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29.05.2015

07:54 Uhr

Blatter vor Wiederwahl trotz Fifa-Skandal

Er taumelt – aber er fällt wohl nicht

Die Uefa und die Verbände der USA, Kanadas und Australiens lassen ihn fallen, Politiker fordern seinen Rücktritt: Doch Joseph Blatter wird wohl Fifa-Boss bleiben und kündigt neben dem Skandal „schlechte Nachrichten“ an.

Fifa-Präsident Sepp Blatter nach seiner Rede zur Eröffnung des Fifa-Kongresses in Zürich. Reuters

Fifa-Präsident Blatter

Fifa-Präsident Sepp Blatter nach seiner Rede zur Eröffnung des Fifa-Kongresses in Zürich.

Berlin/ZürichTrotz des größten Skandals in der Fifa-Geschichte darf Joseph Blatter mit der Wiederwahl als Präsident des Fußball-Weltverbands rechnen. Beim Kongress in Zürich am Freitag wäre alles andere als die Kür des 79 Jahre alten Schweizers in der Abstimmung gegen seinen Herausforderer Prinz Ali bin al-Hussein aus Jordanien eine Sensation. Die Abstimmung über eine mögliche fünfte Amtszeit Blatters steht als 17. Punkt auf der Agenda des Treffens (9.30 Uhr) der 209 Fifa-Mitgliedsverbände und wird nicht vor 17 Uhr erwartet.

Doch der Gegenwind wird rauer: Die Verbände der USA, Kanadas und Australiens schlugen sich auf die Seite von Blatters Herausforderer Prinz Ali bin Al Hussein aus Jordanien. „Der US-Verband wird für Prinz Ali stimmen“, twitterte Sunil Gulati, Präsident des amerikanischen Fußballverbandes USSF, kurz vor der Wahl am Freitag.

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Amerikas Justiz bringt das Weltfußball-System von Fifa-Chef Joseph Blatter ins Wanken. Das ist kein Einzelfall: Der Zugriff der Behörden kennt keine Grenzen. Selbst die neutrale Schweiz beugt sich ihrem Willen.

„Ich denke, wir werden eine wesentlich knappere Wahl erleben, als die Leute vor einigen Wochen vorausgesagt haben“, meinte Gulati im Gespräch mit Journalisten.Beobachtern zufolge könnten mit diesem Schritt die Chancen der USA auf die erhoffte Ausrichtung einer weiteren WM sinken.

Auch der kanadische Verband CSA wandte sich von Blatter ab. „Wir haben uns nach einem Treffen für eine Wahl von Prinz Ali entschieden, da wir die derzeitige Führung der Fifa nicht unterstützen können", teilte CSA-Chef Victor Montagliani mit.

Fifa: Skandale unter Blatter

Präsidentschaftswahl 1998

Der damalige FIFA-Generalsekretär Joseph Blatter gewinnt die Präsidentschaftswahl gegen UEFA-Präsident Lennart Johansson kurz vor WM-Beginn in Frankreich. Bis heute stehen Vorwürfe über angebliche Zahlungen von je 50.000 Dollar an afrikanische Delegierte in einem Pariser Hotel im Raum, die Blatter beharrlich zurückweist.

ISL-Skandal (1)

Blatters Präsidentschafts-Vorgänger Joao Havelange und dessen ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixera kassierten Millionen Schmiergeld für WM-Marketing-Deals mit dem später Pleite gegangenen Vermarkter ISL.

ISL-Skandal (2)

Blatter wurde von allen Verdächtigungen freigesprochen, obwohl er 1997 als Generalsekretär eine Zahlung an Havelange von 1,5 Millionen Schweizer Franken persönlich zurücküberwiesen und somit offenbar zumindest Kenntnis vom System hatte.

WM-Vergabe 2018 und 2022 (1)

Schon vor der Doppel-Vergabe an Russland und Katar wurden zwei FIFA-Exekutivmitglieder wegen nachgewiesener Bestechlichkeit suspendiert. Die Vorwürfe gegen die beiden künftigen Gastgeber wurden schließlich aufwändig von der FIFA untersucht, aber von den Ethikhütern ohne maßgebliche Ergebnisse eingestellt.

WM-Vergabe (2)

Der Generalverdacht wurde aber nie entkräftet. Vom damaligen Exekutivkomitee sind künftig wohl nur noch acht von damals 22 Mitgliedern in dem mächtigen Gremium.

Präsidentschaftswahl 2011 (1)

Lange schien es, als könne der Katarer Mohamed bin Hammam Blatter bei der Wahl 2011 tatsächlich gefährlich werden. Dann stolperte der Funktionär kurz vor der Abstimmung über konkrete Bestechungsvorwürfe aus der Karibik. Die 35 Stimmen aus der CONCACAF-Zone galten als entscheidend.

