 21. Jahrhundert werden Hunderte von Millionen Menschen ihre eigene grüne Energie erzeugen - in ihren Häusern, in Büros, in Fabriken - und diese mit anderen über intelligente dezentrale Stromnetze - „Internetze“ - teilen, so wie die Menschen heute ihre eigenen Informationen erstellen und über das Internet mit anderen teilen.

Gefahr des totalen Aussterbens

Die Geschichte ist gespickt mit Beispielen großer Kulturen, die untergegangen [...] sind, von Zukunftsvisionen, die nie das Licht der Welt erblickt haben. Diesmal jedoch [...] steht mehr auf dem Spiel. Nie zuvor sah sich die Menschheit mit der realen Möglichkeit ihres totalen Aussterbens konfrontiert; das gibt es erst seit einem halben Jahrhundert.

Gigantismus prägt Wirtschaft und Handel

Während viele Ökonomen und praktisch alle Politiker das ganze letzte Jahrhundert über nicht müde wurden, die Tugenden des Kleinunternehmers zu loben, sah die Entwicklung in der wirklichen Welt von Wirtschaft und Handel ganz anders aus. Das Ölzeitalter ist von Anfang an von Gigantismus und Zentralisierung geprägt.

Zusammenarbeit statt Egoismus

Das kollaborative Wesen der neuen Wirtschaft steht im fundamentalen Widerspruch zur klassischen Wirtschaftslehre, laut der das Eigeninteresse des Individuums auf dem Marktplatz der einzig effektive Weg zu wirtschaftlichem Wachstum sei.

Absage an die Deregulierung

Wir sind [...] als Nation dem Untergang geweiht, wenn wir nicht von der irrigen Auffassung abrücken, die Märkte dienten der Gesellschaft am besten, wenn der Staat sie in Ruhe lässt, während wir uns von Branchenverbänden Gesetze diktieren lassen, von denen diese auf Kosten der übrigen Gesellschaft profitieren.

Der Tod rechter und linker Ideologien

Die Ideologien verschwinden. Junge Leute haben heute kaum mehr Interesse daran, die Feinheiten kapitalistischer, sozialistischer oder geopolitischer Theorie zu diskutieren. [...] Diese Generation [...] teilt die Welt eher auf in Menschen und Institutionen, die hierarchisch, geschlossen und proprietär denken, und solche, die lateral, transparent und offen denken.

Energielobby regiert Washington

Die großen Energieunternehmen können mit Fug und Recht behaupten, Washingtons mächtigste Lobby zu haben: ein Heer von über 600 registrierten Lobbyisten, eine Kraft, so einflussreich, dass sie dem Land, wenigstens bis jetzt, seine energiepolitischen „Möglichkeiten“ diktieren konnte.

Bruttoinlandskosten statt Bruttoinlandsprodukt

[...] letzten Endes entnimmt jede Zivilisation ihrer Umwelt mehr, als sie je produzieren kann, und lässt die Erde entsprechend ärmer zurück. So gesehen sollten wir statt von einem Bruttoinlandsprodukt besser von Bruttoinlandskosten sprechen, da durch den Verbrauch von Ressourcen immer ein Teil davon künftig nicht mehr verfügbar sein wird.

Beschleunigung kostet Energie

Unser besessenes Bestreben nach Produktions- und Liefertempo hat seinen Preis - wir bezahlen es mit zusätzlichem Energieaufwand. Und höherer Energieaufwand bedeutet mehr verschwendete Energie und die Zunahme der Entropie in der Umwelt.

Kommentare (16)

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Rainer_J

20.09.2011, 23:33 Uhr

Bloß stehen wir mit unserer Nachhaltigkeit alleine da und dürfen das, was wir nachhaltig mit viel Diziplin erwirtschaftet haben, an faule PIGS abgeben. Nachhaltigkeit bringt in einer EUdSSR-Diktatur gar nichts!

Account gelöscht!

20.09.2011, 23:40 Uhr

Ja, klar, die Deutschen sind so doof und werden sich dann vor ihren Solaranlagen und Windgeneratoren regelmäßig einen "runterholen", weil es die Kanzlerin so will und es "in" ist, geschlossen bei der 3. industriellen Revolution mitzumachen - das tut ja sooooooooooo gut und AIDS kann mann und frau dabei auch nihct bekommen... Danke Frau Vorsitzende, wir nähern uns der von Ihnen gewünschten Neuen Weltordnung, jeden Tag ein bisschen mehr... E10 haben wir ja schon und wenn wir dann im Winter frieren, wenn kein Lüftchen weht und der Schnell meterdick auf den Dächern liegt und es so schön trüb ist udn weil die Energie nicht so ganz für 60% reicht, gedenken wir unserer großartigen Führerin, dann wird es uns auch gleich schön warm ums Herz. Außerdem bieten uns unsere französischen Freunde dann zur Sicherheit Atomstrom an, natürlich zu fetten Preisen auf der Stromrechnung, schadet ja auch nichts, die Steuern müssen ja auch irgendwie aufgebracht werden... Gute Nacht, Deutschland, leiste Dir mal neue Schlafmützen und EUROnol, das Mittel gegen alle Beschwerden unserer Zeit...

Profit

21.09.2011, 00:15 Uhr

Das Thema ist spannend. Ob die energetische Revolution gelingt? Vielleicht. Ansätze sind da. Kritik und Realismus müssen sein. Aber starten muß man zumindest. Allerdings war der Anfang ökonomisch sehr bescheiden: Deutscher Atomstrom wurde durch französischen und tschechischen ersetzt, auf niedrigerem Sicherheitsniveau. Von Passau 50 Km entfernt liegt Temelin. Ein Katastrophen-KKW. Und das soll bayerische Anlagen ersetzen? Und kein Grüner beschwert sich! Und Seehofer kapiert eh nix. Das ist wirklich ein schlechter Witz.

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