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06.07.2013

13:39 Uhr

Blutige Proteste

Ägypten im Griff der Gewalt

In mehreren Landesteilen regierte in der Nacht auf Samstag die nackte Gewalt. Hunderte Verletzte, zahlreiche Tote: Bis zum Morgen tobten Straßenschlachten zwischen Anhängern und Gegnern des gestürzten Präsidenten Mursi.

Kairo/WashingtonOffener Machtkampf am Nil: Nach dem Sturz des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi liefern sich Anhänger und Gegner des Islamisten blutige Straßenschlachten mit vielen Toten und Verletzten. Bei den Massenprotesten nach den Freitagsgebeten starben nach Angaben des Gesundheitsministeriums mindestens 30 Menschen, davon 16 durch Schüsse. Mehr als 1100 weitere wurden am Abend oder in der Nacht zum Samstag verletzt. Der von den Islamisten ausgerufene „Freitag der Ablehnung“ endete im Chaos. Mursis Anhänger wollen so lange mobil machen, bis ihr gestürzter Präsident wieder im Amt ist.

Bei der Berichterstattung über die Unruhen wurde der britische BBC-Journalist Jeremy Bowen angeschossen. Im Kurznachrichtendienst Twitter wurde ein Foto des Fernsehreporters veröffentlicht, das ihn mit einem Kopfverband zeigt. „Ich bin von ein paar Gewehrkugel-Splittern getroffen worden“, schrieb Bowen via Twitter.

Die meisten Opfer gab es in der Hafenstadt Alexandria, wo nach Berichten der Nachrichtenagentur Mena allein 12 Menschen starben und weitere 200 verletzt wurden. Unterdessen nahmen Sicherheitskräfte in Kairo den stellvertretenden Führer und Hauptfinanzier der Muslimbruderschaft, Chairat al-Schater, fest. Ihm wird Anstachelung zur Gewalt vorgeworfen.

Zuvor hatte am Freitag der Chef der Bruderschaft, Mohammed Badie, die Stimmung zwischen den verfeindeten Lagern aufgeheizt. In einer kämpferischen Rede vor einer Kairoer Moschee forderte er, Mursi freizulassen und wieder als Präsidenten einzusetzen. Dafür sei es auch wert, sein Leben einzusetzen. Das Militär rief er auf, nicht auf das Volk zu schießen. Ohnehin seien die Demonstranten mächtiger als Panzer: „Unsere nackte Brust ist härter als Kugeln.“ Sein Auftritt kam überraschend. Denn am Donnerstag hatte es in Sicherheitskreisen noch geheißen, Badie sei festgenommen worden.

Mindestens 30 Tote: „Tag des Zorns“ wurde zu Nacht der Gewalt

Mindestens 30 Tote

„Tag des Zorns“ wurde zu Nacht der Gewalt

Die Lage in Ägypten nach dem Sturz des Präsidenten Mursi ist explosiv. Bei stundenlangen Straßenkämpfen seiner Anhänger und Gegner gab es mindestens 30 Tote und Hunderte Verletzte. Das Militär kämpfte gegen das Chaos.

Blutige Zusammenstöße zwischen Anhängern und Gegnern Mursis, der seine Wurzeln in der Muslimburderschaft hat, wurden neben Alexandria auch aus Kairo, Suez sowie aus den Nil-Delta-Provinzen Damietta und Beheira gemeldet. Schwere Zwischenfälle ereigneten sich auch auf der Halbinsel Sinai. Nach Angaben von Ärzten wurden bei mehreren Angriffen insgesamt fünf Polizisten getötet. Hier war aber unklar, ob eine direkte Verbindung zum Sturz des Präsidenten bestand. Das Gebiet ist seit der Revolution, die den langjährigen Machthaber Husni Mubarak 2011 zu Fall brachte, extrem unsicher. In der Nacht beruhigte sich die Lage in allen Landesteilen.

In Alexandria konzentrierten sich die Krawalle am Abend auf den Stadtteil Sidi Gaber. Starke Einheiten von Armee und Polizei hätten versucht, Gegner und Anhänger des Islamisten Mursi zu trennen, berichtete die Onlineausgabe der staatlichen Zeitung „Al Ahram“.

Drei Tote gab es Medienberichten zufolge in der Hauptstadt Kairo. Zwei Mursi-Unterstützer wurden vor einem Offiziersheim der Republikanischen Garde im Stadtteil Heliopolis in der Nähe des Präsidentenpalastes getötet, wie „Al Ahram“ meldete. Ein weiteres Todesopfer gab es nach Angaben des staatlichen Fernsehens am Abend bei Straßenschlachten im Zentrum Kairos. 66 Menschen seien dort verletzt worden.

Kommentare (11)

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herman

06.07.2013, 09:41 Uhr

Wurde es nur vergessen, zu schreiben, dass die "Krawalle" erst nach dem "Freitagsgebet" ausbrachen? Die Ägypter würden gut daran tun, Religionsfreiheit in der Verfassung zu verankern und den Übergang von den Salafisten und Muslimbrüdern, Entschuldigung Mubarak, sorgfältig und möglichst sicher zu planen.

pool

06.07.2013, 10:11 Uhr

(...)
Mord und Totschlag sind das Resultat der westlichen Politik.

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.


Novaris

06.07.2013, 10:17 Uhr

HB:"„Alles was Rechtsstaatlichkeit angeht, also Gewaltenteilung zwischen Justiz, Parlament und Regierung, da hat Deutschland gute Erfahrungen. Dazu können wir Experten nach Ägypten schicken“.

Die "Experten" werden wohl nicht benötigt. Man wird in Ägypten schon wissen, wie die westliche Demokratie - insbesonere in der Bundesrepublik - funktioniert.
Dem Islam ist die westliche Demokratie "ungewohnt".
Hier liegt das Problem und es werden Experten benötigt, die Islamisten zu Demokraten umerziehen.
Ob das funktioniert ???

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