Präsidentschaftswahl 2011 (2)

Blatter hatte den Verbänden eine Million Dollar als offizielle FIFA-Zuwendung versprochen. Bin Hammam versuchte es inoffiziell mit 40.000 Dollar pro Verband – und flog auf, weil ihn andere mittlerweile der Korruption überführte Funktionäre anschwärzten.

WM-Tickets (1)

Der Umgang mit von Millionen Fans begehrten WM-Tickets im Exekutivkomitee war schon häufig lax. Jack Warner trieb es 2006 auf die Spitze, als er die Vermarktung in seinem für das Turnier in Deutschland qualifizierten Heimatland Trinidad und Tobago übernahm. Sein Familienunternehmen strich angeblich 900 000 Dollar Provisionen ein.

WM-Tickets (2)

Die FIFA-Untersuchungen konnte keine Verdachtsmomente gegen Warner, sondern nur gegen dessen Sohn ergeben. Warner senior kam mit einer Verwarnung davon. Warners Exko-Kollege Ismail Bhamjee aus Botswana wurde 2006 überführt, zwölf WM-Karten auf dem Schwarzmarkt verkauft zu haben.

WM-Tickets (3)

2014 in Brasilien gab es Berichte über vermutlich illegal veräußerte WM-Karten aus dem Besitz des mittlerweile verstorbenen argentinischen Topfunktionärs Julio Grondona.

Sperre

2015: Am 21. Dezember spricht die rechtsprechende Kammer ihr finales Urteil: Blatter und Platini werden für jeweils acht Jahre gesperrt. Zum Verhängnis wurden ihnen die dubiose Zahlung von 1,8 Millionen Euro, die Platini im Jahr 2011 von Blatter (79) angeblich für lange zurückliegende Beratertätigkeiten (von 1998 bis 2002) erhalten hatte.

Noch überraschender kam das Umdenken aus Australien, wo sich der langjährige Blatter-Unterstützer Frank Lowy für einen Neuanfang aussprach. „Wir glauben, dass die Fifa so schnell wie möglich einen Wechsel braucht", wird der Verbands-Boss in einer offiziellen Mitteilung zitiert. Damit geht Australien in Opposition zu einem Großteil des asiatischen Kontinentalverbandes, der an Blatter festhält.

Blatter gilt dennoch aufgrund der Unterstützung aus Afrika und Asien weiter als klarer Favorit. Im ersten Wahlgang ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit unter den 209 stimmberechtigten Verbänden erforderlich, im zweiten eine Mehrheit von mehr als 50 Prozent.

Die Europäische Fußball-Union Uefa hatte am Donnerstag kurz vor der Kongresseröffnung einen zuvor erwogenen Boykott verworfen. Die meisten der insgesamt 53 Uefa-Delegierten wollen ihre Stimme für Al-Hussein abgeben, darunter auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Da zuletzt allerdings die Vertreter Afrikas (54) sowie die asiatische Konföderation (46) ihre Unterstützung für Blatter bekräftigt hatten und auch Ozeanien (11) wohl ebenfalls zu dessen Lager gehört, dürfte der Schweizer mehr als die nötigen 105 Stimmen auf sich versammeln.

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Im Zuge von US-Ermittlungen waren am Mittwoch sieben ranghohe Fifa-Funktionäre von der Schweizer Polizei festgenommen worden, unter ihnen zwei Stellvertreter Blatters. Die Schweizer Bundesanwaltschaft ermittelt zudem wegen Unregelmäßigkeiten bei den WM-Vergaben an Russland für das Jahr 2018 und Katar für 2022.

Kommentare (11)

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Herr Manfred Carter

29.05.2015, 08:23 Uhr

Dass der ganze Verein durch und durch korrupt ist, wissen wir doch seit Jahren. Möglicherweise gab es auch "Ungereimtheiten" bei der letzten WM-Vergabe an Deutschland. Passiert ist nichts. Dass jetzt ausgerechnet von der US-Justiz das ganze Theater so aufgeführt wird, hat nur den Grund, aus politischen Gründen Russland nachträglich die WM wegzunehmen.

Herr Manfred Zimmer

29.05.2015, 08:26 Uhr

Irgendwie erinnert Blatter an Schäuble.

Herr Jürgen Dannenberg

29.05.2015, 08:26 Uhr

Das fällt ihn ja reichlich spät ein. den Maas. Aber er könnte sich an einer anderen Lichtgestalt des Fußballsport versuchen. Ich bin mir sicher, er wird da "schwer" fündig.
Immerhin hat diese Lichtgestalt als einer bei der WM Vergaben für Katar, für Australien gestimmt. Nach einer Aussage. Dann ist ja alles gut.
„Ich weiß nicht, ob es überhaupt noch jemanden gibt, der Sepp Blatter für den Richtigen hält, um jetzt für Aufklärung zu sorgen“, sagte Maas der „Bild“-Zeitung.

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