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21.05.2015

15:57 Uhr

Bewerbungsbogen von Al-Qaida

„Wen sollen wir kontaktieren, wenn Sie zum Märtyrer werden?“

Hobbys, Korankenntnisse, militärisches Knowhow – und die Ziele als angehender Dschihadist: Das fragte Al-Qaida in einem Bewerbungsformular für potenzielle Unterstützer. Die Adressaten kamen vor allem aus Europa.

So war der Fragebogen – ins Englische übersetzt – strukturiert. Er ist Teil der 103 Dokumenten und Videos, die in Bin Ladens Anwesen in Pakistan gefunden wurden. ap

„Bewerbungsformular“ für mögliche Märtyrer

So war der Fragebogen – ins Englische übersetzt – strukturiert. Er ist Teil der 103 Dokumenten und Videos, die in Bin Ladens Anwesen in Pakistan gefunden wurden.

Washington/DüsseldorfErst die Belehrung, dann die Bürokratie: In den 103 Dokumenten und Videos aus Osama Bin Ladens „Bücherregal“ stand auch ein Bewerbungsformular für Al-Qaida. Vier Jahre nach der Tötung des Chefs der Terrororganisation, die für die Anschläge von 11. September in New York verantwortlich ist, sind die Unterlagen nun freigegeben worden. Die US-Geheimdienste veröffentlichten die Schriftstücke in englischer Sprache. Sie waren bei der Razzia auf das pakistanische Anwesen des Terrorführers 2011 sichergestellt worden.

Manche der Fragen für die angehenden Kämpfer, Propagandisten oder Organisatoren im Namen des Dschihad ähneln einer regulären Stellenausschreibung: Vor dem Eintritt ins Terrornetzwerk mussten Bewerber zunächst eine Reihe von Angaben über sich selbst und ihre Hobbys machen – und zu ihren Ambitionen als Terrorist.

So viel kostet ein Terroranschlag

Die exakten Kosten...

... ... für Anschläge von Terrororganisationen sind schwierig zu bestimmen, wurden jedoch gerade als Folge von 9/11 von den Ermittlungsbehörden taxiert.

500.000 US-Dollar...

... haben demnach die Anschläge vom 11. September gekostet. Es ist die höchste Summe, die soweit bekannt, jemals für einen Terrorangriff ausgegeben wurde. Bereitgestellt wurde das Geld durch Überweisungen.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung...

... aus Sicht der Islamisten ist dabei gerade nach 9/11 perfekt aufgegangen. Den 500.000 investierten Dollars stehen direkte Kosten des Sachschadens 15,5 Milliarden US-Dollar gegenüber plus weitere Milliarden Belastungen der Haushalte durch den „Kampf gegen den Terror“ und gesamtwirtschaftliche Kosten, etwa für Fluglinien und Versicherungen.

Die Bombenanschläge auf Bali...

... mit mehr als 200 Todesopfern im Oktober 2002 kosteten die Terroristen deutlich weniger. So wird die Summe, die dafür aufgewendet wurde, mit 50.000 Dollar taxiert.

Die Anschläge von Madrid...

... vom 11. März 2004 auf Nahverkehrszüge, bei denen 192 Menschen starben, werden mit maximal 15.000 Dollar angegeben.

Extrem niedrige Kosten...

... für die Islamisten verursachten die Anschläge auf die U-Bahn in London im Juli 2005 mit mehr als 30 Toten zur Rushhour am 7. Juli 2005. Die vier Bomben, vier Rucksäcke, Handys und Zugtickets kosteten die Terroristen höchstens 2000 Dollar.

Diese Mikrofinanzierung...

... des Terrors macht es so schwierig, die Finanzströme mit den üblichen Kontrollen aufzudecken und zu stoppen. Das zentrale Mittel dieser Organisationen sind die selbstmordbereiten Attentäter, für deren individuellen und kollektiven Deradikalisierung aus Sicht von Experten zu wenig getan wird.

Quelle

German Institute of Global and Area Studies/Konrad-Adenauer-Stiftung/eigene Recherche

Angehende Terroristen mussten etwa Auskunft über ihren Gesundheitszustand geben („Haben Sie eine chronische oder erbliche Erkrankung?“) und ihren persönlichen Hintergrund („Haben Sie Hobbys oder Beschäftigungen?“ und „Was ist Ihr Lieblingsstoff: Wissenschaft oder Literatur?“). Die Terrororganisation wollte außerdem wissen, welche Sprachen der Bewerber spricht, welche Länder er bereist und ob er Freunde und Familie hat, die schon in westliche Länder gereist sind.

Wichtig war für Al-Qaida auch, abzuklopfen, welche Potentiale und Risiken ein Bewerber mitbringt: „Sind Sie jemals wegen eines Verbrechens von einem Gericht verurteilt worden? Wann und für welches Vergehen?“ lautet etwa ein Fragenkomplex. Auch nach militärischen Kenntnissen wurde gefragt.

Bibliothek des Terrors: Bin Ladens kleine Deutschlandfibel

Bibliothek des Terrors

Bin Ladens kleine Deutschlandfibel

Die deutsche Wirtschaft hat einen erstklassigen Ruf – sogar bei Al-Kaida, wie ein Dokument aus der Hausbibliothek von Osama bin Laden zeigt. Er zeigte sich von deren Erfolgen fasziniert, vor allem von der Autoindustrie.

Ebenfalls die Ziele des Al-Qaida-Anwärters versuchte die Organisation so genau wie möglich zu erfassen mit Fragen wie „Welche Ziele würden Sie gerne auf Ihrem Dschihad-Pfad erreichen? Wollen sie eine Selbstmordoperation ausführen?“ und „Wie denken Sie und ihre Familie über den Dschihad?“

Und für die Terror-Bürokratie folgten noch Fragen wie nach dem „Ankunftsdatum im Land des Dschihad“ sowie etwa nach Herkunft und Alter. Das Dokument endet mit der Frage: „Wen sollen wir kontaktieren, falls Sie zu einem Märtyrer werden?“ Im Anschluss ein Feld für die Angaben von Adresse und Telefonnummer der Angehörigen. Bewerber wurden in dem Dokument außerdem gebeten, „deutlich und leserlich“ zu schreiben.

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