Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

25.12.2011

12:22 Uhr

Bildungspleite

Amerikas Studenten stehen vor dem kollektiven Bankrott

VonCharlotte Potts

Schon jetzt stecken die US-Studenten tiefer in den roten Zahlen als alle Kreditkarteninhaber des Landes zusammen. Anbieter von Studienkrediten profitieren. Droht nach der Immobilien- nun die Bildungsblase zu platzen?

Als weltweit renommierte Universität ist Georgetown ein teures Pflaster.

Als weltweit renommierte Universität ist Georgetown ein teures Pflaster.

WashingtonEs sind noch eineinhalb Jahre, drei Semester: Dann wird Brian Hurd eines der begehrten Abschlusszeugnisse der Eliteuniversität Georgetown in den Händen halten – und eine höfliche Aufforderung von Amerikas größtem Studienkreditgeber Sallie Mae doch bitte seine 124.256 Dollar Schulden plus Zinsen möglichst bald zurückzuzahlen. Gleich drei verschiedene Kredite hat Hurd aufgenommen, um Studium und Leben in der US-Hauptstadt Washington D.C. finanzieren zu können. Der höchste Zinssatz beträgt acht Prozent. „Natürlich hängen meine Studienkredite immer wie ein Damoklesschwert über mir. Das erhöht den Druck“, sagt der 27-Jährige auf dem Weg in die Bibliothek. „Ich bin nicht die Ausnahme. Fast jeder hier auf dem Campus ist bis über beide Ohren verschuldet.“

Bis Ende dieses Jahres, so verkünden Wirtschaftsexperten der New Yorker Notenbank, werden die Schulden aus Studienkrediten die Schwelle von einer Billionen Dollar überschreiten. Schon jetzt haben amerikanische Studenten mehr Schulden als alle Kreditkarteninhaber ihres Landes zusammen. Laut US-Bildungsministerium verlassen zwei von drei US-Absolventen ihre Universität mit Schulden – von durchschnittlich 24.000 Dollar.

Kreditgeber: Wer profitiert von Studentendarlehen?

Sallie Mae

Die SLM Corporation, besser bekannt als Sallie Mae, ist in den USA der größte Anbieter von Studienkrediten. 1972 wurde die Student Loan Marketing Association als staatlich gefördertes Unternehmen gegründet und 2004 dann endgültig privatisiert. Sallie Mae wurde in der letzten Zeit vermehrt vorgeworfen „Subprime“ Darlehen vorzugsweise an Kreditnehmer von Berufsschulen zu vergeben, da diese relativ geringe Abschlussquoten haben. So weisen die Darlehen – wie bereits während der Hypothekenkrise – ein erhöhtes Risiko auf. Allein im 3. Quartal dieses Jahres hat Sallie Mae 550.000 Dollar in Lobbyarbeit investiert, um bei US-Politikern gegen eine Reform der Studienkredite zu werben.

Wells Fargo

Nach der Übernahme von Wachovia durch Wells Fargo wurde das Finanzdienstleistungsunternehmen 2008 zum zweitgrößten Kreditgeber für Studiendarlehen in den USA. Wells Fargo landete im letzten Jahr mit einem Gewinn von 12,35 Milliarden Dollar auf Platz 23 der Fortune 500. Die Bank bietet seit kurzem Studentendarlehen mit einem fixen Zinssatz an. Dieser kann jedoch – vor allem bei einkommensschwachen Studenten – bis zu 14 Prozent betragen. 

Discover

Discover Financial Services ist die der drittgrößte Anbieter von Studentendarlehen in den USA und bekannt für die Kreditkarte Discovery Card. Laut dem kanadischen Wirtschaftsmagazin hatte der Finanzdienstleister bis zum Sommer diesen Jahres 4,57 Milliarden Dollar in Krediten an Studenten vergeben. Harit Talwar, der Vizepräsident der Abteilung für Kreditkarten äußerte sich vergangenen Mai zu Studienkrediten: „Wir mögen diesen Geschäftszweig. Die Studiengebühren steigen momentan schneller als die Einkommen. Immer mehr Studenten benötigen eine gute Finanzierung.“

NelNet

NelNet stieg erst im September 2009 in die Vergabe von Studienkrediten ein. Zwei Jahre später, im September 2011, hatte NelNet bereits 44,6 Milliarden Dollar in Krediten an über drei Millionen Studenten ausgegeben. Der Finanzdienstleister steht unter Vertrag mit dem US-Bildungsministerium und vergibt die Studienkredite in deren Auftrag: Je mehr Studienkredite vergeben werden, desto schneller steigen die vermögensabhängigen Erträge von NelNet.

