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05.07.2014

13:55 Uhr

BND-Doppelagent

Die USA ignorieren den Spionageskandal

VonAxel Postinett

Der Fall um den mutmaßlichen NSA-Doppelagenten könnte die transatlantischen Beziehungen belasten. Die USA fürchten, der Vorfall drohe „alle Schadensbegrenzung zunichte zu machen, die bisher erreicht worden sei“.

NSA-Affäre, so what? Es ist Independence Day – Barack Obama gibt ein Grillfest im Garten des Weißen Hauses. Reuters

NSA-Affäre, so what? Es ist Independence Day – Barack Obama gibt ein Grillfest im Garten des Weißen Hauses.

San FranciscoAmerika hat anderes zu tun. Die jüngste Spionageaffäre um einen 31-jährigen Angestellten des Bundesnachrichtendienstes ließ die USA am Freitag kalt. Am 4. Juli, dem Independence Day, startete das ganze Land in ein langes Wochenende. Warum sich die Laune verderben lassen? Denn selbst wenn es wahr wäre und er Informationen an die USA geliefert hat, dann wäre der Skandal hier eigentlich gar keiner.

Den bisherigen Informationen nach hat sich ein Mitarbeiter des Bundenachrichtendienstes offenbar selbst den amerikanischen Diensten als Informant angeboten und gegen Geldzahlungen Dokumente weitergeleitet. Darunter anscheinend pikanterweise Informationen über den NSA-Untersuchungsausschuss. Der befasst sich mit der Überwachung deutscher Staatsbürger durch den US-Geheimdienst. Bislang ist von offizieller Seite in Berlin nur die Rede von Spionage für einen fremden Geheimdienst. Der Mann wurde am Mittwoch verhaftet.

Das Weiße Haus gab am Freitag keine Stellungnahme zu den Vorgängen ab, Präsident Barack Obama grillte mit Soldatenfamilien im Garten des Weißen Hauses. Der Unabhängigkeitstag ist in den USA der wichtigste Nationalfeiertag und traditionell der Tag, um den Soldaten für ihren Einsatz zu danken. Auch die Geheimdienste CIA und NSA wollten sich nicht öffentlich äußern. Der US-Botschafter in Berlin wurde ins Außenministerium einbestellt. Er soll bei einer „zügigen Aufklärung“ des Sachverhalts mitwirken. Aber vor Montag wird das nichts, wenn überhaupt.

Wie die NSA das Internet überwacht

Immer neue Enthüllungen

Seit Sommer 2013 kommen immer neue Details über Spionageaktivitäten von Geheimdiensten im Internet ans Licht. Sie basieren auf Dokumenten, die der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden an Journalisten übergab. Ein Überblick über die zentralen Erkenntnisse.

Prism

Prism: Der Name stand zunächst für die gesamte Affäre, umfasst aber nur einen Teil des Repertoires der NSA. Über Prism hat der Überwachungsdienst Zugriff auf Nutzerdaten großer US-Internetfirmen, darunter Google, Yahoo, Microsoft und Facebook. Ein Geheimgericht ordnet die Herausgabe der Informationen an. Das seien etwa Inhalte von Mails, Suchanfragen oder Chats, berichtete die britische Zeitung „Guardian“. Die Firmen sind zum Stillschweigen verpflichtet. Die Internetriesen streiten vor Gericht dafür, mehr Details veröffentlichen zu dürfen.

Tempora

Tempora hießt ein Programm des britischen Dienstes GCHQ. Der GCHQ arbeitet eng mit der NSA zusammen. Gemeinsam mit Australien, Neuseeland und Kanada bilden die Länder die Allianz der «Five Eyes», («Fünf Augen»), in der Informationen ausgetauscht werden. Unter dem Codenamen Tempora soll der GCHQ mehr als 200 Glasfaserkabel anzapfen, über die Daten um die Welt rasen. So habe der GCHQ Zugriff auf den Internetverkehr, der über die angezapften Kabel läuft.

Xkeyscore

Die gewaltigen Datenmengen, die die NSA sammelt, müssen irgendwie ausgewertet werden. Dazu dient die Software XKeyscore. Damit können NSA-Analysten wie Snowden die Datenberge nach Verdächtigen durchsuchen. Der deutsche Bundesnachrichtendienst setze ebenfalls eine Version von XKeyscore ein, berichtete „Der Spiegel“.

Verschlüsselung aushebeln

Wenn Daten verschlüsselt durchs Netz geschickt werden, können Geheimdienste nicht einfach so mitlesen. Doch NSA und GCHQ können Medienberichten zufolge mehrere gängige Verschlüsselungstechniken knacken oder aushebeln, darunter die oft eingesetzt SSL-Technologie. Es ist allerdings unklar, welche Techniken genau in welchem Maße für die Dienste zugänglich sind.

Anonymität aufheben

Auch das Anonymisierungsnetzwerk Tor, mit dem Nutzer ihre Spuren im Netz verwischen können, war Spionageziel der NSA. Der Geheimdienst schaffte es allerdings wohl nicht, das Netzwerk direkt zu knacken.

Überwachung ausländischer Staatschefs

Nicht nur Angela Merkels Handy geriet offenbar ins Visier der NSA. Der „Guardian“ berichtete, der Nachrichtendienst habe Telefone von 35 Spitzenpolitikern überwacht. Auch die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff und ihr mexikanischer Kollege Enrique Peña Nieto seien ausgespäht worden.

Angriff auf Google und Yahoo

Die NSA konnte laut der „Washington Post“ den Datenverkehr zwischen den Rechenzentren der beiden Internet-Riesen abgreifen. In den Rechenzentren werden Informationen aus E-Mail-Diensten, Suchanfragen oder Dokumente der Nutzer gespeichert. Inzwischen sollen die Daten auch zwischen den Rechenzentren verschlüsselt unterwegs sein.

Die New York Times zitiert einen nicht genannten „Mitarbeiter der amerikanischen Aufklärung“ mit der Äußerung, der Vorfall drohe „alle Schadensbegrenzung zunichte zu machen, die bisher erreicht worden sei“. Die USA mussten zugeben, das Mobiltelefon von Bundeskanzlerin Angela Merkel abgehört zu haben. Am Mittwoch war zudem ein Student aus Bayern nach Recherchen des WDR und NDR als Ziel von NSA-Bespitzelung bekannt geworden. Er hatte einen Server für den Tor-Webbrowser betrieben. Tor verwischt theoretisch die Surf-Spuren im Internet.

Doch schon im Juli 2013 gelang es dem amerikanischen FBI zeitweise, Tor-Server in Frankreich zu übernehmen und durch einen eingeschleusten Schadcode die Nutzer zu identifizieren. Auch Besucher des Tor-Servers des bayerischen Studenten dürften jetzt einen Eintrag in einer Datenbank der NSA haben. Der Student ist der zweite namentlich bekannte Deutsche nach Angela Merkel, der von der NSA abgehört wurde. Ein von deutscher Seite nach den Enthüllungen der Spionageaffäre gefordertes „No-Spy-Abkommen“ lehnen die USA ab.

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