JPMorgan Chase

JPMorgan Chase stieg 2011 zur größten US-Bank (gemessen an Vermögensgröße) auf und überholte damit die angeschlagene Bank of America. Studienkredite werden durch „Chase Student Loans“ vergeben. In der Vergangenheit wurde Chase einiger zwielichtiger Praktiken bei der Kreditvergabe beschuldigt: So schmiss Chase laut Medienberichten unter anderem luxuriöse Partys für Universitätsangestellte – wie zum Beispiel eine 70.000 Dollar teure Hafenrundfahrt in New York City.

„Hinter diesen Zahlen lauern eine ganze Reihe von konkreten Problemen“, sagt Tim Ranzetta, der Gründer eines unabhängigen Beratungsunternehmens für Studienkredite. Da immer mehr Studenten nach dem Abschluss keinen Job finden, kann inzwischen jeder dritte seine Kredite nicht mehr abbezahlen.

Studenten werden so zu schlechten Schuldner, mit dramatischen Folgen: Sie können keinen Wohnungen anmieten, keine Kreditkarten beantragen und oft auch keinen neuen Job finden – denn für all das braucht man in den USA eine gute „credit history“. „Unsere Mission ist es daher, Studenten bereits früh über die Konsequenzen ihrer finanziellen Entscheidungen aufzuklären“, erklärt Ranzetta.

Inzwischen hat sich Unmut über die hohen Studiengebühren und das undurchsichtige Studienkreditsystem unter jungen Erwachsenen und in den Medien verbreitet. Mitglieder der Protestbewegung Occupy forderten einen US-weiten Rückzahlungsstreik. Ein Collegeabsolvent ließ sogar seine Rechnungen unter dem Jubel von Studenten vor laufenden Fernsehkameras in Flammen aufgehen.

Kommentare (14)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

25.12.2011, 13:00 Uhr

Richtig so, dieses System hat es nicht anders verdient. Ich lasse mir meine Studiengebühren auch von der KfW- Bank zahlen, mit der Absicht, die Gebühren nie zurückzuzahlen. Werde eine eigene persönliche Bad Bank gründen. :D

In diesen Zeiten ist es beinahe eh egal, wer wieviel Schulden macht. Von mir soll es ein kleines Zeichen des zivilen Ungehorsams sein! Bald werden sowieso weltweit alle Schulden neu geordnet werden, so dass die Schuldner als Gewinner dastehen werden! Die Dummen sind aktuell die ehrlichen Sparer! Diese werden durch die Inflation enteignet, während alle anderen Nutznießer sind!

Ich habe verstanden, dass Geld nur entsteht, wenn ein Kredit aufgenommen werden und dass Banken keinerlei Geld haben, sondern dieses aus dem NICHTS generieren. Dies lässt mich jeglichen Respelt vor diesem System verlieren!

Allen schöne Feiertage und ein baldiges Systemende, welches ein gerechteres System hervorruft!

Steuer

25.12.2011, 14:58 Uhr

bis in die 1970er Jahre hinein, war das Studium in den USA kostenfrei - danach waren es geringe Gebühren - erst in den 1990er Jahren begannen die Gebühren förmlich zu explodieren.

Bis in den 1970er Jahren waren die Steuern in den USA hoch - Bildung wurde mit aus den Steuern bezahlt.

erst durch Regean kam es zu den Steuersenkungen, die nie wieder zurückgenommen wurden.

die meisten Studiengebührensysteme sind übrigens nachgelagerte Einkommenssteuern - also sowas wie zweckgebundene Bildungsausgaben, die über die Einkommenssteuer eingezogen werden.

in DE hat man die Steuern abgesenkt -- man hätte hier die Einkommenssteuern hoch lassen müssen, denn sie ersetzen die Studiengebühren - so zahlt man in DE momentan relativ niedruge Steuern und meistens keine Studiengebühren und nennt das gerecht, während gleichzeitig die Bildung absolut unterfinanziert ist.

wäre es nicht sinnvoller einen Bildungssoli als Einkommenssteuer aufzuerlegen wie die meisten Länder - es ist egal, ob man das Studiengebühren oder Einkommenssteuer nennt. Fakt ist, dass bei den meisten Ländervergleichen bestimmte Personen in der Bevölkerung immer nur auf die niedrigeren Steuersätze anderswo verweisen, dabei aber diese Studiengebühren unterschlagen, die als große Bildungsausgaben eben vom Gehalt eigentlich abgezogen werden müssen - zumindest wenn man vor Ort seine Kinder selber ausbilden will.

im Endeffekt muss man sich für ein System entscheiden: nachgelagerte Studiengebühren oder höhere Einkommenssteuern.

heinrich

25.12.2011, 16:01 Uhr

@Silvercoin82:
Bravo, Sie haben´s kapiert !
Bei anderen dauert´s noch.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×